Sie werden Levrat noch vermissen

Im Nachhinein wissen es in der SP alle besser. Und geben dem abtretenden Präsidenten die Schuld.

Wird das Amt als SP-Präsident abgeben: Christian Levrat. Seine Nachfolge soll eine Frau antreten. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Wird das Amt als SP-Präsident abgeben: Christian Levrat. Seine Nachfolge soll eine Frau antreten. Foto: Anthony Anex (Keystone)

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Eigentlich muss man die SP um ihre krachende Wahlniederlage beneiden: Nie zuvor kamen so viele gute Ratschläge zusammen, wie sich die Partei neu, besser, frischer, kämpferischer, sozialer, liberaler und überhaupt erfolgreicher aufstellen kann. Das schlechteste Resultat der Geschichte und der Abgang des Langzeitpräsidenten Christian Levrat öffnen die Schleusen (lesen sie hier, warum Levrat die Wahlen verloren hat). Glücklich die Partei, die sich so intensiv mit ihrer Zukunft beschäftigt und dafür auch noch so viel Beachtung erntet.

Nur ist es ja nicht so, dass die SP nicht schon vorher robust mit sich selber gestritten hätte. Dass der rechte Flügel der Partei mit Positionen der Grünliberalen liebäugelt, ist ebenso altbekannt, wie dass die Juso auf dem Ausweg aus der Klimakrise das Auto, die Marktwirtschaft, Mario Fehr und ein paar andere Dinge abschaffen wollen, die älteren Genossen lieb sind.

Die Wahrheit ist, dass die SP weder allein am Juso-Wesen genesen kann noch dank Rezepten des rechten Flügels.

Aber jetzt ist die Gelegenheit natürlich besser, weil man mit der Kritik am Parteikurs auch noch dem abtretenden Präsidenten die Schuld in die Schuhe schieben kann. Er habe es «vergeigt», heisst es in den harscheren Stellungsbezügen. Und plötzlich ist Levrat schon mit 49 ein alter, weisser Mann, der schleunigst durch eine junge Frau ersetzt werden muss.

Allerdings müssen sich alle, die sich jetzt mit scharfsinnigen Tipps für die Gesundung der SP in die Öffentlichkeit wagen, fragen lassen, wo sie denn vorher waren. Immerhin hat es unter den Kritikern auch einflussreiche Parteimitglieder. Wäre Christian Levrat tatsächlich jenes Fossil, als das er jetzt hingestellt wird, hätten es die heutigen Besserwisser schon viel früher schaffen müssen, ihn ausser Funktion zu setzen.

Die Wahrheit ist wohl eher, dass eine breit aufgestellte SP weder allein am Juso-Wesen genesen kann noch ausschliesslich dank Rezepten des rechten Flügels. Und dass Levrat in den letzten elf Jahren die inneren Widersprüche der Partei immerhin einigermassen gebändigt hat. Deswegen werden ihn auch die heutigen Kritiker in der SP noch vermissen.

Erstellt: 13.11.2019, 20:48 Uhr

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