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Sitzt ein Stripclub-Betreiber zu Unrecht im Gefängnis?

Die Urner Justiz hat Ignaz Walker wegen Mordversuchs an seiner Frau zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Ein Strafrechtsprofessor ortet nun gravierende Verfahrensfehler und Rechtsverletzungen.

Die damalige Frau eines Cabaret-Betreibers in Erstfeld wurde angeschossen: Eine Tänzerin in einem Stripclub, hier in Mexiko. (Archivbild Keystone)
Die damalige Frau eines Cabaret-Betreibers in Erstfeld wurde angeschossen: Eine Tänzerin in einem Stripclub, hier in Mexiko. (Archivbild Keystone)

Es war der grösste Indizienprozess im Kanton Uri: Im letzten Herbst verurteilte das Urner Obergericht Ignaz Walker zu 15 Jahren Freiheitsentzug. Cabaret-Betreiber Walker soll einen Auftragskiller auf seine damalige Ehefrau angesetzt haben und elf Monate zuvor auf einen Gast geschossen haben. Doch Ignaz Walker beteuerte stets seine Unschuld.

Jetzt kritisiert ein Strafrechtsprofessor gegenüber der «Rundschau» die Urner Justiz scharf. Er stellt gravierende Verfahrensfehler fest. Der Hauptzeuge hatte rund 2,6 Promille im Blut, der ermittelnde Polizist war befangen, und rund um das Hauptindiz einer DNA-Spur stellen sich viele Fragen.

Gravierende Rechtsverletzungen

So kommt Strafrechtsprofessor Christof Riedo von der Universität Freiburg zum Schluss: «Es ist schon auffällig, wie man systematisch Massnahmen blockiert, die an den Tag bringen könnten, dass sich die Geschichte anders abgespielt haben könnte.» Riedo hat für die «Rundschau» die Akten studiert, und für ihn ist klar: «Hier gab es Rechtsverletzungen.»

Ignaz Walker sitzt seit November 2010 hinter Gittern. Damals schoss jemand auf Walkers Ehefrau, eine ehemalige Cabaret-Tänzerin. Diese beschuldigte sofort ihren Ehemann, er habe einen Auftragskiller auf sie angesetzt. Die ermittelnde Polizei stiess bald auf einen tatverdächtigen Kroaten und die Tatwaffe.

Ballistische Untersuchungen ergaben, dass aus der gleichen Waffe schon einmal geschossen worden war: elf Monate vor dem Mordanschlag. Damals fiel vor Walkers Cabaret Taverne in Erstfeld ein Schuss. Verletzt wurde niemand, aber ein Holländer beschuldigte Ignaz Walker, auf ihn geschossen zu haben. Die Urner Polizei stellte eine abgefeuerte Patronenhülse sicher. Auf dieser fand ein Kriminalpolizist angeblich eine DNA-Spur von Ignaz Walker.

Eine klare Indizienkette, die zu Walker führt – so scheint es. Doch «Rundschau»-Recherchen zeigen gravierende Unstimmigkeiten, die vom Urner Obergericht weitgehend ignoriert wurden.

Zweifelhafter Belastungszeuge

So war der holländische Belastungszeuge – beim Vorfall und auch noch bei der polizeilichen Einvernahme kurz danach – massiv betrunken. Die Messungen der Polizei ergaben einen Blutalkoholwert von 2,58 Promille. «Auf einen solchen Zeugen kann schlicht und einfach keine Verurteilung basieren», so Linus Jaeggi, Rechtsanwalt und Verteidiger von Ignaz Walker gegenüber der «Rundschau».

Ebenfalls in den Akten ist festgehalten, dass sich der Holländer laut Zeugen wenige Tage nach dem Vorfall zu Walker an den Stammtisch gesetzt hat. Ignaz Walker gab dem Verhöramt zu Protokoll, der Holländer habe sich bei ihm für die falsche Anschuldigung entschuldigt; die Polizei habe ihn, den Holländer, dazu überredet. Sowohl die Urner Staatsanwaltschaft als auch das Obergericht hielten es jedoch nicht für zwingend, den Holländer nochmals zu befragen. Für Strafprozessrechtsprofessor Christof Riedo ist dies eine weitere Rechtsverletzung: «All diese Gründe hätten dazu führen müssen, dass man diesen Holländer nochmals befragt.»

Befangener Kriminalpolizist ermittelte

Aus den Akten geht weiter hervor, dass Ignaz Walker bereits bei der ersten Befragung darauf aufmerksam machte, dass ermittelnde Polizisten befangen seien. Tatsächlich hatten im Dezember 2006 vier Polizisten eine heftige Auseinandersetzung mit Walker, die mit einem Strafverfahren endete. Auslöser war ein privater Besuch der alkoholisierten Polizisten in Walkers Stripteasebar. Involviert war auch Kriminalpolizist M., der im Fall Walker die Spurenermittlungen führte. Für Strafrechtsprofessor Riedo ist klar: «Der Polizist hätte von sich aus sagen sollen, er trete in den Ausstand und nach dem Gesuch, das der Beschuldigte eingereicht hatte, hätte die Staatsanwaltschaft eingreifen müssen.» Doch nichts geschah.

Rätselhafte DNA-Spur

Als Hauptindiz würdigte das Gericht eine DNA-Spur auf der abgefeuerten Patronenhülse. Doch diese DNA fand ausgerechnet derjenige Kriminalpolizist M., der gemäss Strafprozessrechtsprofessor Riedo wegen möglicher Befangenheit gar nicht erst hätte ermitteln dürfen.

Und ausgerechnet diesem Kriminalpolizist soll eine forensische Sensation gelungen sein: So hatte er angeblich von der abgefeuerten Patronenhülse vom Tatort Walkers DNA sicherstellen können. Selbst dem renommierten Forensischen Institut Zürich ist dies noch nie gelungen, wie es in einem Bericht zuhanden des Urner Obergerichts festhält: «Wir haben in schätzungsweise 20 bis 40 Fällen Sicherstellungen von allfälligen DNA-Spuren ab Hülsen vorgenommen, jedoch ohne je eine verwertbare DNA-Analyse zu erhalten.» Verteidiger Linus Jaeggi spricht gegenüber der «Rundschau» Klartext: «Hier wurde etwas manipuliert zu Ungunsten von Herrn Walker.» Er verlangte, dass das Gericht den Polizisten zu diesem gewichtigsten Beweismittel befragt. Doch das Obergericht verweigerte auch dies.

Dazu Strafprozessrechtsprofessor Christof Riedo: «Man hat hier tatsächlich das Gefühl, dass Beweismittel teilweise sec gegen den Strich gebürstet wurden. Man spürt eine Grundtendenz: Das Ziel ist, den Betreffenden schuldig zu sprechen.»

Gute Erfolgschancen vor Bundesgericht

Der Verteidiger von Ignaz Walker spricht von einem krassen Fehlurteil des Urner Obergerichtes und hat deshalb Beschwerde vor Bundesgericht eingereicht. Rechtsprofessor Christof Riedo ist überzeugt, «dass erhebliche Chancen bestehen, dass das Bundesgericht die untere Instanz nochmals anweist über die Bücher zu gehen». Für Ignaz Walker ist das Bundesgericht die letzte Chance zur Wahrheitsfindung: «Ich weiss, dass ich unschuldig bin.»

Die «Rundschau» konfrontierte die Urner Strafverfolgungsbehörden und das Obergericht. Antworten gab es nicht, unter Hinweis auf das hängige Verfahren.

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