So spröd. So cool. So populär

Der zurücktretenden Blocher-Bezwingerin Eveline Widmer-Schlumpf gelang die Fusion von Eigenschaften, die eigentlich unvereinbar sind.

Lob von beinahe allen Seiten: Eine Karikatur zeigt die abtretende Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, die vom Volk gefeiert wird. Illustration: Max Spring

Lob von beinahe allen Seiten: Eine Karikatur zeigt die abtretende Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, die vom Volk gefeiert wird. Illustration: Max Spring

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Hinter ihr liegen acht Bundeshausjahre. Aber an einen Auftritt, bei dem sie auch nur leicht neben den Schuhen stand, kann man sich nicht erinnern. Nicht einmal wegen ihrer Frisur. Als Eveline Widmer-Schlumpf vor acht Jahren im legendären Zug von Chur nach Bern rollte und während der Fahrt von der Bundesversammlung in die Landesregierung gewählt wurde, trug sie ihre Haare auf eine Art, die den Stilanforderungen der nationalen, geschweige denn internationalen Politik bei weitem nicht genügte.

Man bedeutete ihr unverblümt, sie solle den Coiffeur wechseln, und sie selber mokierte sich selbst am Mittwoch bei ihrer Rücktrittserklärung noch darüber. Aber jetzt, im Rückblick, kommt einem Widmer-Schlumpfs Bad-Hair-Day vom 12.Dezember 2007 vor wie eine gerissene Inszenierung: EWS sah aus wie eine moderne berufstätige Frau, die am Morgen noch das Mittagessen für die Kinder in Tupperware abgefüllt oder Wäsche aufgehängt hat, dann auf den Zug rannte, um Bundesrätin zu werden. Sie sah aus, als käme sie aus unserer Mitte. Unperfekt wie wir alle. Perfekt für ihre Rolle.

Als sie am Mittwochabend um 16.45 Uhr vor die Livekameras trat, um ihren Rücktritt per Ende Jahr anzukündigen, lieferte sie die vielleicht letzte Kostprobe davon ab, wie virtuos sie es beherrscht, mit ihrem Image der staubtrockenen Technokratin in der Öffentlichkeit zu kokettieren. Man schmilzt in Sympathie nur so dahin und würde sie am liebsten sofort zum Nachtessen einladen (wenngleich sie bekanntermassen sehr wenig isst). Obschon ihr die halbe Nation an den Lippen hing, um zu erfahren, ob sie jetzt wirklich zurücktritt oder nicht, referierte sie zuerst über die kurz zuvor vom Bundesrat abgesegnete Energiestrategie, als wäre es das Normalste der Welt.

Samuel Schmid blutete die Nase, als er seinen Rücktritt ankündigte. Anderen versagte die Stimme. Eveline Widmer-Schlumpf zelebrierte am Mittwoch ihre Sprödheit in vollkommener Selbstbeherrschung, als befände sie sich an einem Casting für die Rolle der «Tatort»-Gerichtsmedizinerin (für die man sie unbedingt engagieren müsste). Sie schien es zu geniessen, dass alle in ihr Gesicht starrten, in die weit aufgerissenen Augen, und nach einem Zeichen der Rührung suchten, einer kleinen Träne vielleicht. Es kam keine. Wie geplant.

Ab und zu umspielte am Mittwoch ein Lächeln ihre Lippen, und die Stirn runzelte sich ein-, zweimal ironisch. Die paar minimalistischen Gesten reichten der Perfektionistin Widmer-Schlumpf, um zu signalisieren: Ich durchschaue, was hier läuft. Aber ihr durchschaut nicht, was in mir läuft. Ich trage Mèches, aber ich bin immer noch die, die vor acht Jahren im Zug ankam.

Kein Mensch kam bei Widmer-Schlumpfs Auftritten auf die Idee, dass sie selber gerade mit einem Winkelzug Macht ausspielen könnte. Dass sie vielleicht nur die halbe Wahrheit sagt. Dass sie womöglich gerne Bundesrätin bliebe, weil es ihr gefällt, sehr gut gefällt, da oben.

Dass sie so gnadenlos austeilen kann, wie sie von ihren Gegnern einsteckt. Die SVP hat in der gemässigten Schweiz die Provokation als Instrument in der politischen Arena salonfähig gemacht. Eveline Widmer-Schlumpf hat das bisher einzige taugliche stilistische Gegenmittel gefunden: die zum Exzess getriebene Gelassenheit, die sie in ihrem Bündner Dialekt beharrlich zur eigenständigen Marke entwickelte.

Was die zerbrechlich wirkende Widmer-Schlumpf einsteckte, schien das Menschenerträgliche zu übersteigen. Es gibt erfahrene Bundespolitiker, die sich nicht erinnern können, je eine so zähe Person wie EWS im Bundeshaus erlebt zu haben. Während andere in endlosen Sitzungen erschöpft den Faden verloren, war Widmer-Schlumpf hochkonzentriert und präsent.

Unermüdlich und irgendwie unbesiegbar. Nach einer irrwitzigen Arbeitswoche inklusive Amerika-Reise trat sie putzmunter in der Satiresendung «Giacobbo/Müller» auf und erzählte vom Glück, den schlaflosen Jetlag zum Arbeiten nutzen zu können. Schliesslich hätten ihr schon die Kinder unzählige wunderbare Nächte ohne Schlaf beschert. Wie bei uns zu Hause, bünzlig, wie in einem Schlager! Es könnte ewig so weitergehen.

Aber es ist vorbei. Eveline Widmer-Schlumpf, als personifizierte Bezwingerin von Christoph Blocher zur Ikone hochstilisiert, die selbst Linke nicht mehr als Bürgerliche wahrnahmen, geht einfach. Hätte sie sich der Wiederwahl gestellt, wäre es am 9.Dezember zum spektakulären Showdown gekommen. Kompetenz gegen Konkordanz.

EWS wäre abgewählt worden, die zahlenversessene Heldin des Volks, geopfert auf dem Altar der Bundeshaus-Arithmetik. Es wäre der grosse, dramatische, coole Abgang gewesen, den wir eigentlich gerne noch gesehen hätten. Aber der Hauptfigur ist ihre Rolle doch zu gross geworden.

Erstellt: 29.10.2015, 09:15 Uhr

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