Sie schreien dauernd, sie würden nicht gehört

Wenn es nicht gut läuft in der Politik, sind die anderen schuld, allen voran die Medien. Sagt die SVP.

Ich rede, also bin ich da: SVP-Präsident Albert Rösti an einer SVP-Delegiertenversammlung. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Ich rede, also bin ich da: SVP-Präsident Albert Rösti an einer SVP-Delegiertenversammlung. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Die Schweizerische Volkspartei erlebte am Wochenende etwas Ungewöhnliches: Sie verlor. Und zwar auch in Zürich, dem Kanton, in dem sie so lange gewonnen hatte. Um dann den Erfolg ins ganze Land zu exportieren.

Albert Rösti, Parteipräsident der SVP, weiss alle Gründe, warum seine Partei verloren hat. Das sei unter anderem wegen der «Klimapropaganda» der SRG gewesen, sagt er. Auf TeleZüri befand wiederum die neu gewählte SVP-Regierungsrätin Natalie Rickli, die Leute wüssten gar nicht, wie man wählen müsse. Also hat die SVP nicht verloren, sondern sie konnte gar nicht gewinnen. Ihre Wähler wurden entweder desinformiert oder waren sonstwie verwirrt. Zack! Und nochmals Zack!

Im politischen Journalismus nennt man diese Technik das Weiterdrehen: In welche Richtung entwickelt sich das Thema? Dabei können die Akteure mitdrehen. In diesem Fall von Verteidigung auf Angriff schalten. Wir Medien sind konditioniert, wie Bewegungsmelder darauf zu reagieren, und wir tun es immer häufiger. Früher dauerte ein Nachrichtenzyklus zwölf Stunden, er drehte sich im Takt der Tagesschauen und der gedruckten Zeitungen. Heute rotiert der Zyklus im Stundentakt, manchmal schneller.

Eine verwandte Methode, unliebsame Tatsachen zu kontern, ist die Schuldzuweisung; auch diese kann man dem obigen Beispiel entnehmen. Ein Komplott aus Gutmenschen, angefeuert von Wissenschaftern und linken Lehrern, vollstreckt von demonstrierenden Kindersoldaten, verhalf der Klimafrage zu grosser Beachtung – und unterschlug, nein: ertränkte die Wahrheit über die Klimalüge. Ob die SRG zu einseitig über den Klimawandel berichtet hat – man soll das kritisieren, wenn es stimmt, selbstverständlich. Aber daraus einen ursächlichen Zusammenhang zu konstruieren, das ist bloss ein Ablenkungsmanöver.

Keine Partei war so präsent in den Medien wie die SVP

Dahinter wird ein Wahrnehmungsphänomen sichtbar, das man von Geisterfahrern kennt, die alle entgegenkommenden Autolenker für Geisterfahrer halten. Bleiben wir bei der Schweizerischen Volkspartei: Seit Jahrzehnten klagt sie darüber, dass die Medien sich gegen sie verschworen haben. Und unterschlägt, dass keine Schweizer Partei derart oft zum Thema wird wie sie, ihr Personal, ihre Ansichten und Absichten, ihre Kampagnen, ihre Plakate, ihre Slogans. Häufig mit Minuszeichen vornedran, das ist wahr, aber ausführlich. Solange du meinen Namen richtig buchstabierst, sagen Profis der Wahlkampfführung, spielt es fast keine Rolle, was du über mich schreibst. Die Linke hat bis heute Mühe mit dieser Erkenntnis, die Rechte profitiert davon.

So deuten sich die Täter zu Opfern um. Dauernd Zitierte klagen darüber, dass man sie nicht reden lässt. Gegner der angeblichen Political Correctness schreiben seitenlang, in etablierten Zeitungen, ihre Meinungen werden unterdrückt oder marginalisiert.

Auch Prominente kann es treffen. Recep Tayyip Erdogan zum Beispiel fühlt sich konstant unverstanden. Der türkische Präsident hat Tausende von Richtern, Beamten und Lehrern entlassen, die Kerker sind voller angeblicher Gegner, Journalisten werden ausgewiesen, eine gleichgeschaltete Presse erdoganisiert seine Klagen. Dennoch klagt er unentwegt weiter: Jede Kritik an ihm hält er für eine Kritik am Islam.

Propheten hatten es schon immer schwer.

Erstellt: 27.03.2019, 18:41 Uhr

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