So erlebte der Chef des Spiezer Labors die russische Spionage

Das Institut geriet nach dem Gift-Anschlag auf den Agenten Skripal ins Visier des russischen Geheimdienstes. Nun spricht der Leiter über die verrückte Zeit.

«Wir wurden politisch instrumentalisiert»: Marc Cadisch, Leiter des Chemielabors Spiez über den Fall Skripal.

«Wir wurden politisch instrumentalisiert»: Marc Cadisch, Leiter des Chemielabors Spiez über den Fall Skripal. Bild: Lukas Lehmann/Keystone

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Der Leiter des Schweizer Chemielabors Spiez wirft Russland «politische Instrumentalisierung» vor. Mit Falschaussagen und Spionageversuchen hat Russland laut Marc Cadisch einen noch nie dagewesenen Druckversuch auf ein Vertrauenslabor der Chemiewaffen-Organisation OPCW unternommen. Das Institut untersuchte den Anschlag auf den russischen Doppelagenten Sergej Skripal.

Das Jahr 2018 sei verrückt gewesen, sagte er in einem Interview mit den Zeitungen von «CH Media». «Wir wurden politisch instrumentalisiert.» Das sei absolut einzigartig. Politische Druckversuche auf Vertrauenslabors habe es bis anhin so nicht gegeben.

Den Grund sieht Cadisch in einer Veränderung der sicherheitspolitischen Lage. Das Chemiewaffenabkommen von 1997 sei bis vor kurzem völlig unbestritten und erfolgreich gewesen. Über 95 Prozent der einst vorhandenen chemischen Waffen seien vernichtet. Nun sei man sich über diese Themen aber nicht mehr einig.

Russischer Aussenminister schürte Unsicherheit

Das Spiez Labor gehört weltweit zu den führenden Institutionen im ABC-Schutz und wird regelmässig neben anderen solchen Instituten mit heiklen Untersuchungen etwa durch die Organisation für ein Verbot chemischer Waffen (OPCW) betraut. So untersuchte das Labor etwa Giftgas-Proben aus dem Syrienkrieg, und es war an der Untersuchung des Anschlags auf den russischen Doppelagenten Sergej Skripal beteiligt.

Nach dem Giftanschlag auf Sergej Skripal in England habe der russische Aussenminister mit angeblichen Zitaten aus einem offiziellen Bericht zum Urheber der Chemikalie die Glaubwürdigkeit der OPCW anzweifeln und Unsicherheit schüren wollen, sagte Cadisch. «Seine Aussagen waren aber falsch.» Die Labors untersuchten Proben auf ihre Inhaltsstoffe und würden auf keinen Fall Aussagen dazu machen, welcher Akteur einen Giftstoff entwickle oder eingesetzt haben könnte.

Höheres Anschlagsrisiko in der Schweiz

Das Labor geriet auch in den Fokus des russischen Geheimdienstes. Es gab einen Hackerangriff und vier russische Agenten wurden in Holland aufgehalten, die nach Spiez reisen wollten. Das Labor kündigte danach eine Verschärfung seiner Sicherheitsmassnahmen an.

Die Gefahr für einen Giftgas-Anschlag in der Schweiz schätzt der Labor-Leiter als klein ein, «aber nicht gleich null». Es habe zuletzt mehrere Vorfälle weltweit geben. In Malaysia etwa sei 2017 der Halbbruder von Kim Jong-un vergiftet worden, 2018 sei der Vorfall in Salisbury gewesen und in Deutschland habe im letzten Jahr ein offenbar islamistischer Attentäter von den Sicherheitskräften bei seinen Vorbereitungen mit Ricin-Gift und Sprengstoff festgenommen werden können.

Die Gefahr für einen Vorfall in der Schweiz sei deshalb leicht angestiegen. In den Referenzszenarien, die das Labor für den Bund erstelle, werde das Risiko nach oben korrigiert. (ij/sda)

Erstellt: 31.01.2019, 09:18 Uhr

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