Sicherheit als Kostenfaktor

Die Atomaufsicht nimmt Rücksicht auf die klammen AKW-Betreiber und gibt ihnen viel Zeit, um gegen Erdbeben nachzurüsten.

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Es hätte ein Leuchtturmprojekt für die Atomaufsicht Ensi werden sollen. 1999 legte das Ensi fest, dass die Erdbebengefahr an den AKW-Standorten neu berechnet werden muss. Doch als 2004 eine umfassende Studie internationaler Experten vorlag, die eine deutlich höhere Erdbebengefahr aufzeigte, liefen die AKW-Betreiber dagegen Sturm – sie fürchteten die Kosten für teure Nachrüstungen. Das Ensi lenkte ein. Nachgerüstet wurde nur schrittweise. Eine neue, von den Betreibern geleitete und finanzierte Erdbebenstudie sollte «verfeinerte» Resultate liefern. Doch diese verzögerte sich immer wieder. Das Vorzeigeprojekt wurde zur Endlosschlaufe. Gestern endlich präsentierte das Ensi die Werte der stärksten Erdbeben, die an den Standorten der AKW einmal in 10'000 Jahren zu erwarten sind. Klar, man rüstet sich diesbezüglich für sehr seltene Ereignisse. Doch diese können sich schon morgen ereignen. Alle schweren AKW-Unfälle geschahen aufgrund von Naturkatastrophen, Fehlhandlungen oder unglücklichen Verkettungen, die im Voraus als kaum vorstellbar galten. Angesichts der extremen Schäden muss das Restrisiko sehr klein sein. Es ist die offizielle Messlatte für AKW-Sicherheit.

Doch bei der Neueinschätzung des Erdbebenrisikos zeigt sich auch jetzt dasselbe durchzogene Bild, welches das ganze Projekt prägte. Für die Standfestigkeit der Atomaufsicht spricht, dass sie die Werte der wissenschaftlich teilweise mangelhaften Studie der Betreiber nach oben korrigierte. Dagegen spricht aber, dass das Ensi den AKW-Betreibern sehr lange Fristen bis 2020 einräumte, um die Standfestigkeit ihrer AKW bei seltenen Erdbeben nachzuweisen.

Aufsicht und Betreiber betonen nun, die langen Fristen seien vertretbar, weil der Nachrüstbedarf der AKW gering sei. Das mag sein, wissen wird man es nun erst viel später. Fest steht bereits jetzt: Falls doch grössere Nachrüstungen nötig werden sollten, gewinnen die Stromkonzerne viel Zeit. Das nützt den finanziell klammen AKW-Betreibern. Faktisch hat das Ensi getan, was es offiziell bestreitet: Es hat mit den Betreibern verhandelt und eine Lösung beschlossen, die auf ihre wirtschaftliche Lage Rücksicht nimmt.

Erstellt: 30.05.2016, 21:46 Uhr

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