Welsches Wunschdenken

Unterdessen in Biel BE: Eine Umfrage behauptet, 87 Prozent aller französischsprachigen Bieler fühlten sich benachteiligt. Ist es tatsächlich so schlimm?

Für den Bürgermeister gibt es keinen Röstigraben, der sich mitten durch seine Stadt aufgetan hat: Biel mit Bahnhof. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Für den Bürgermeister gibt es keinen Röstigraben, der sich mitten durch seine Stadt aufgetan hat: Biel mit Bahnhof. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

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Wer in Biel ein Café betritt, versteht es spätestens am Zeitungsständer. Da steckt das «Bieler Tagblatt» neben «Le Matin», «Le Canard enchainé» neben dem «Nebelspalter». In der zweitgrössten Stadt des Kantons Bern durchdringt die Zweisprachigkeit den Alltag der Menschen, wird gar stolz zelebriert. Das Bieler Modell wird darum gerne als positives Beispiel herangezogen, wie man in der Unterschiedlichkeit einig und glücklich sein kann. Dort in der Uhrenmetropole versteht man sich eben.

Nun erreicht uns aber eine Nachricht, die dieses romantische Bild der Stadt ohne ausgrenzerische Sprachbarrieren trübt. Oder noch schlimmer: Für immer zerstören könnte. Denn eine Umfrage bei 558 Personen hat ergeben: 87 Prozent, also fast alle Romands, fühlen sich benachteiligt, sprich: weniger gut behandelt als ihre deutschsprachigen Mitmenschen. Bei der letzten Umfrage im Jahr 2008 waren es noch 53 Prozent. Die Lage muss sich also für die welsche Minderheit in letzter Zeit erheblich verschlechtert haben.

Die neue Anspruchshaltung

Was wollen uns diese Umfragewerte konkret sagen? Werden les Welsch die guten Jobs vorenthalten? Die Kinder auf dem Pausenplatz gehänselt? Im Bistro nicht mehr bedient und damit um den wohlverdienten Vin blanc gebracht? Mitnichten, meint Erich Fehr. Der Bieler Bürgermeister sieht absolut kein Problem im Bilingue-Bereich. Für ihn gibt es keinen Röstigraben, der sich mitten durch seine Stadt aufgetan hat. Die hohe Zahl von Unzufriedenen ist für Fehr vielmehr ein Ausdruck der neuen Anspruchshaltung der Welschen. «20 Minutes» diktierte er in väterlichem Ton: «Mit all dem, was wir für die Romands gemacht haben, sind auch ihre Erwartungen gestiegen.»

Doch nicht nur die Wünsche sind grösser, auch die Anzahl der französischsprachigen Bieler ist gestiegen. Die 40 Prozent bedeuten Rekord. Dieser Anstieg sei vor allem den Zuzügern aus der Genferseeregion zu verdanken, heisst es. Und da die Bewohner dieses von der Weltenwerdung geküssten Landstrichs als selbstbewusst und anspruchsvoll gelten, könnte man zum Schluss kommen: Das Umfrageresultat ist vor allem wegen der verhätschelten Zuzüger aus dem Süden so stark negativ ausgefallen.

Und wenn wir schon bei demografischen Spekulationen sind: Die offenbar vielen unzufriedenen Bieler könnte schlicht auch die Angst vor dem Alleinsein zu solch Aussagen getrieben haben. Denn kommenden Juni stimmt Moutier mit seinen knapp 7700 Einwohnern (Stand Dezember 2015) über einen Kantonswechsel ab. Das würde bedeuten, dass die frankofone Minderheit im Kanton Bern stark zurückgehen würde. Für das Savoir-vivre wären dann vor allem die Bieler zuständig. Eine grosse Last, die da drückt.

Die Rubrik «Unterdessen in» erscheint jeden Samstag in der gedruckten Ausgabe des «Tages-Anzeigers» und jeweils montags im «Bund». In den nächsten acht Wochen möchten wir herausfinden, ob sich auch unsere Online-Leser für skurrile Geschichten aus der ganzen Schweiz interessieren. Sie können uns dabei helfen – indem Sie untenstehende Umfrage beantworten. Besten Dank!

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Erstellt: 23.12.2016, 14:26 Uhr

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