So schröpfen die Schweiz und Spanien Gastarbeiter

Der automatische Informationsaustausch in Steuerfragen trifft nicht nur Reiche. Besonders in der spanischen Gemeinde in der Schweiz gehen derzeit die Wogen hoch.

«Die Einwanderer sind einfache Opfer»: Tür zur Schalterhalle eines Schweizer Steueramts.

«Die Einwanderer sind einfache Opfer»: Tür zur Schalterhalle eines Schweizer Steueramts. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Spanische Immigranten fühlen sich in die Zange genommen. Für die Berechnung ihres Steuersatzes in der Schweiz müssen sie auch ihre Immobilien im Heimatland angeben. Nach Spanien zurückgekehrte Pensionierte müssen für ihre nicht deklarierten ausländischen Renten den spanischen Behörden derweil saftige Steuernachforderungen bezahlen.

Der automatische Informationsaustausch (AIA), der ab dem nächsten Jahr in Kraft tritt, betrifft nicht nur Superreiche, die ihr Geld in der Schweiz lagern. Auch immigrierte Arbeitnehmer befinden sich in den Maschen des Steuernetzes.

Ferienwohnung erhöht Steuersatz

Denn was viele nicht wissen: Auch immobile Vermögen im Ausland müssen Schweizer Steuerpflichtige der Steuerbehörde angeben. Die meisten Kantone berücksichtigen Liegenschaften im Ausland nur satzbestimmend. Das heisst, die Liegenschaft und deren Mietertrag wird in der Schweiz zwar nicht besteuert, wird aber für die Bestimmung des Steuersatzes herangezogen.

Auslandsverluste aus Immobilien werden grundsätzlich ebenfalls satzbestimmend berücksichtigt. In gewissen Kantonen können diese sogar zu einer Verminderung des steuerbaren Einkommens führen. Mit dem AIA erfahren die Schweizer Steuerbehörden, wenn Inländer im Ausland Immobilien besitzen. Spanier in der Schweiz haben noch bis Ende Jahr Zeit, den Normen der Steuerbehörde gerecht zu werden.

«Anwesende haben Anwälte angegriffen»

«Die Einwanderer sind einfache Opfer», sagt Xosé Abelenda, Gewerkschafter bei der Unia, gegenüber der Nachrichtenagentur sda. «Die Arbeiter haben nicht die Mittel, ausgefeilte Finanzstrukturen auf die Beine zu stellen», führt er aus.

Seit Anfang Jahr finden Informationsveranstaltungen in den verschiedenen spanischen Zentren der Schweiz statt. An diesen Zusammenkünften kommt es teilweise zu heftigen Auseinandersetzungen. «Wir hatten Anwälte eingeladen», erinnert sich Oscar Andrade, Präsident des spanischen Zentrums in Laufen BL. «Die Anwesenden haben die Anwälte angegriffen, als seien sie die Verantwortlichen», bedauert er.

Doppelt besteuert

«Wir haben den Eindruck, zweimal für das gleiche Einkommen besteuert zu werden», empört sich Manuel, ein spanischer Einwanderer aus Delémont. Er erinnert daran, dass in Spanien die Liegenschaftssteuern für Immobilien in den letzten Jahren gestiegen sind.

Bei den Immigranten, die seit der Krise im Jahr 2008 eingewandert sind, kommt die Massnahme schlecht an. «Ich hatte mein Haus schon, bevor ich 2012 in der Schweiz angekommen bin», erklärt Manuel: «Ich verstehe nicht, warum ich hier für ein Gut Steuern zahlen müsste, das ich mit meinem früheren Einkommen finanziert habe.»

«Generation der Regulierung»

Nachdem vermehrt über die Berechnung des Steuersatzes informiert worden ist, haben sich auch die Geister nach und nach wieder beruhigt. «Die Leute haben angefangen, mit der Steuerbehörde zu kooperieren», versichert Abelenda.

Der 35-jährige Francisco resigniert: «Wir sind die Generation der Regulierung.» Die Immigranten, welche ihren Pflichten nicht bis Ende Jahr nachkommen, riskieren nicht nur eine steuerliche Nachprüfung, sondern auch eine saftige Busse. Die Berechnung des Steuersatzes variiert je nach Kanton und Wert des Guts.

Bleibt noch das Problem der Rückwirkung für einen Zeitraum von zehn Jahren: «Ein harter Schlag», kommentiert Luis, der an einem Tisch im ATEES sitzt, eines der spanischen Zentren in Delémont. Im Kanton Jura wurde in diesem Frühling eine Petition von 1424 Personen unterschrieben. Sie verlangt, dass die Rückwirkung nicht angewendet wird.

Steuerberichtigungen in Spanien

Die spanischen Einwanderer sind umso empörter, als die spanische Steuerbehörde sich in den letzten Jahren derjenigen angenommen hat, die ins Land zurückgekehrt sind. Seit 2013 hat sie Steuern von zehntausenden Spaniern nachgefordert, die ihre ausländischen Renten nicht deklariert haben.

Die meisten von ihnen wussten nichts von dieser Verpflichtung. So auch die 73-jährige Socorro Mourelle. Zusammen mit ihrem Mann hatte sie in den 70er-Jahren in Solothurn gearbeitet. «Die Behörden haben mir 2009 gesagt, dass ich auf diese Rente keine Steuern zahlen müsse», versichert sie.

«Als hätten sie Steuerflucht begangen»

«Die Immigranten wurden ungerechterweise so behandelt, als hätten sie Steuerflucht begangen», erklärt José Rocha, der früher in La Chaux-de-Fonds wohnte. In Galicien hat er nun einen Verein für zurückgekehrte Immigranten gegründet. Abelenda seinerseits spricht gar von «Diskriminierung». Er weist darauf hin, dass die spanischen Rentner nur auf Jahreseinkommen über 22'000 Euro Steuern zahlen müssen. Dies unter der Bedingung, dass sie nur eine Einkommensquelle haben.

Allerdings bekommen ehemalige Immigranten in der Schweiz eine Rente der AHV und eine der zweiten Säule. Zwei Einkommen, die bei je rund 11'000 Euro die Untergrenze für die Steuerzahlung erreichen. Der Steuersatz beläuft sich auf 23 Prozent der Einkommen. Angesichts der Proteste hat die Regierung angefangen, Geldbussen zurückzuerstatten. (rub/sda)

Erstellt: 17.07.2017, 11:40 Uhr

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