Sie flehen auf seinem Handy

Ashti Amir erlebt von Bern aus, wie Aleppo kaputtgeht.

Versucht Anrufern aus Aleppo Hoffnung zu geben: Ashti Amir. Foto: Fabian Unternährer (13 Photo)

Versucht Anrufern aus Aleppo Hoffnung zu geben: Ashti Amir. Foto: Fabian Unternährer (13 Photo)

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«Die wenigsten Menschen dort wissen, warum sie sterben müssen», sagt er zur Begrüssung. Zwei Strassenzüge weiter, wir laufen durch die Berner Altstadt, hat Ashti Amir die geopolitische Situation seiner Heimat skizziert, die Pipelines für Gas und Öl genannt, die sein Land durchkreuzen, die strategischen Interessen von Russland, Israel, Katar, Saudiarabien, des Iran, der Türkei und der USA aufgefächert. In der Beiz berichtet er von brennenden Kindern in Aleppo, seiner Heimatstadt, von zerbombten Spitälern und eingeschlossenen Rebellen. Dann bestellt er eine Cola.

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Man braucht eine Weile, bis man es merkt: Ashti Amir erzählt alles im selben Tonfall. Wenn er vom «Menschenmassaker in Aleppo» redet und einem die flehenden Anrufe abspielt, die sein Beantworter aufgefangen hat, bleibt sein Gesicht ausdruckslos.

Das hat wohl damit zu tun, dass seine Gefühle aufgebraucht sind. Amir hat zu viele Anrufe bekommen, zu schreckliche Bilder gesehen. Er war zu oft in seiner Stadt, die bei jedem Besuch noch kaputter aussah als beim letzten Mal. Was er denn den Leuten sage, fragt man ihn, die ihn aus Aleppo anrufen? «Sie sollen weiter hoffen.» Was sagen jene, die nicht mehr hoffen? «Dass sie sterben werden.» Dann spricht er von den Fehlern der Revolution, als würde es noch jemand wagen, gegen das Regime aufzustehen.

Unerträglicher Widerspruch

Ashti Amir, der kurdische Politologe, realisierte früh, dass Widerspruch in Syrien keine gute Idee ist. Nachdem er den Assad-Clan öffentlich kritisiert hatte, musste er fliehen und gelangte in die Schweiz. Das war vor 15 Jahren. Amir lernte Deutsch, diente als Übersetzer, bildete sich zum Flüchtlingshelfer fort. Seit einigen Jahren arbeitet er als stellvertretender Leiter einer Kollektivunterkunft im Kanton Bern. Dazu unterhält er SyriAid, eine Hilfsorganisation. Mit seiner Frau lebt er in Bern, das Paar hat drei Kinder. Letzte Woche hat seine Tochter Darin einen Vortrag über Syrien gehalten. Mit Powerpoint. Der Vater half bei der Bildauswahl. Eine Aufnahme zeigt seine alte Schulklasse: fünfzig Kinder. Die Schule ist zerstört.

Je länger das Gespräch dauert, desto deutlicher zeigt sich die Bedeutung seiner Arbeit: Sie hilft ihm, den Widerspruch zwischen dem Leben in Bern und dem Sterben in Aleppo zu ertragen. Amirs Eltern sind aus der Stadt geflohen, seine Brüder haben das Land verlassen, viele seiner Freunde sind tot.

Beim Abschied bedankt er sich für das Interesse. Abends will er an einer Schweigedemonstration auf dem Bundesplatz teilnehmen. Zur Arbeit ist er heute nicht gegangen. Aus diesem Hinweis kann man ableiten, was in ihm vorgeht. Sein Handy vibriert. Die Waffenruhe sei gebrochen, schreibt ein Zahnarzt aus Aleppo, die Strassen seien voller Zivilisten. «Wir werden von Artillerie, Panzern und Clusterbomben bombardiert.» Ashti Amir steckt sein Handy wieder ein.

Erstellt: 15.12.2016, 18:48 Uhr

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