So stark steigen die Bildungsausgaben

Landesweit protestieren Schüler gegen das Sparen bei der Bildung. Aber wie sieht es wirklich aus? Die Zahlen.

«Was machen wir ohne Ausbildung?» Weil der Kanton Luzern bei der Bildung spart, protestieren heute Tausende Schüler in Basel, Zürich, Luzern, Aarau und Genf.

Heute Nachmittag protestierten Schülerinnen und Schüler landesweit gegen die Sparpolitik bei der Bildung. In Aarau, Basel, Genf und Zürich solidarisieren sie sich mit ihren Luzerner Kollegen, die den Protest initiiert hatten. Die Überlegung, auch andere Kantone ins Boot zu holen, sei von Anfang an da gewesen, sagten die Luzerner Organisatoren dem «Tages-Anzeiger». Denn abgebaut werde bei der Bildung praktisch überall.

Doch Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen: Dem Bereich Bildung steht trotz Sparmassnahmen jedes Jahr mehr Geld zur Verfügung.

2001 betrugen die öffentlichen Bildungsausgaben in der Schweiz noch 22,68 Milliarden Franken. 2014 war es mit 35,98 Milliarden Franken schon fast doppelt so viel. Auch im Vergleich mit den öffentlichen Gesamtausgaben und dem Bruttoinlandprodukt entwickelten sich die Ausgaben für die Bildung überproportional.

Im Jahr 2000 wendete der Staat 14,9 Prozent der öffentlichen Gesamtausgaben für die Bildung auf. Bis 2014 stieg dieser Wert auf 17,3 Prozent. Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandprodukt der Schweiz wuchs im selben Zeitraum von 4,9 auf 5,6 Prozent.

Die Zunahme dürfte teilweise auf die allgemeine Teuerung zurückzuführen sein. Ein weiterer Grund seien die steigenden Ausgaben pro Schüler, sagt der renommierte Bildungsökonom Stefan Wolter von der Universität Bern auf Anfrage. Denn die Anzahl der Personen in Ausbildung wächst nicht gleich stark wie die Bildungsausgaben.

Von 1990 bis 2014 sind die Ausgaben pro Person in Ausbildung um knapp die Hälfte gestiegen. Die jährliche Wachstumsrate betrug seit 2000 durchschnittlich etwas mehr als 2,2 Prozent und war damit über viermal so hoch wie das durchschnittliche jährliche Wachstum der Anzahl der Personen, die eine Ausbildung machen (0,5 Prozent).

«Die höheren Ausgaben pro Person sind einerseits durch den demografischen Rückgang der Schülerzahlen in den meisten Kantonen ausgelöst worden», sagt Wolter. Kleine Klassen sind demnach teurer, wenn man die Kosten für den Einzelnen errechnet. Anderseits, so der Bildungsexperte, hätten zusätzliche Aufgaben wie Schulsozialarbeit oder integrative Schulung, welche das Bildungssystem mittlerweile erfüllen müsse, zu steigenden Ausgaben pro Person geführt.

Zur allgemeinen Kostensteigerung im Bildungsbereich hat gemäss Wolter auch die grössere Tertiarisierung der Bildung beigetragen, also die Tatsache, dass es immer mehr Studierende gibt – und für diese gibt der Staat am meisten aus.

2014 wurde für Studierende auf der Tertiärstufe durchschnittlich 32'617 Franken ausgegeben. An den Hochschulen sind die Bildungsausgaben pro Person mit mehr als 36’000 Franken am höchsten. Schülerinnen und Schüler der obligatorischen Schule (20'585 Franken) und der Sekundarstufe II (24'849 Franken) kommen den Staat weit weniger teuer.

Grundsätzlich nehmen die Bildungsausgaben mit steigender Bildungsstufe zu. Je höher die Bildungsstufe, desto höher sind die Löhne für die Lehrkräfte, die Anforderungen an die Infrastruktur und der Bedarf an administrativem und technischem Personal. Wenn also immer mehr Schweizerinnen und Schweizer studieren, werden die Bildungsausgaben weiter steigen.

«Ich sehe keine Anzeichen dafür, dass real bei den Ausgaben pro Schüler gespart wurde.»Stefan Wolter, Bildungsökonom

Gleichzeitig sparen die Kantone immer häufiger auch bei der Bildung. So haben die Deutschschweizer Kantone zwischen 2013 und 2015 mindestens 265 Millionen Franken im Bildungsbereich eingespart. Bis 2018 sind sogar noch umfassendere Abbaumassnahmen von mindestens 536 Millionen Franken geplant.

Die Befürchtung, dass vor allem bei den Ausgaben für die Schülerinnen und Schülern selbst gespart werden könnte, teilt Wolter nicht. «Ich sehe keine Anzeichen dafür, dass im Durchschnitt real bei den Ausgaben pro Schüler in der Schweiz schon gespart wurde», sagt der Bildungsexperte.

Erstellt: 05.04.2017, 18:27 Uhr

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