Showdown im Aargau: Das wird einer der spannendsten Wahlkämpfe

Bereits jetzt zeigt sich, dass die Ständeratswahlen im bürgerlichen Kanton für Überraschungen sorgen könnten.

Die beiden Aargauer Standesvertreter Pascale Bruderer und Philipp Müller treten zurück, sechs potenzielle Nachfolger stehen bereit: Blick in den Ständeratssaal, Aufnahme vom Februar 2018.

Die beiden Aargauer Standesvertreter Pascale Bruderer und Philipp Müller treten zurück, sechs potenzielle Nachfolger stehen bereit: Blick in den Ständeratssaal, Aufnahme vom Februar 2018. Bild: Keystone

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Politische Sensationen gibt es immer wieder. Als die Wähler des tiefbürgerlichen Aargau 2009 die Grüne Susanne Hochuli in die Regierung wählten. Oder als sie 2011 die Sozialdemokratin Pascale Bruderer in den Ständerat schickten. Wenn Persönlichkeit, politische Konstellation und Glück zusammenspielen, ist vieles möglich.

Deshalb wird der Wahlkampf spannend, der nun mit der Nomination des FDP-Nationalrats Thierry Burkart beginnt. Der Aargau hat beide Ständeratssitze neu zu besetzen, Philipp Müller und Pascale Bruderer treten im Oktober 2019 nicht mehr an. Mit Burkart, den die Aargauer FDP-Delegierten gestern Abend in Dottikon mit 154 zu 38 Stimmen Matthias Jauslin vorgezogen haben, ist die Reihe der Kandidierenden vorerst vollständig.

Neben Burkart treten an: Die Nationalräte Hansjörg Knecht (SVP), Cédric Wermuth (SP) und Beat Flach (Grünliberale), Grossrätin Marianne Binder und die Badener Stadträtin Ruth Müri (Grüne).

Rollenwechsel bei der SP

Vier Nationalräte und mit Marianne Binder eine weitere national bekannte Politikerin – das erhöht die Chance auf Überraschungen. Normalerweise, sagen Beobachter der Aargauer Politik, müssten Knecht und Burkart gewinnen. Obwohl die SP bei den letzten Grossratswahlen aufgeholt hat und mit gut 18 Prozent sogar ein wenig vor der FDP liegt. Doch bei Ständeratswahlen zählt weniger die Parteistärke, wichtiger sind Bekanntheit und solide Mehrheitsfähigkeit der Kandidierenden.

Deshalb hängt die Chance von SP-Kandidat Wermuth, seine Parteikollegin zu beerben, vor allem davon ab, ob ihm der Rollenwechsel vom provokativen Jungsozialisten zum Standesvertreter mit staatsmännischem Habitus gelingt. Bruderer war als moderate Sozialdemokratin auch für Bürgerliche wählbar. Wermuth trat zu Beginn seiner Politkarriere vor rund zehn Jahren mit einem Joint vor die Medien und ist mit seinem jugendlichen Alter von gut 30 Jahren etwas jung für den Ständerat, in den die Wählerschaft oft Personen gesetzteren Alters schickt.

Das sind die aussichtsreichsten Kandidaten: Cédric Wermuth (SP), Marianne Binder (CVP) und Thierry Burkhart (FDP). (Foto: Keystone)

Manche nehmen ihm beziehungsweise der Aargauer SP auch übel, dass mit Wermuth ein Mann kandidiert und nicht Nationalrätin Yvonne Feri, die sich ebenfalls für eine Kandidatur beworben hatte. Die Stimmenverhältnisse bei den Sozialdemokraten waren ähnlich eindeutig wie jene bei der FDP: Die Delegierten nominierten Wermuth mit überwältigendem Mehr. Ein Fehler, sagt Grünen-Nationalrätin Irène Kälin, die gerne zwei Frauen auf den Wahlzettel geschrieben hätte. Sie nehme es der SP übel, dass sie entgegen ihrer eigenen Ansage, 2019 zum Frauen-Wahljahr zu erklären, den männlichen Kandidaten vorziehe.

«Der zweite Wahlgang ist unser grösstes Risiko»

Auch die SVP hat ein Handicap: mit 38 Prozent den weitaus grössten Wähleranteil, aber einen wenig bekannten Kandidaten. Hansjörg Knecht besitzt trotz seiner sieben Jahre im Nationalrat und des verlorenen Ständeratswahlkampfs 2015 (Wahlslogan: «Knecht wählen, Könige hat es genug») über den Aargau hinaus wenig Strahlkraft. Thierry Burkart wird die Wahl im ersten Anlauf eher zugetraut.

Möglich aber auch, dass sich die Stimmen der knapp 700'000 Einwohner auf die sechs Kandidierenden so verteilen, dass niemand das absolute Mehr (die Hälfte der Stimmen plus 1) erreicht. Und der zweite Wahlgang, sagt SVP-Nationalrat Luzi Stamm, sei für die Bürgerlichen «das grösste Risiko». Sollte beispielsweise Thierry Burkart im ersten Wahlgang gewählt werden und im zweiten Wahlgang Knecht gegen Marianne Binder, Cédric Wermuth, Beat Flach und Ruth Müri antreten, wäre der Ausgang offen. Die bürgerlichen Stimmen würden sich auf drei Kandidaten verteilen, was Wermuth und Müri helfen würde.

Doch auch Marianne Binder werden Chancen zugerechnet, wenngleich ihre Partei im Aargau auf eine Splittergrösse von rund 8 Prozent geschrumpft ist. Binder ist als Präsidentin der CVP Aargau und Präsidiumsmitglied der CVP Schweiz gut vernetzt, ausserdem ist der Name Binder ein altes Aargauer Polit-Geschlecht. Marianne Binders Vater wie auch ihr Schwiegervater haben die CVP jahrzehntelang im eidgenössischen Parlament vertreten. 2011 ist ihr der Einzug in den Nationalrat missglückt, die CVP verlor damals erdrutschartig zwei ihrer drei Nationalratsmandate.

SVP-Grössen treten zurück

Ein weiterer Faktor, der den Aargauer Wahlkampf mitprägen wird, ist der Rücktritt mehrerer älterer Stimmenfänger: Die Nationalräte Ulrich Giezendanner, Sylvia Flückiger und Maximilian Reimann treten 2019 nicht mehr zu den Wahlen an, eventuell wird auch Luzi Stamm seinen Verzicht erklären. Damit verliert die SVP Aargau drei oder vier von sieben Wahlkampf-Lokomotiven, auf der Liste werden sie ersetzt von vielen jungen, vergleichsweise unbekannten Politikern.

Der Mehrfach-Rücktritt hat vielerlei Gründe, einer ist die Altersguillotine der Aargauer SVP, die ab einem gewissen (Amts-)Alter ein Zweidrittelsmehr der Delegierten verlangt für die Wiederkandidatur. Maximilian Reimann beispielsweise will sich dieser Hürde gar nicht erst stellen. Er plant stattdessen eine eigene, parteiübergreifende Seniorenliste für den Nationalrat. Noch sei nicht spruchreif, ob die Liste zustande komme und wer mitmacht, sagt Reimann. Es bleibt also spannend.

Erstellt: 30.11.2018, 11:46 Uhr

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