«Sie könnten etwas bewegen, Frau Keller-Sutter»

Bundesrätin Karin Keller-Suter schrieb dem Frauenstreik keine grosse Wirkung zu. Zu Unrecht.

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Hunderttausende von Frauen (und auch viele Männer) in der ganzen Schweiz sind am 14. Juni für den Frauenstreik auf die Strasse gegangen. Sie sagten am gleichen Tag im Fernsehen: «Ich glaube nicht, dass der Streik per se hier etwas bewegen kann.»

Monatelang haben sich, in allen Kantonen, Tausende von Frauen auf diesen Streik vorbereitet. Sie haben getagt, organisiert, Aktionen geplant, Manifeste geschrieben. Und Sie aber glauben nicht, «dass der Streik hier etwas bewegen kann».

Unzählige Arbeitnehmerinnen, Unternehmerinnen, Künstlerinnen und Privatpersonen haben im Zuge des Frauenstreiks bekundet: Es kann nicht wahr sein, dass Väter hier so gut wie keinen Urlaub bekommen und Mütter bloss 14 Wochen; überhaupt ist es unerklärlich, dass in der Schweiz noch immer von «Mutterschaftsurlaub» statt von «Elternurlaub» die Rede ist. Es kann nicht wahr sein, dass die krasse, statistisch belegte Lohnungleichheit zwischen Mann und Frau fortbesteht und dass Frauen erheblich weniger Rente erhalten. Aber zu diesem Zorn und zu dieser Ungerechtigkeit sagen Sie, Frau Keller-Sutter, «ich glaube nicht, dass der Streik hier etwas bewegen kann».

Etliche Mütter und Väter haben ihren Kindern erklärt, was ein «Streik» ist, was eine «Demonstration» ist. Sie haben ihren Kindern erzählt, wie in der Schweiz die Frauen lange Zeit massiv benachteiligt waren. Dass sie erst seit wenigen Jahrzehnten wählen, gewählt werden und stimmen dürfen. Dass Frauen das Einverständnis ihrer Männer brauchten, um zu arbeiten. Dass Frauen einfach nicht gleich viel wert waren wie Männer. Diese Eltern haben ihren Kindern erklärt, dass heute die Verhältnisse zum Glück besser sind – auch, weil Frauen auf die Strasse gingen, sich gewehrt haben und friedlich für ihre Rechte gekämpft haben. Die Eltern haben ihren Kindern mitgegeben, dass es sich lohnt, für Rechte einzustehen, und dass es Gerechtigkeit nur gibt, wenn dafür gekämpft wird, ohne Gewalt. Aber Sie sagen, Frau Keller-Sutter, «ich glaube nicht, dass der Streik hier etwas bewegen kann».

Der Streik hat etwas bewegt. In der Wahrnehmung, Überzeugung, Ermutigung, im Willen zur Veränderung der Schweizer Gesellschaft.

Frauen haben auf den Schweizer Strassen gesungen, gelacht, protestiert, proklamiert, Tausende Zuschauer zu Tränen gerührt, Energie erzeugt, Vorbilder geschaffen, Kraft und Mut gespendet und getanzt (eine Freundin sagte mir, ihr Handy habe angezeigt, sie habe 16 Kilometer getanzt). So laut waren die Frauen, dass sogar der «Spiegel» in Deutschland davon berichtet hat («Die Schweiz hat das teuerste Betreuungssystem der Welt»), der «Guardian» in Grossbritannien («Die Schweiz liegt in der Geschlechtergleichstellung hinter vielen ihrer europäischen Nachbarn zurück») oder die «New York Times» («Schweizer Frauen bekundeten ihre Frustration über die tief verwurzelten Ungleichheiten in einem der reichsten Länder der Welt»). So laut haben Frauen gesungen und in Megafone hineingerufen, dass ihr Echo bis nach Zimbabwe, Frankreich, Liberia, Spanien, in die Ukraine, Belgien, Albanien, Dänemark, Taiwan und, und, und drang. Aber Sie, Frau Keller-Sutter, Sie glauben nicht, «dass der Streik hier etwas bewegen kann».

Schätzungsweise eine halbe Million Frauen hat, vereint in ihrer Vielfalt, solidarisch trotz politischer Differenzen, am vorigen Freitag für die Gleichstellung demonstriert. Der Frauenstreik ist die grösste politische Kundgebung der vergangenen Jahrzehnte. Aber Sie, Frau Keller-Sutter, Bundesrätin eines direktdemokratischen Lands, in dem es auf die Stimme der Bürgerinnen und Bürger ankommt, Sie sagen, «ich glaube nicht, dass der Streik hier etwas bewegen kann».

Ich aber glaube, dass der Streik etwas bewegt hat. In der Wahrnehmung, Überzeugung, Ermutigung, im Willen zur Veränderung der Schweizer Gesellschaft. Und ich glaube fest daran, dass Sie in Ihrem hohen Amt und gerade als bürgerliche Bundesrätin extrem dazu beitragen könnten, dass der Streik hier in der Schweiz etwas bewegt.

Erstellt: 17.06.2019, 18:23 Uhr

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