So viel mehr werden Grosskonzerne zahlen

Drei Viertel der multinationalen Konzerne dürften wegen der Steuerreform mehr in die Staatskassen abliefern. Neue Zahlen belegen aber auch, dass die Schlupflöcher der Reform gross sind.

Auch der Nahrungsmittelkonzern Nestlé müsste bei einem Ja zur Reform mehr Steuern bezahlen: Blick in den Hauptsitz in Vevey. Foto: Getty Images

Auch der Nahrungsmittelkonzern Nestlé müsste bei einem Ja zur Reform mehr Steuern bezahlen: Blick in den Hauptsitz in Vevey. Foto: Getty Images

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Multinationale Konzerne werden in der Schweiz wesentlich mehr an die öffentliche Hand abliefern als bisher, falls die AHV-Steuer-Vorlage am 19. Mai angenommen wird: Zu diesem Schluss kommt der Interessenverband Swissholdings aufgrund einer Umfrage bei seinen Mitgliedern. «Etwa ein Viertel der Konzerne zahlt künftig substanziell höhere Steuern, das heisst über 15 Prozent mehr als heute», sagt Martin Hess, Leiter Steuern bei Swissholdings. Die Hälfte der befragten Konzerne erwartet eine Rechnung, die um 5 bis 15 Prozent höher ausfällt. Für das restliche Viertel verändert sich kaum etwas. Ein einziges Unternehmen rechnet sogar mit tieferen Abgaben.

Der Interessenverband der multinationalen Konzerne unterstützt die AHV-Steuer-Vorlage. Er zählt 57 Mitglieder, knapp die Hälfte davon hat an der Umfrage teilgenommen. Darunter Grosskonzerne wie Nestlé, Novartis, Roche, Schindler und LafargeHolcim, mittelgrosse wie Sulzer, Bühler und Sonova, Dienstleistungsunternehmen wie die Swisscom sowie ausländische Konzerne mit einem wichtigen Standbein in der Schweiz wie Johnson & Johnson oder Procter & Gamble. Sie würden den Grossteil der Steuersubstanz der Mitgliedsfirmen vertreten, sagt Hess.

Höhere Steuern und Zuzüge

Wie viel mehr die Multis in Franken und Rappen bezahlen müssen, könne der Grossteil der Unternehmen jedoch noch nicht beziffern, sagt Hess. Nestlé etwa antwortet auf Nachfrage nur, der Konzern halte sich an alle Gesetze. Steuern zu zahlen, sei Teil der gesellschaftlichen Verantwortung des Konzerns.

Zwei Gründe geben den Ausschlag dafür, dass die Mitglieder von Swissholdings höhere Steuerbeträge erwarten. Der eine ist jener, auf den die bürgerlichen Befürworter der Vorlage setzen. «Verschiedene Unternehmen planen bei einem Ja, weitere Aktivitäten in die Schweiz zu verlagern, woraus ein höherer Steuerertrag resultiert», sagt Hess von Swissholdings. Diese Dynamik soll laut Schätzungen des Bundes helfen, die kurzfristigen Ausfälle langfristig durch Mehreinnahmen zu kompensieren. Ob diese Rechnung aufgeht, ist umstritten: Der Bund nennt keinen Zeitrahmen und weist darauf hin, die Wirkung hänge davon ab, wie stark andere Länder ihre Steuern senken.

«Firmen planen bei einem Ja, Aktivitäten in die Schweiz zu verlagern. Das erhöht den Steuerertrag.»

Der Hauptgrund für die höhere Steuerrechnung der Multis ist jedoch, dass die AHV-Steuer-Vorlage Privilegien abschafft, von denen heute Unternehmen mit mindestens 80 Prozent Auslandgeschäft profitieren. Einige Kantone belasten deren Gewinne mit nur wenigen Prozent. In Zukunft werden alle Firmen zum normalen Satz besteuert, der teilweise mehr als doppelt so hoch ist. Die grosse Mehrheit der Kantone plant darum starke Senkungen der Gewinnsteuersätze und Steuererleichterungen für Patente sowie Forschung und Entwicklung. Die Belastung multinationaler Konzerne soll damit steigen, aber nicht so stark, dass sie deswegen wegziehen.

Gemäss Schätzungen der Eidgenössischen Steuerverwaltung werden die privilegierten Gesellschaften heute mit durchschnittlich 8,8 Prozent besteuert, in ­Zukunft wären es rund 11,3 Prozent. Demnach müssten multinationale Firmen mit heutigen Steuerregimes nicht 5 bis 15 Prozent, sondern rund ein Viertel mehr zahlen; der Bund schätzt die Summe auf total 2,4 Mil­liarden Franken. Diese Durchschnittswerte sagten wenig über die Rechnung für einzelne Firmen aus, heisst es bei Swissholdings. «Je mehr Arbeitsplätze und Aktivitäten ein Unternehmen in der Schweiz hat, desto weniger kann es von den heutigen Regimes steuerlich profitieren», sagt Hess. Das werde mit der AHV-Steuer-Vorlage geändert. «Je mehr wichtige Funktionen in der Schweiz sind, desto geringer wird die steuerliche Mehrbelastung ausfallen», so Hess. Wer zum Beispiel Forscher in der Schweiz beschäftige, kann neu dafür Steuerabzüge geltend machen.

Neue Schlupflöcher

Gegner der Vorlage werfen die Umfrage auf die Konzerne zurück. «Die Zahlen von Swissholdings sprechen nicht für die AHV-Steuer-Vorlage», sagt Grünen-Präsidentin Regula Rytz. «Sie zeigen vielmehr, dass die globalen Konzerne weiterhin von sehr tiefen Steuersätzen profitieren können.» Unter diesen Voraussetzungen würden die von Finanzminister Ueli Maurer erwarteten Zusatzeinnahmen kaum eintreffen.

«Das grosse Problem der Steuervorlage ist, dass in Zukunft auch alle normal besteuerten Unternehmen 4,5 Milliarden Franken weniger Steuern zahlen werden», sagt Rytz. «Unter dem Strich bleibt ein Defizit von 2 Milliarden.» Die Reform öffne grosse Steuerschlupflöcher, sagt Rytz: «Vor allem die Patentbox und der Überabzug für Entwicklungskosten sind Fässer ohne Boden, weil sie sich kaum kontrollieren lassen.»

Lausanne erwartet wenig

Ähnliche Befürchtungen hegt die Lausanner Finanzchefin Florence Germond. Die Hauptstadt der Waadt würde die Gewinne von Gesellschaften mit Sonderstatus dank der AHV-Steuer-Vorlage höher besteuern: Diese müssten künftig 6 Punkte mehr Steuern bezahlen. Das würde über 30 Millionen Franken zusätzlichen Einnahmen entsprechen.

SP-Stadträtin Germond rechnet jedoch damit, dass lediglich 5 Millionen mehr in die Stadtkasse fliessen. Es handle sich um «eine vorsichtige Schätzung», führte sie jüngst im Gemeinderat aus. Germond erwartet wohl, dass die in Lausanne niedergelassenen Konzerne, also hauptsächlich Philip Morris, Mittel und Wege finden, ihre Abgaben tief zu halten. Auf Anfrage teilt der Tabakkonzern mit, er erwarte höhere Steuerrechnungen, allerdings sei es zu früh, um die gesamten Folgen der Reform zu kommentieren.

Germond unterstützt die Vorlage trotzdem: Diese brächte Lausanne zusätzliche 10 bis 12 Millionen an Ausgleichszahlungen des Bundes ein, die ganze Waadt bekäme 100 Millionen. Auf das Geld ist der Kanton angewiesen, denn er hat schon Anfang Jahr eine kantonale Reform der Unternehmenssteuern in Kraft gesetzt, in welcher er fest mit den Bundeszahlungen rechnet.

Erstellt: 01.05.2019, 21:39 Uhr

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