Der 85-Jährige hat Schmerzen, die Ärzte wiegeln ab

Viele ältere Menschen in der Schweiz fühlen sich nicht ernst genommen. Eine Umfrage zeigt, was sie beschäftigt.

Gewerkschaftsverbände und der Seniorenrat fordern einen besseren rechtlichen Schutz gegen Altersdiskriminierung. Foto: Keystone

Gewerkschaftsverbände und der Seniorenrat fordern einen besseren rechtlichen Schutz gegen Altersdiskriminierung. Foto: Keystone

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Mühe beim Einschlafen? «Soll vorkommen.» Ein bisschen trist? «Jeder hat mal einen schlechten Tag.» Schmerzen beim Treppensteigen? «Ganz normal in Ihrem Alter.»

So klingt es in manchen Schweizer Arztpraxen und Spitälern, wenn ältere Patienten behandelt werden. Pro Senectute hat heute eine repräsentative Studie zur Benachteiligung im Alter veröffentlicht. Sie zeigt: Gemäss Hochrechnungen fühlen sich über 180'000 Personen im Pensionsalter in der Schweiz im Gesundheitsbereich benachteiligt. Jeder zehnte Senior denkt, dass er von den Ärzten nicht ernst genommen wird, und kritisiert die höheren Kosten bei den Zusatzversicherungen. Ausserdem geben viele ältere Personen an, das Gefühl zu haben, dass sie von Behandlungen wie Reha-Aufenthalten ausgeschlossen werden.

Ärzte sind gestresst

Ein 85-jähriger Mann liegt nach einer Operation im Spitalbett. Er hat Bauchweh. Mehrmals drückt der Senior die Glocke, klagt über die starken Schmerzen. Das Pflegepersonal und die Ärzte hätten laut Schilderung des Betroffenen alles kleingeredet, sagt Daniel Tapernoux von der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz. Er hat den Mann im Nachhinein beraten, weil er sich nicht richtig behandelt gefühlt habe.

Am Wochenende hätten die Angehörigen nachgehakt. Nach einer Computertomografie war klar: Bluterguss bei den Nieren mit Beginn einer Blutvergiftung.

«Bei jedem zweiten Patienten, den wir beraten, geht es darum, bei schwerer Erkrankung nicht ernst genommen worden zu sein», sagt Tapernoux. Diese Kränkung zu thematisieren, sei für die Patienten viel wichtiger, als Schadensersatz zu fordern. Tapernoux hat selbst als Arzt gearbeitet. «Ich will nicht nach Ausreden suchen», sagt er und versucht dann, das Verhalten seiner Kollegen zu erklären.

«Es ist so sozial akzeptiert, dass wir es gar nicht wahrnehmen.» Delphine Roulet Schwab, Forscherin, über Alters-Diskriminierung

Nach über 12 Stunden Arbeit im Spital sei es schwierig, noch empathisch zu sein. Viele Ärzte seien gestresst, das Personal knapp. Bei jüngeren Menschen ist die wahrgenommene Diskriminierung im Gesundheitsbereich laut der Studie geringer. Sie seien eher bereit, nochmals nachzufragen, sagt Tapernoux. Ältere Menschen hingegen hätten mehr Hemmungen. Einen Arzt anzuzweifeln oder gar zu einem anderen zu wechseln, sei für sie eine grosse Sache.

Delphine Roulet Schwab forscht an der Haute Ecole de la Santé La Source im Lausanne zur Diskriminierung von älteren Menschen. «Ärzte behandeln ältere Menschen manchmal wie Kinder», sagt sie. Das sei frustrierend. Die Diskriminierung von älteren Personen sei gar häufiger als Sexismus und Rassismus. «Es ist so sozial akzeptiert, dass wir es gar nicht wahrnehmen.»

Spitäler und Arztpraxen sind sich der speziellen Patientengruppe bewusst. Für den Ärzteverband FMH gehören ältere Personen wie Kinder und Migrantinnen zu den vulnerablen Gruppen, die erhöhte Aufmerksamkeit und Sorgfalt brauchen. Gemeinsam mit Altersorganisationen hat der Verband ein Merkblatt für den Arztbesuch entwickelt: kurze klare Fragen stellen, nicht auf einen Entscheid drängen, den Impfausweis mitnehmen.

Von Reha ausgeschlossen

Der häufigste Punkt, den Senioren am Gesundheitswesen kritisieren, sind laut der Studie von Pro Senectute die Kosten. Die Prämien für die Grundversicherung sind zwar für alle gleich – die Jüngeren finanzieren die Älteren mit –, doch bei den Zusatzversicherungen gibt es Unterschiede. Es könne vorkommen, dass ältere Versicherte mehr bezahlten, da die Leistungen im Alter auch höher seien, sagt die CSS. Die KPT hat für Zusatzversicherungen eine Alterslimite. Ab 70 Jahren sind Neuabschlüsse nicht mehr möglich.

Die Solothurner Nationalrätin Bea Heim (SP) kritisiert die ungenügende Reha-Versorgung älterer Menschen. Es sei zu befürchten, dass die Tarifrevision in Zukunft gar einen Grossteil älterer Menschen von den Chancen auf eine Reha-Therapie ausschliesse und ins Pflegeheim abschiebe.

«Es ist eine starre Vorstellung, dass nur junge Leute, welche die Wirtschaft braucht, Anrecht auf einen Reha-Aufenthalt haben.»Elsbeth Wandeler, Mitglied Seniorenrat

Elsbeth Wandeler wurde eine Reha Behandlung verwehrt. Nachdem die 72-Jährige ein neues Hüftgelenk bekam, war für sie klar: Sie will in die Reha, um wieder gesund zu werden. Die Krankenkasse habe nur die Physiotherapie bezahlt, nicht eine stationäre Rehabilitation, sagt Wandeler, die im nationalen Seniorenrat mitwirkt und sich politisch für die Rechte von älteren Menschen einsetzt. «Es ist eine starre Vorstellung, dass nur junge Leute, welche die Wirtschaft braucht, Anrecht auf einen Reha-Aufenthalt haben.» Eine Studie des Bundesamtes für Gesundheit von 2017 zeigt allerdings: Über die Hälfte der Hospitalisierungen wegen Rehabilitation betraf die 65- bis 84-Jährigen.

An der Uni ein Thema

Bereits in der Ausbildung werden junge Ärzte geschult, wie sie mit älteren Patienten umgehen sollen, auch mit simulierten Patienten. An der Universität Zürich wird gerade der Lehrplan überarbeitet. Die Kommunikation zwischen Patient und Arzt soll stärker gewichtet werden, ein Themenblock «Altersmedizin» neu hinzugefügt. Der Ärzteverband FMH fordert mehr Ressourcen für die Betreuung älterer Menschen, da es wegen des demografischen Wandels immer mehr ältere Patienten gibt.

Zwei Initiativen sind geplant. Gewerkschaftsverbände und der Seniorenrat fordern einen besseren rechtlichen Schutz gegen Altersdiskriminierung. Das «Netzwerk Gutes Alter» will, dass die Sozialversicherungen auch Formen des betreuten Wohnens abdecken. Zudem kandidieren so viele Senioren wie noch nie auf eigenen Listen für den Nationalrat. Sie kämpfen für etwas, das eigentlich in der Bundesverfassung steht: «Niemand darf wegen seines Alters diskriminiert werden.»

Erstellt: 01.10.2019, 08:00 Uhr

1311 ältere Menschen befragt

Am heutigen Tag des Alters stellt Pro Senectute ihre Studie zur Benachteiligung von älteren Menschen vor. GFS Zürich hat dafür 1311 Telefoninterviews geführt und eine für die Schweiz repräsentative Studie erstellt.

Laut dieser fühlen sich die Befragten aufgrund ihres Alters am ehesten bei der Stellensuche (14 Prozent) und bei der Gesundheitsversorgung (11 Prozent) diskriminiert. Bei der Suche nach Informationen (8 Prozent) und beim Freizeitangebot (7 Prozent) sind sie weniger eingeschränkt.

Das Ansehen der Senioren in der Öffentlichkeit ist laut der Umfrage mehrheitlich positiv. Je älter die Befragten sind, desto häufiger fühlen sie sich sogar zuvorkommend behandelt. Zwischen Frauen und Männern gibt es keine grossen Unterschiede. (tiw)

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