«So verpasst man es, die Jungen anzusprechen»

Professor Mark Eisenegger hat das Jahrbuch 2018 zur Qualität der Medien vorgelegt und sagt, was Journalisten besser machen könnten.

«Unsere Gesellschaft ist nicht am Verdummen. Das Interesse an relevanten Themen wäre grundsätzlich vorhanden»: Mark Eisenegger, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Hier an der Jahrbuch-Präsentation von 2015.

«Unsere Gesellschaft ist nicht am Verdummen. Das Interesse an relevanten Themen wäre grundsätzlich vorhanden»: Mark Eisenegger, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Hier an der Jahrbuch-Präsentation von 2015. Bild: Keystone

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Herr Eisenegger, laut Ihren Befunden nimmt die Gruppe der News-Unterversorgten in der Schweiz dramatisch zu. Wie messen Sie die Versorgung?
Wir befragen 3400 Personen zu ihrem Medienkonsum. Wie viel Zeit sie investieren, in welche Titel, ob sie sich für Politik, Wirtschaft, Kultur und so weiter interessieren. Wir fragen sie auch, an welche politische Themen des vergangenen Jahres sie sich noch erinnern. So messen wir, wie gut jemand informiert ist. Die Befragten teilen wir in sechs Gruppen ein. Die sechste Gruppe ist diejenige, die am schlechtesten mit News versorgt ist. Wir nennen sie die News-Deprivierten. Ihr Interesse bezieht sich auf Musik und Lifestyle-Themen, und deutlich weniger auf Politik und Wirtschaft. Es ist die Gruppe, die am stärksten wächst. 2009 betrug ihr Anteil noch 21 Prozent, heute sind es 36 Prozent. Und der Trend ist klar, er zeigt nach oben.

Sind wir am Verdummen?
Nein, unsere Gesellschaft ist nicht am Verdummen. Das Interesse an relevanten Themen ist bei dieser Gruppe unterdurchschnittlich, aber dafür gibt es Erklärungen. Die Erklärung Nummer 1 ist die Art und Weise, wie Medien heute genutzt werden. Interessant ist ja, dass die Gruppe der News-Deprivierten einen sehr hohen Medienkonsum ausweist. Sie verbringt substanziell viel Zeit an elektronischen Geräten. Aber die Zeit wird weniger in den Konsum von Informationen investiert, und mehr in die Pflege von Bekannt- und Freundschaften. Es findet also eine zeitliche Verdrängung statt. Für richtige Information bleibt weniger Zeit. Die zweite Erklärung ist, dass die Bindung an herkömmliche Medienmarken mit dieser Art von Medienkonsum sinkt. Die Frage, wie stark man sich einem bestimmten Medium in einem routinierten Alltagsverhalten zuwendet, hat einen signifikanten Einfluss auf die News-Versorgung.

Wie können wir die Versorgung verbessern?
Schulen sind sehr stark gefordert. Wir investieren viel in Frühfranzösisch, Frühenglisch und andere Fertigkeiten – es müsste auch früh angesetzt werden mit der News-Konsumation. Mit der Pflege der Lektüre von Medienartikeln, dem Erkennen von Qualitätsunterschieden. Fächer wie Geschichte oder Mensch und Umwelt wären dafür hervorragend geeignet. Da investiert man heute viel zu wenig, und auch der Lehrplan 21 sieht das leider nicht vor. Es müsste politischen Druck geben.

Sie schreiben in Ihren Befunden, dass die Journalisten ihrer Watch-Dog-Funktion zu wenig nachkommen, weil sie sich nicht auf denselben Plattformen bewegen wie die Gruppe der News-Unterversorgten. Was müssten wir anders machen?
Wir stellen fest, dass die jungen Erwachsenen sehr häufig auf den neueren Plattformen wie Snapchat, Youtube und Instagram unterwegs sind. Auch haben wir einen Trend zur Audiovisualisierung. Junge konsumieren Nachrichten häufig in Form von Videos. Sie bevorzugen videolastige Kanäle. Traditionelle Medien sind auf diesen Kanälen aber weniger unterwegs, sondern mehr auf Facebook und Twitter, die Kanäle der älteren Generation. So verpasst man es, die Jungen anzusprechen. Die Medien müssten die neuen Kanäle stärker berücksichtigen für die Verbreitung ihrer Artikel, um die Jungen abzuholen.

Sie konstatieren auch, dass die Qualität sinkt. Ein Merkmal dafür ist die Einordnungsleistung. Wie messen Sie sie?
Wir unterscheiden thematische und episodische Berichterstattung. Thematische ordnet ein Ereignis ein, zeigt Ursache und Wirkung auf. Episodisch heisst: Nur das Ereignis selber wird vermeldet. Typischerweise sind das News-Ticker, Push- oder sonstige Kurzmeldungen. Einordnungsleistung ist sensibel auf Einsparungen. Wo weniger Leute arbeiten, weniger Geld vorhanden ist, da leidet die Einordnungsleistung.

Die Wochenzeitung WOZ ist bei dieser Befragung erstmals erfasst, und sie landet gleich auf Platz 4, nach drei SRF-Sendungen. Was macht sie so gut?
Sie ist eben stark in der Einordnung. Als Wochenzeitung hat sie darin aber auch einen kompetitiven Vorteil, wie alle entschleunigten Medien. Sie hat mehr Zeit für Recherche, berichtet breit, vielfältig, auch überrraschend. Nimmt Themen auf, die nicht vor der Haustür liegen. Ich habe zwei Thesen: Der Recherchefonds ist massgebend, aber auch die publizistische Kultur des Hauses.

Die «Weltwoche» rangiert vor dem «Tages-Anzeiger». Was macht sie besser?
Sie ist ebenfalls stark in der Einordnungsleistung. Sie bettet ein und eröffnet auch einmal andere Perspektiven. Abstriche gibt es bei ihr im Bereich der Professionalität. Die «Weltwoche» und der «Tages-Anzeiger» sind quasi auf Augenhöhe. Die «Weltwoche» ist einfach stärker bei der Einordnung, und das muss sie als Wochenmedium auch sein.

Sie regen an, dass die Schweiz von Tech-Intermediären wie Google und Facebook eine Steuer verlangen und damit den Journalismus finanzieren soll. Ist das realisierbar?
Ja, aber ein beherztes Vorgehen gegen die internationalen Konzerne ginge nur mithilfe der Verleger. Und diese sind stark auf das Leistungsschutzrecht konzentriert, das in Deutschland und Spanien erfolglos getestet wurde. Es wurden dort Gesetze gemacht mit dem Ziel, dass die Konzerne die Verlage entschädigen für die Verbreitung von Nachrichten. Doch das hat nicht funktioniert. Eine Steuer oder Abgabe wäre eher realisierbar. Hier sitzen die Länder auch am längeren Hebel. Es laufen bereits Bestrebungen hierzu in den USA und in der EU, auch in Grossbritannien. Die Schweiz muss jetzt unbedingt aktiv werden und sich international vernetzen. Sie muss auch mutiger sein, eine klare medienpolitische Vision haben. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 22.10.2018, 18:14 Uhr

Medienprofessor Mark Eisenegger ist seit 2015 Präsident des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft an der Universität Zürich. (Twitter)

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