«Seine Rhetorik wirkt abstossend und aggressiv»

Der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze ordnet die Predigten und die politischen Ansichten Abu Ramadans ein.

Reinhard Schulze ist Professor an der Uni Bern  für Islamwissenschaften und Neuere Orientalische Philologie. Bild: Franziska Rothenbühler

Reinhard Schulze ist Professor an der Uni Bern für Islamwissenschaften und Neuere Orientalische Philologie. Bild: Franziska Rothenbühler

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Sie haben sich mehrere Predigten von Abu Ramadan angehört. Was war Ihr Eindruck?
Sowohl von der Rhetorik wie vom Auftreten her wirken diese Predigten sehr abstossend auf mich. Ihr deutlich aggressiver Unterton und die gebetsmühlenartige Wiederholung von Predigt­floskeln, die auch von zahllosen anderen Imamen vornehmlich wahhabitischer Herkunft bekannt sind, machen das Zuhören nicht gerade leicht.

Verbreitet Abu Ramadan Hassbotschaften?
Bei Abu Ramadan haben wir es letztlich mit impliziten Hassreden zu tun. Die Aggression wird in zum Teil sehr konventionellen Gebetsformeln verschleiert, die Antipathie gegenüber «dem Nicht­islamischen» tritt hingegen deutlich hervor und ist ziemlich scharf formuliert.

Lassen sich die Ansichten von Abu Ramadan einordnen? Ist er ein Muslimbruder oder ein Anhänger der Bewegung der Wahhabiten?
Abu Ramadan wie auch sein Patron, der libysche Mufti Sadiq al-Gharyani, stehen zum einen der Tradition der libyschen Muslimbrüder nahe, zum anderen suchen sie den Schulterschluss mit wahhabitischen Dissidenten, die sich in Fundamentalopposition zu den orthodoxen, aber apolitischen Wahhabiten in Saudi­arabien sehen. Dabei nutzen sie die Tatsache, dass diese orthodoxen «Altwahhabiten», die unter dem Schutz der staatlichen Ordnung stehen, schon seit den 40er-Jahren eine tiefe Feindschaft zu den Muslimbrüdern pflegen, denen sie eine verfehlte, mystizistische und politische Interpretation des Islam vorwerfen. Die dissidenten «Neuwahhabiten» hingegen reklamieren für sich selbst einen Führungsanspruch, den sie auch mit Gewalt durchzusetzen versuchen. Ein Kind dieser Richtung sind Jihadmilizen wie der sogenannte Islamische Staat. Radikale Flügel der eigentlich wertkonservativen Muslimbrüder haben sich nun in den letzten zehn Jahren zu diesen «Neuwahhabiten» hin geöffnet. Zu ihnen gehören auch Gharyani und Abu Ramadan.

In Libyen wurden Abu Ramadans Predigten über den Internetsender Tanasuh TV verbreitet. Was muss man sich darunter vorstellen, und wer steckt dahinter?
Patron des Senders ist der genannte, umstrittene libysche Mufti Sadiq al-Gharyani. Der Sender bietet ein rein «islamisches Programm», das in diesem Grenzbereich zwischen Muslimbrüdern und Neuwahhabiten angesiedelt ist. Wir sehen hier neben Predigten, islamischen politischen Gesprächsrunden, erbaulichen Sendungen und Bildungsprogrammen vornehmlich militante Propaganda, die eine Verherrlichung von Gewalt einschliesst.

In einer Predigt hat Abu Ramadan Gott gebeten, sich für die in der ostlibyschen Stadt Benghazi belagerten Menschen einzusetzen. Um wen handelt es sich bei diesen Belagerten?
Abu Ramadan nahm hier Bezug auf die Ansar ash-Sharia («Helfer der Scharia»), die im Februar 2017 von Truppen des libyschen Generals Haftar belagert und schliesslich aus Benghazi vertrieben wurden. Nach dieser Niederlage verkündete die Miliz im Mai 2017 ihre Selbstauflösung. Sie war im Februar 2012 als jihadistischer Kampfbund gegründet worden und verfocht ähnliche Ziele wie andere mit al-Qaida verbündete Gemeinschaften. Die meisten überlebenden Kämpfer der Ansar ash-Sharia schlossen sich nach Mai 2017 dem IS in Libyen an.

Im Konflikt zwischen Saudiarabien und Katar hat Abu Ramadan Partei für Katar ergriffen? Warum das, und was wirft er den Saudis vor?
Hier zeigt sich nochmals Abu Ramadans Nähe zu den Muslimbrüdern. Die Muslimbrüder sind ja in Saudiarabien schon seit 1947 verboten, weil ihr Machtanspruch und ihre für die wahhabitische Orthodoxie inakzeptable Islaminterpretation als Gefahr für das Königreich angesehen wurden. Katar hingegen hat die Tradition der Muslimbrüder vor allem seit den 70er-Jahren positiv rezipiert. Massgeblich war, dass Yusuf al-Qaradawi, ein ehemaliger Vordenker der ägyptischen Muslimbrüder, 1961 nach Katar emigriert war und dort die Internationalisierung der Bruderschaft vorantrieb. Der Emir von Katar erwies sich dabei als tatkräftiger Patron, der die Differenz der Muslimbrüder zu den Wahhabiten auszunutzen verstand, um dem schwelenden Machtkonflikt mit Saudi­arabien eine wirkungsmächtige Sprache zu verleihen. Abu Ramadan nutzt diese Kritik, um wie sein Patron Gharyani eine radikale Lesart der Muslimbrüdertradition anzubieten, eine Lesart, die beide in die Nähe neuwahhabitischer Dissidenten bringt. Ganz in deren Sinn attackieren beide die saudischen Herrscher als Tyrannen, Despoten und Verräter am Islam.

Der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) hat sich für Abu Ramadan starkgemacht. Gehören der Rat und der Bieler Prediger zum selben religiös-ideologischen Spektrum?
Der Islamische Zentralrat Schweiz bewegt sich in einer schwer zu definierenden Grauzone zwischen Muslimbrüdern und wahhabitischem Dissidententum. Daher erstaunt es nicht, wenn der IZRS den Bieler Prediger in Schutz nimmt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2017, 23:06 Uhr

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Reinhard Schulze


Der Professor für Islamwissenschaften an der Universität Bern hat sich mehrere Predigten von Abu Ramadan angehört und einige Stellen daraus übersetzt.

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