Selbst beim Vorzeigeprojekt geht ein Teil der Natur verloren

Der Bundesrat will die Biodiversität erhalten. Ein Bahn-2000-Projekt der SBB zeigt, wie schwierig das ist.

Zerschnittener Lebensraum: In der Brunnmatte fehlen heute Tiere wie die Feldlerche, der Kiebitz oder der Sumpfgrashüpfer. Foto: PD

Zerschnittener Lebensraum: In der Brunnmatte fehlen heute Tiere wie die Feldlerche, der Kiebitz oder der Sumpfgrashüpfer. Foto: PD

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Die Bevölkerung wächst, die Zersiedelung schreitet fort, neue Infrastrukturen zerstückeln Lebensräume, auf Felder und in Gewässer gelangen tonnenweise Pestizide: Diese Entwicklung, die in der Schweiz seit Jahrzehnten läuft, hat ihren Preis. Zu diesem Fazit gelangt ein Bericht, den das Bundesamt für Umwelt (Bafu) im Juli publiziert hat. Gegen die Hälfte der untersuchten Lebensräume und mehr als ein Drittel der Tier- und Pflanzenarten seien mittlerweile bedroht, so das Resümee.

Der Bundesrat will nun Gegensteuer geben. Am Mittwoch hat er den Aktionsplan Biodiversität verabschiedet, ein ­Paket mit 26 Massnahmen, die alle dasselbe Ziel haben: die biologische Vielfalt erhalten und fördern. Dass Handlungsbedarf besteht, hat Doris Leuthard (CVP) gestern vor den Medien klargemacht. Biodiversität erscheine auf den ersten Blick vielleicht als nicht sehr wichtig, sei aber für den Lebensraum Schweiz absolut zentral, so die Umweltministerin.

Welche Aufgabe sich stellt, zeigt sich beispielhaft an der Bahnstrecke von Mattstetten bei Bern nach Rothrist bei Olten. Als ein zentrales Element der Bahn 2000 durchtrennt der 2004 fertig erstellte Abschnitt einen ökologisch wertvollen Lebensraum: die Brunnmatte, eine alte Kulturlandschaft, die im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler (BLN) verzeichnet ist. Bei der Planung in den 90er-Jahren stiessen die SBB denn auch auf Widerstand. Das Bafu, das damals noch Buwal hiess, hielt die Linienführung für nicht umweltverträglich.

Für ihre Eingriffe in die Natur und Landschaft mussten die SBB in der Folge ökologische Ersatzmassnahmen umsetzen, dies auf einer Fläche von rund 50 Hektaren, was in etwa 70 Fussballfeldern entspricht. Dazu gehören zum Beispiel Durchlässe unter den Bahngeleisen für Wildtiere oder Steinriegel sowie Asthaufen entlang der Bahnböschungen für Reptilien. Für die Pflege der Flächen bis 2030 müssen die SBB insgesamt 2,5 Millionen Franken bereitstellen. Danach geht das Gebiet an den Kanton Bern über. Bereits beim Bau der Neubaustrecke haben die SBB und der Kanton Bern vereinbart, dass die ökologischen Ersatzmassnahmen im Gebiet der Brunnmatte später mit einem kantonalen Beschluss langfristig unter Schutz gestellt werden sollen.

Von 52 Zielarten 37 gefunden

Ob die Bemühungen der SBB greifen, kontrollieren externe Fachleute. Nun, nach drei Erhebungen 2007, 2011 und 2015, liegt das Resultat vor. Die Ziele der Ersatzmassnahmen seien «zum Teil erreicht worden», heisst es im Bericht, den das Bafu jüngst auf seiner Website aufgeschaltet hat. 52 Zielarten hatten die Fachleute definiert, 15 davon haben sie nicht mehr aufspüren können, was knapp 30 Prozent entspricht. Dazu gehört zum Beispiel der Sumpfgrashüpfer, eine bedrohte Heuschreckenart. Auch sind Tiere wie die Feldlerche oder der Kiebitz nicht wieder zurückgekehrt, wie sich dies Fachleute erhofft haben. Bei 37 Zielarten wurden die Kontrolleure in zumindest einem Erhebungsjahr fündig, dazu zählen etwa die Bachforelle und der Grasfrosch. Zudem haben sie einige Arten, die 2007 gefehlt haben, neu beobachtet, zum Beispiel den Schachbrettfalter, einen Schmetterling.

Das Bafu bezeichnet die Umsetzung des Projekts der SBB als insgesamt gut. Und gerade deshalb ist das Fazit von Leuthards Umweltexperten so bedeutsam: «Es gibt offensichtlich Lebensräume, die sich selbst mit grossem Aufwand und auch bei einer vorbildlichen Umsetzung nicht vollständig ersetzen lassen», sagt Laurence von Fellenberg von der Bafu-Sektion Landschaftsmanagement. Deshalb müsse ihr umfassender Schutz grundsätzlich Vorrang haben.

Bafu widerspricht den SBB

Auch die SBB räumen ein: «Bauliche Eingriffe können durch Massnahmen nicht immer vollständig eins zu eins ersetzt werden.» Allerdings war laut SBB zu erwarten, dass nicht alle Zielarten gefunden werden. Als Grund führen sie die «generelle Veränderung der Natur» an. Gemeint sind damit vom Projekt unabhängige Entwicklungen wie der Verlust von Lebensraum, der auf regionaler oder nationaler Ebene stattfindet und bis in die Brunnmatte ausstrahlt.

Das Bafu indes widerspricht. «Ohne die neue Linienführung wäre dieser kostbare Lebensraum nicht zerschnitten und punkto Biodiversität nicht geschwächt worden», sagt von Fellenberg. Sie erinnert daran, dass bei der Planung einst zur Debatte stand, einen Tunnel unter der Brunnmatte zu bauen. Aus ökologischer Sicht, so die Bafu-Expertin, wäre dies das Beste gewesen. Doch das Projekt verschwand wieder in der Schublade – wegen drohender millionenschwerer Baukosten.

Erstellt: 07.09.2017, 19:43 Uhr

Artenverlust bekämpfen – mit 80 Millionen Franken pro Jahr

Der Bundesrat versucht fortzusetzen, was er 1992 begonnen hat: Damals, am Nachhaltigkeitsgipfel in Rio de Janeiro, unterzeichnete die Schweiz die Konvention über die biologische Vielfalt. Das Abkommen, das inzwischen 193 Staaten unterschrieben haben, sieht unter anderem die Erarbeitung nationaler Strategien vor. Wie diese konkret aussehen soll, beschloss der Bundesrat am Mittwoch – fünf Jahre nachdem er die Strategie Biodiversität Schweiz verabschiedet hatte. Umweltministerin Doris Leuthard (CVP) stellte gestern den entsprechenden Aktionsplan vor. Die Kosten für den Bund belaufen sich bis 2023 auf bis zu 80 Millionen Franken pro Jahr; rund die Hälfte davon will der Bundesrat zu den schon bestehenden Ausgaben aufwenden. Weitere Mittel kommen von den Kantonen. Das sei nicht wenig Geld, so Leuthard. Der Aktionsplan sei aber allemal billiger, als später die Schäden zu repa­rieren.

Die erste Umsetzungsphase 2017 bis 2023 enthält Sofortmassnahmen, die teilweise schon laufen. Dazu zählen etwa die Schaffung neuer und grösserer Waldreservate und die spezifische Förderung national prioritärer Arten. Nebst Sensibilisierungsmassnahmen enthält der Aktionsplan zudem 19 Pilotprojekte mit verschiedenen Zielen; eines davon ist, die Biodiversität in Agglomerationen zu fördern. Ab 2024 folgt eine zweite Umsetzungsphase bis 2027. Anschliessend soll eine Gesamtevaluation etwaige verbliebene Defizite aufzeigen. Sie soll als Entscheidungsgrundlage für eine Weiterführung des Aktionsplans dienen.

Den Umweltverbänden gehen die Pläne des Bundesrats zu wenig weit. Die Massnahmen seien unzureichend und zu unverbindlich, kritisieren Birdlife Schweiz, Pro Natura und WWF Schweiz. Die zusätzlich gesprochenen Mittel halten sie für dringend nötig, aber nicht ausreichend: Der Berg habe eine Maus geboren. Zwölf Jahre seien seit dem ersten Vorstoss im Parlament für einen Aktionsplan vergangen. «In der Zwischenzeit sind viele Lebensräume zerstört worden und Arten verschwunden.» (sth)

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