Für sie dreht sich die Spirale nach unten

Alexandre Fischer, Grégory Bubloz und Lionel Dugerdil haben eine Passion – Wein produzieren. Nun sagen sie: «So kann es nicht weitergehen.»

Ihr Geschäft lohnt sich kaum noch: Die Westschweizer Winzer Lionel Dugerdil, Alexandre Fischer und Grégory Bubloz (von links). Foto: Sébastien Agnetti (13Photo)

Ihr Geschäft lohnt sich kaum noch: Die Westschweizer Winzer Lionel Dugerdil, Alexandre Fischer und Grégory Bubloz (von links). Foto: Sébastien Agnetti (13Photo)

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Das Spiel von Sonnenlicht und Wolken über dem Genfersee ist in diesen Tagen grandios. Doch im Weinkeller der Familie Fischer im Dörfchen Grandvaux, hoch oben am Lavaux, haben sie gerade wenig dafür übrig. Die Winzer durchleben schwere Zeiten. Mitschuldig: die Politik. So denkt zumindest Alexandre Fischer, künftiger Patron des Familienguts. Er hat deshalb mit anderen jungen Winzern das Protestkomitee «Les raisins de la colère» (Die Trauben des Zorns) gegründet.

Am Montag reist Fischer mit über hundert vorwiegend Westschweizer Weinbauern nach Bern. Auf dem Bundesplatz wollen sie auf ihre Situation aufmerksam machen und gegen die Trägheit des Staats demonstrieren.

Um die Probleme im Weinhandel aufzuzeigen, hat Fischer zwei Berufskollegen auf sein Weingut eingeladen: Grégory Bubloz, einen Winzer aus der Region Nyon, und Lionel Dugerdil, einen Weingutbesitzer aus Genf. Die drei Männer berichten von einer Branche, in der es vielen schlecht geht, die aber derart ­verschwiegen ist, dass kaum einer über seine Sorgen spricht.

Schon seit 2016 wird im Lavaux mehr Wein produziert, als die Region verkaufen kann.

Die Ernten der letzten Jahre waren gut, die Qualität stimmte, und doch haben die Winzer ein Problem. Ihr Wein wird weniger getrunken, und viele Weinkeller sind bis unter die Decke gefüllt. Seit 2017 haben die Winzer allein von den Weissweinen aus dem Lavaux, der vielleicht bekanntesten Weinregion im Land, 15 Prozent weniger abgesetzt. Schon seit 2016 wird im Lavaux mehr Wein produziert, als die Region verkaufen kann.

Der Markt im Inland ist gesättigt. Der Absatz stockt. Die Preise sind am Boden. Die Spirale dreht nach unten. Um für den diesjährigen Jahrgang im Lager Platz zu schaffen, verschenkten Winzer in den Kantonen Waadt und Genf die verbliebenen Mengen des Jahrgangs 2018 an die grossen Detailhändler. Als einzige Bedingung stellten sie, dass die Abnehmer, zu denen Coop, Denner, ­Fenaco und Aldi zählen, im nächsten Jahr ihren Wein wieder aufkaufen.

«Die Schweiz muss die Winzer und die heimische Weinwirtschaft besser schützen»: Die drei Westschweizer Weinbauern stellen Forderungen. Foto: Sébastien Agnetti (13Photo)

Andere Winzer hatten mehr Glück und konnten ihre Weine doch noch verkaufen, aber zu Preisen, mit denen sie ihre Produktionskosten längst nicht decken können. Fischer, Bubloz und Dugerdil sind sich einig: «So, wie wir heute leben und arbeiten, kann es nicht weitergehen. Wir haben keine Perspektive. Es muss etwas passieren. Die Schweiz muss die Winzer und die heimische Weinwirtschaft besser schützen.»

Ihr Problem sehen sie in der Konkurrenz im Ausland. Konkret: Die Schweiz lasse pro Jahr über Hundert Millionen Liter ausländischen Wein importieren, ohne die Ware mit ausreichend Einfuhrzöllen zu belegen. «Die ausländischen Weine sind so ein Stück billiger, weil wir viel höhere Produktionskosten haben. Ein Kostentreiber sind mitunter die strengen Umweltschutzvorgaben des Staats», sagt Winzer Alexandre Fischer. «Ich habe in Südafrika gearbeitet», wirft sein Kollege Grégory Bubloz ein. «Was dort als Biowein durchgeht, ist gemessen an den Schweizer Standards ein Witz», sagt er.

«Wir können mit der ausländischen Konkurrenz problemlos mithalten.»Lionel Dugerdil, Winzer

Trotzdem dürfen diese Weine auch in der Schweiz als Bioweine verkauft werden. Preislich könne er mit der südafrikanischen Konkurrenz nicht mithalten. «Dabei ist unsere ­Qualität heute so gut wie nie, jedenfalls können wir mit der ausländischen Konkurrenz problemlos mithalten», sagt Lionel Dugerdil.

Für Fischer ist darum die Grenze zum «unlauteren Wettbewerb» überschritten. Er und seine Winzerkollegen fordern Schutzzölle, Mengenbeschränkungen und strengere Bestimmungen für die Einfuhr von Bioweinen.

Die Weinwirtschaft ist ein undurchsichtiges Gewerbe. Gerade bei den Handelspreisen. Kaufen Grossisten wie Coop Wein ein, machen sie eine Akonto-Zahlung pro gekauften Liter an die Winzer. Wenn sich der Wein während des Jahres gut verkauft, bekommen die Weinbauern später eine zusätzliche Zahlung.

Diese ist ihnen aber nicht sicher. Schon gar nicht, wenn der Markt übersättigt ist. «Verkaufe ich aktuell einen Liter Weisswein, bekomme ich 70 Rappen. Um die Produktionskosten zu decken, müssten es aber 2 Franken sein», sagt Lionel Dugerdil. Er arbeitet im Genfer Flachland, wo er Maschinen einsetzen kann. In den Terrassen des Lavaux muss viel von Hand gemacht werden. Die Produktionskosten sind darum höher als in Genf. «Pro Kilo Chasselas müsste ein Winzer 7 bis 8 Franken verdienen, um über die Runden zu kommen. Aktuell verdient man vielleicht die Hälfte», sagt Alexandre Fischer.

Chasselas für Japan und China

Auch bei der Fixierung der Erntemengen gibt es Besonderheiten. In der Waadt treffen sich Weinproduzenten und der für den Weinbau zuständige Staatsrat Philippe Leuba (FDP) jeweils im Mai zu einer Sitzung. An dieser wird die genaue Menge fixiert, die pro Quadratmeter produziert werden darf. Damit soll eine Überproduktion vermieden, aber auch die Qualität gesichert werden. Die Winzer können mitreden, aber am Ende entscheidet der Staat.

Blaise Duboux, einer der besten und erfolgreichsten Winzer des Lavaux, kritisiert dieses Ritual. «Das ist, als würde der Staat einem Restaurant auftragen, einen oder mehrere Tische zu entfernen – also sehr eigenartig», sagt er. Muss der Staat seine Winzer also besser schützen? Muss er Zölle gegen die ausländische Konkurrenz einführen?

Auf eine Diskussionen über staatliche Interventionen will sich Duboux nicht einlassen. Er fordert, dass Schweizer Weine im Inland endlich besser vermarktet werden. Darum reist er kommenden Montag nicht zur Kundgebung nach Bern, sondern nach Zürich, wo er an der Weinmesse «Swiss Wine Tasting» für seine Produkte wirbt.

«Die Einführung von Schutzzöllen ist keine Lösung in einer Welt, in der der Freihandel zunimmt.»Cyril Severin, Winzer

Während Blaise Duboux Marktanteile im Inland sucht, setzt ein anderer Weinbauer im Lavaux konsequent auf den ausländischen Markt. Cyril Severin exportiert 35 Prozent seiner Weine nach Asien (Japan, China, Hongkong und Singapur). «Wir haben wegen der Schweizer Löhne hohe Produktionskosten», bestätigt auch er. «Sie sind zweimal höher als in unseren europäischen Nachbarländern.»

Für sein exportorientiertes Geschäftsmodell heisst das: «Wir können keine günstigen Exportweine herstellen, selbst Weine für sieben Franken sind zu teuer für den Massenmarkt.» Darum müsse man sich auf Qualitätsprodukte und den Exportmarkt konzentrieren, so der Waadtländer.

Neue Absatzmärkte suchen

Severins Modell scheint zu funktionieren. Zwei Monate pro Jahr reist er durch Asien. Die Reiserei ist aufwendig, auch finanziell. Aber die Rechnung geht auf. Er könne seine Weine der besten und mittleren Qualität zu guten Preisen absetzen, schreibt Cyril Severin aus Japan. Was hält er von der Protestaktion auf dem Bundesplatz? «Die Einführung von Schutzzöllen ist keine Lösung in einer Welt, in der der Freihandel zunimmt. Wenn es eine Krise gibt, muss man innovativ sein, neue Weine kreieren und nach neuen Absatzmärkten ­suchen. Proteste dürften kaum etwas bringen», sagt Severin.

Davon lässt sich das Komitee «Die Trauben des Zorns» um Alexandre Fischer nicht beirren. Es hofft in Bern auf die Unterstützung von Wirtschaftsminister Guy Parmelin, einst selbst Weinbauer. Mit Fahnen und Winzermützen werden die Winzer am Montag vor dem Bundeshaus auftauchen. Und vielleicht erwischen sie dann ein besseres Timing als beim letzten Mal, als sie gross auf dem Bundesplatz auffuhren. Man schrieb damals den 11.9.2001, und niemand wollte sich angesichts der Ereignisse aus New York für die Winzer auf ihren Traktoren interessieren.

Erstellt: 28.11.2019, 22:15 Uhr

Wein am Mittag ist ausser Mode

Pro Jahr konsumiert jede Schweizerin und jeder Schweizer im Durchschnitt 33 Liter Wein. Zum Vergleich: Im Jahr 1992 lag der Pro-Kopf-Konsum noch bei 46 Litern. Das hängt auch damit zusammen, dass am Mittag weniger Wein getrunken wird. Gemäss einer Studie des Lausanner Wirtschaftsforschungsinstituts MIS Trend konsumieren noch 5 Prozent der Schweizer Wein am Mittag. Die Gesamtproduktion von Schweizer Wein belief sich 2018 auf 111 Millionen Liter, aber lediglich89,2 Millionen Liter davon wurden letztlich getrunken. (phr)

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