Diese Zürcher Professorin sieht den Waffenbesitz als Menschenrecht

Philosophin Josette Baer Hill kämpft mit John Lockes Ethik gegen die Verschärfung des Waffenrechts.

War zu Gast beim slowakischen Sender Fun Rádio: Josette Baer Hill, Professorin an der Universität Zürich. Foto: PD

War zu Gast beim slowakischen Sender Fun Rádio: Josette Baer Hill, Professorin an der Universität Zürich. Foto: PD

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Die Zeitgeschichte ist immer wieder für eine Überraschung gut. Zum Beispiel diese: Im Komitee gegen die Verschärfung des Waffenrechts, über die wir am 19. Mai abstimmen, engagiert sich auch eine Zürcher Philosophieprofessorin. Anders als den Sportschützen und der SVP-Parteispitze geht es Josette Baer Hill dabei nicht in erster Linie um die Erschwernisse im Schiesssport oder das Missbehagen über die Schweizer Einbindung in den Schengen-Raum – sie argumentiert auf derselben intellektuellen Etage wie der britische Aufklärer John Locke aus dem 17. Jahrhundert.

Nicht dass Locke damals schon eine Ahnung gehabt hätte von der Wirkung halb automatischer Waffen. Locke ging es um die Verteidigung indivi­dueller Freiheitsrechte angesichts der entstehenden Nationalstaaten. Baer Hill sieht den individuellen Waffenbesitz als Teil dieser Menschenrechte.

Das wird man drei Wochen nach dem Massaker in den beiden Moscheen im neuseeländischen Christchurch nicht auf Anhieb verstehen. Aber man wird erst mal neugierig sein auf diese kreativ abweichende Meinung im Universitätsbetrieb, wo der britische Konservative Niall Ferguson einen immer stärkeren Druck des linksliberalen Mainstreams konstatiert.

Warnung vor Totalitarismus

Die Thurgauerin will nur schriftlich «interviewt» werden und dann das Gut zum Druck selber geben. Sie misstraue dem Tamedia-Verlag, dessen Medien es bisher nicht fertiggebracht hätten, einen Beitrag zu veröffentlichen, der das Prädikat «unvoreingenommen» auch nur halbwegs verdiene, sagt sie auf Anfrage. Es werde konsequent verschwiegen, dass die islamistischen Anschläge in Frankreich und Dänemark nicht mit halb automatischen Waffen, sondern mit vollautomatischen Waffen ausgeführt wurden, illegal importiert aus dem ehemaligen Ostblock.

Baer Hill forscht seit dem Fall der Mauer über die Wurzeln des Totalitarismus. Als Vaclav Havel 1990 in Rüschlikon mit dem Freiheitspreis geehrt wurde und Dürrenmatt seine legendäre Rede über die Schweiz als selbst verwaltetes Gefängnis hielt, stand die heute 52-Jährige am Beginn ihrer akademischen Karriere. Sie spezialisierte sich auf Osteuropa und den Totalitarismus mit Forschungsaufenthalten in Budapest, Minsk, Bratislava, St. Petersburg und den USA. Ihre Monografien sind den Helden im Kampf gegen den sowjetischen Totalitarismus gewidmet: Alexander Dubcek, der politischen Ikone im Prager Frühling, der nach dem Einmarsch der Sowjets vom Ministerpräsidenten zum Forstauf­seher degradiert wurde. Mit einem Seminar über Hannah Arendt warnt sie aktuell Zürcher Studierende vor dem Totalitarismus.

Schutz vor übergriffigem Staat

Aber nun die schärfere Kontrolle halb automatischer Waffen in der Schweiz gleich in diesem Zusammenhang sehen? Erwerb und Besitz dieser Waffen als Menschenrecht gegen einen übergriffigen Staat? Der Zürcher Philosoph Georg Kohler, der schon ein Vorwort für Baer Hill schrieb, hält dies für einen Trugschluss. Das uneingeschränkte Recht auf Waffenbesitz hält er einzig in einer Umwelt für gegeben, in der kein funktionierender Rechtsfrieden die Bürger schützt. Davon scheint die Schweiz doch ein gutes Stück entfernt zu sein.

Waffengesetz? Redaktor Philipp Loser sagt, worum es geht

Im Video erklärt: Was ein verschärftes Waffenrecht für die Schweiz bedeuten würde. (Video: Nicolas Fäs und Lea Koch) (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.04.2019, 06:14 Uhr

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