«Sinkende Prämienverbilligungen sind eine Zeitbombe»

Morgen werden die neuen Krankenkassenprämien bekannt. Worum sich Experte Felix Schneuwly Sorgen macht, sagt er im Interview.

Teurer Arztbesuch: Weil immer mehr Kantone sparen müssen, sinken Prämienverbilligungen. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Teurer Arztbesuch: Weil immer mehr Kantone sparen müssen, sinken Prämienverbilligungen. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Donnerstag werden wir wissen, um wieviel die Krankenkassenprämien aufschlagen werden. Die bisher veröffentlichten Prognosen schwanken zwischen 3 und 5 Prozent für die Standardprämie. Was ist Ihre Prognose?
Seit ein paar Jahren dürfen ja die provisorischen Prämien nicht mehr publiziert werden, sodass man auf Schätzungen angewiesen ist. Ich gehe ebenfalls davon aus, dass sich die durchschnittlichen Erhöhungen in diesem Rahmen bewegen werden.

Wie kommen Sie darauf?
Wir haben die Kostenentwicklung der Versicherer im sogenannten Kostenmonitoring des Bundesamts für Gesundheit analysiert. Da fällt auf, dass insbesondere der stationäre Bereich der Spitäler mit rund 8 Prozent stark gewachsen ist, bei den Arztpraxen war es etwas weniger. Überdurchschnittlich sind auch die Medikamentenpreise angestiegen. Der Grund dafür ist, dass das BAG die Preise der zugelassenen Medikamente in den letzten zwei Jahren nicht mehr mit dem Ausland verglichen hat.

Warum?
Einige Pharmahersteller haben gegen die Überprüfung geklagt, weil der reine Preisvergleich zu wenig aussagekräftig sei.

3 bis 5 Prozent – wie verhält sich dies im Vergleich zu letzten paar Jahren?
Seit der Einführung des Krankenversicherungsgesetzes 1996 stiegen die Gesundheitskosten um durchschnittlich über 4 Prozent pro Jahr. Damit bewegen sich die Krankenkassenprämien etwa in diesem Rahmen.

Video: Krankenkassenprämien verdoppeln sich bis 2040

Eine CS-Studie vom Frühling malt ein düsteres Bild für die Zukunft.

Damit werden dieses Jahr nicht überdurchschnittlich viele Prämienzahler ihre Kasse wechseln?
Ja, wir gehen von etwa 600'000 bis 800'000 Wechseln aus, was etwa 8 bis 10 Prozent aller Versicherten entspricht.

Gesundheitsminister Alain Berset hat kürzlich bei Tarmed, dem Tarifsystem für ambulante Behandlungen von Ärzten und Spitälern, Anpassungen vorgenommen und damit Einsparungen von knapp einer halben Milliarde Franken erzielt. Was hat das bewirkt?
Ich gehe davon aus, dass die Krankenkassen unter dem Druck des BAG eingeknickt sind und die Prämienerhöhungen etwas nach unten korrigiert haben.

Das ist doch gut – die Erhöhungen konnten um 1,5 Prozent gesenkt werden.
Ja, aber das BAG trägt kein unternehmerisches Risiko. Für die Krankenkassen ist es ein sehr riskantes Spiel, weil unklar ist, ob die Gesundheitskosten nächstes Jahr im gleichen Umfang reduziert werden können. Beim letzten Eingriff in den Tarmed im Jahre 2014 waren die effektiven Einsparungen viel geringer als erwartet.

Video: Wie reagieren Sie auf Prämienerhöhungen?

«Ich suche mir einfach immer die günstigste Krankenkasse.»

Auch diesmal besteht die Gefahr, dass Ärzte und Spitäler versuchen werden, Tarifkürzungen über Mengenausweitungen teilweise zu kompensieren. Warum lässt sich das nicht unterbinden?
Eigentlich sollte der Patient seinem Arzt auf die Finger schauen. Doch wenn der Patient keine hohe Franchise hat, hat er auch kein grosses Interesse, die Kosten der Behandlung zu hinterfragen. Dazu kommt das Tarifmonster Tarmed mit über 4000 Einzelpositionen. Deshalb verstehen die wenigsten Versicherten eine auf dem Tarmed basierende Arztrechnung. Für die Kostenkontrolle wäre eine Abrechnung im Stundensatz wie bei Handwerkern viel einfacher. Doch dagegen wehren sich viele Ärzte.

Einzelne Kantone wie Luzern, Zürich, Zug und Wallis haben Liste mit Eingriffen veröffentlicht, die in Zukunft nur noch ambulant durchgeführt werden sollen. Was bringt das?
Dieser Druck ist grundsätzlich richtig. Aber im Krankenversicherungsgesetz gilt das Vertrauensprinzip, man schreibt also dem Arzt nicht genau vor, wie er eine Behandlung zu erledigen hat. Man sollte statt dieser bürokratischen Listen lieber Anreize schaffen, wo Ärzte, die mit kleinerem Aufwand grössere Therapieerfolge erreichen, belohnt werden.

Der «SonntagsBlick» zeigte anhand eines E-Mail-Verkehrs zwischen einem Facharzt und dem Dachverband der Schweizer Gynäkologen auf, wie Patienten gegen ihren Willen teurere stationäre Spitalaufenthalte aufgeschwatzt werden. Was halten Sie von solchen Ärzten?
Untersuchungen zeigen, dass in der Schweiz tatsächlich im internationalen Vergleich bestimmte Eingriffe eher stationär als ambulant vorgenommen werden. Aber solche Listen führen auch zu einem enormen bürokratischen Aufwand, weil Ärzte stationäre Eingriffe beim Vertrauensarzt der Krankenkassen rechtfertigen müssen.

Krankenkassenprämien verschlingen einen immer grösseren Teil der Haushaltsbudgets, trotzdem sinken die Krankenkassenprämienverbilligungen Jahr für Jahr, weil viele Kantone dadurch relativ einfach sparen können. Ist das nicht sozialpolitisch gefährlich?
Richtig, das ist eine sozialpolitische Zeitbombe. Der Bund verhält sich korrekt, weil die Bundesbeiträge automatisch mit dem Anstieg der Prämien steigen. Aber wenn einzelne Kantone mittels generellen Kürzungen bei den Prämienverbilligungen ihren Haushalt sanieren, finde ich das problematisch. Allerdings muss man fairerweise hinzufügen, dass die Prämienverbilligungen nach dem Giesskannenprinzip ausgestaltet sind. Da besteht Handlungsbedarf.

Umfrage

Nach welchen Kriterien wählen Sie ihre Krankenkasse?






Im Kanton Luzern müssen 5800 Haushalte rückwirkend ihre Prämienverbilligungen für die letzten neun Monate zurückzahlen, weil der Kanton aus Spargründen die Einkommensgrenze von 75'000 auf 54'000 Franken gesenkt hat.
Rückwirkend die Verbilligungen zu streichen, ist rechtsstaatlich sehr heikel. Die Luzerner Verhältnisse haben nichts mit dem Rechtsstaat zu tun, das ist eine Bananenrepublik.

Befeuert diese Entwicklung nicht die Einführung einer Einheitskasse?
Wahrscheinlich. Aber 95 Prozent der Gesundheitskosten sind auf medizinische Leistungen zurückzuführen, daran ändert auch eine Einheitskasse nichts.

Würde die Einführung der Einheitskasse nicht das Ende von Vergleichsdiensten wie Comparis bedeuten?
Selbstverständlich, aber es geht nicht in erster Linie um unser Geschäftsmodell. Wenn die Menschen Vielfalt und Wahlfreiheit bei Krankenkassen und Spitälern wünschen, wie immer wieder Umfragen zeigen, dann geht es auch um die Interessen der Bürger. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.09.2017, 14:41 Uhr

Comparis-Experte Felix Schneuwly (Bild: Doris Fanconi)

Artikel zum Thema

Ohne Budget keine Prämienverbilligung

Luzern streicht 80'000 Betroffenen die Verbilligung für die Krankenkasse. Darf der Kanton das? Mehr...

Grünliberale zerschlagen Sparpläne bei Prämienverbilligung

Der Zürcher Regierungsrat darf bei jungen Erwachsenen aus besser verdienenden Familien keine 40 Millionen Franken sparen. Das Parlament hat ihm den Segen verweigert. Mehr...

Prämienverbilligung: Kantonsrat verwirft Sparpläne der Regierung

Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger, FDP, wollte bei den Prämienverbilligungen 40 Millionen Franken sparen. Das Parlament nicht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Bereit für die Ferien?

Die Ferien sind gebucht, die Vorfreude gross – doch was ist mit Impfungen oder Medikamenten? Mit einer Reiseberatung ist man sicher gut gewappnet.

Die Welt in Bildern

Fanliebe: Kurz vor dem sechsten Spiel des NBA Finals zwischen den Toronto Raptors und den Golden State Warriors herrscht im Fansektor grosse Anspannung. (Toronto, 13. Juni 2019)
(Bild: Chris Helgren ) Mehr...