So gross ist die Prämienlast

Die Linke pusht die Idee einer Obergrenze für Krankenkassenprämien. So viel bezahlen die Schweizer heute.

Mehrere Hundert Personen gingen auf die Strasse: Demonstration gegen zu hohe Krankenkassenprämien in Genf. (18. November 2017)

Mehrere Hundert Personen gingen auf die Strasse: Demonstration gegen zu hohe Krankenkassenprämien in Genf. (18. November 2017) Bild: Keystone

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Die Krankenkassenprämien steigen schneller als die Einkommen der meisten Schweizerinnen und Schweizer. In den letzten zwei Jahrzehnten im Schnitt jedes Jahr um 4,6 Prozent. Die Folge: Sie belasten die Haushalte immer stärker. Politisch werden deshalb Rufe nach einer Obergrenze für die Prämien der Grundversicherung laut. Von linker Seite wird derzeit die Idee einer Obergrenze von 10 Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens gepusht.

Am Montag wurde im Kanton Genf eine entsprechende Initiative eingereicht, wie zuvor schon im Kanton Baselland. Im Kanton Waadt ist die Obergrenze von 10 Prozent bereits beschlossen und soll 2019 eingeführt werden. Und die SP Schweiz arbeitet an einer nationalen Initiative, die Ende Jahr auf dem Parteitag abgesegnet werden soll.

Deshalb stellt sich die Frage: Wie viel geben Haushalte in der Schweiz heute im Verhältnis zu ihrem verfügbaren Einkommen für die Grundversicherung aus?

Aufschluss gibt die Haushaltsbudgeterhebung des Bundesamtes für Statistik. Gemäss dem zuständigen Spezialisten werden dazu jedes Jahr rund 3000 Haushalte zu ihren Einkünften und Ausgaben befragt. Die aktuellsten verfügbaren Daten, die auch Vergleiche zwischen verschiedenen Haushaltstypen zulassen, stammen aus der Periode 2012 bis 2014. Seither sind die Krankenkassenprämien weiter angestiegen, weshalb die Werte inzwischen höher sein dürften.

Das lässt sich aus der Haushaltsbudgeterhebung 2012–2014 herauslesen:

  • Durchschnitt aller Haushalte: Pro Monat wurden 568 Franken Prämien bezahlt. Das entsprach 8 Prozent des verfügbaren Einkommens. In dieser Kategorie sind als einzige auch Zahlen für 2015 vorhanden. Damals wurden 589 Franken Prämien bezahlt oder 8,5 Prozent des verfügbaren Einkommens.
  • Durchschnitt Paarhaushalt mit Kindern: Pro Monat wurden 751 Franken für Prämien bezahlt oder 7,7 Prozent des verfügbaren Einkommens.
  • Durchschnitt Haushalte von Einzelpersonen: Pro Monat wurden 325 Franken für Prämien bezahlt oder 7,5 Prozent des verfügbaren Einkommens.
  • Durchschnitt Haushalte von Einzelpersonen im Pensionsalter: Pro Monat wurden 371 Franken für Prämien bezahlt oder 10,1 Prozent des verfügbaren Einkommens.
  • Durchschnitt Haushalte von Paaren ohne Kindern: Pro Monat wurden 628 Franken für Prämien bezahlt oder 8,1 Prozent des verfügbaren Einkommens.

In diesen Durchschnittswerten sind viele Haushalte mit hohen und sehr hohen Einkommen enthalten, welche das Ergebnis verzerren. Für viele Haushalte machen deshalb die Ausgaben für die Krankenkassenprämien einen deutlich höheren Anteil des verfügbaren Einkommens aus. Das zeigt eine Auswertung des Bundesamtes für Gesundheit zur Situation von Haushalten mit Prämienverbilligung. Auch hier stammen die neusten Zahlen aus dem Jahr 2014. Damals bezogen rund 2,2 Millionen Menschen solche staatlichen Zuschüsse. Das entsprach 27 Prozent aller versicherten Personen.

Das Bundesamt für Statistik zählt die Verbilligungen zu den Einkünften eines Haushalts hinzu und berechnet danach das Verhältnis zur Höhe der Prämien. In der Auswertung des Bundesamtes für Gesundheit wurden die Kosten berechnet, die für einen Haushalt nach Abzug der staatlichen Zuschüsse übrig bleiben.

Das ergab die Auswertung zu den Haushalten mit Prämienverbilligung:

  • Alle Modellhaushalte: Trotz Verbilligung machten die reduzierten Prämien im gesamtschweizerischen Durchschnitt 12 Prozent des verfügbaren Einkommens aus. Zwischen den einzelnen Kantonen gibt es grosse Unterschiede.
  • Modellhaushalt Rentnerin: Im Durchschnitt liegt die Belastung bei 11 Prozent des verfügbaren Einkommens. Im Kanton Zug (8 Prozent) ist die Belastung am tiefsten, im Kanton Basel-Stadt (16 Prozent) am höchsten.
  • Modellhaushalt Paar mit zwei Kindern: Im Durchschnitt liegt die Belastung bei 12 Prozent des verfügbaren Einkommens. Im Kanton Zug (6 Prozent) ist die Belastung am tiefsten, im Kanton Bern (18 Prozent) am höchsten.
  • Modellhaushalt Alleinerziehend mit zwei Kindern: Im Durchschnitt liegt die Belastung bei 8 Prozent des verfügbaren Einkommens. Im Kanton Appenzell Ausserrhoden (4 Prozent) ist die Belastung am tiefsten, im Kanton St. Gallen (12 Prozent) am höchsten.
  • Modellhaushalt Paar ohne Kinder: Im Durchschnitt liegt die Belastung bei 15 Prozent des verfügbaren Einkommens. Im Kanton Zug (8 Prozent) ist die Belastung am tiefsten, im Kanton Bern (23 Prozent) am höchsten.

Die obigen Zahlen zeigen, dass schon heute viele Haushalte mehr als 10 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für die Krankenkassenprämien ausgeben. Und das trotz dem heutigen System mit den Verbilligungen, das Bund und Kantone über 4 Milliarden Franken pro Jahr kostet. Mit der Einführung einer Obergrenze würden diese Ausgaben deutlich erhöht. Alleine für den Kanton Genf rechnen die Initianten des diese Woche eingereichten Volksbegehrens mit zusätzlichen Kosten von 250 Millionen Franken pro Jahr.

Anmerkung: In Medienmitteilungen des Bundesamtes für Gesundheit (zum Beispiel in dieser hier) wird angegeben, dass die Prämienbelastung der Gesamtbevölkerung 2014 bei etwa 6 Prozent des verfügbaren Einkommens liegt. Das ist falsch, wie das Bundesamt für Statistik auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet bestätigt. 6 Prozent entspricht dem Verhältnis zum Bruttoeinkommen aller Haushalte. Also dem Einkommen vor Abzug der obligatorischen Ausgaben für Steuern, Krankenkassenprämien und Sozialversicherungsabgaben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2018, 16:38 Uhr

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