So war es nicht abgemacht

Junge und Arbeitstätige werden unfreiwillig zu Grosssponsoren der älteren Generation.

Heute unterstützen Arbeitstätige die Rentner hochgerechnet mit sieben Milliarden Franken. Bild: Plainpicture

Heute unterstützen Arbeitstätige die Rentner hochgerechnet mit sieben Milliarden Franken. Bild: Plainpicture

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Dem Arbeitstätigen werden am Ende des Monats meist mehrere Hundert Franken vom Lohn abgezogen und auf dessen Pensionskassenkonto gelegt – damit er im Alter auch dank Zinsen und Zinseszinsen ein angenehmes Leben führen kann. Jedenfalls meint der Arbeitstätige, dass dies so geschieht. Ganz genau so ist es aber nicht – ein Teil der Rendite aus seinem Altersguthaben fliesst auf das Konto seiner Arbeitskollegen, die schon in Pension sind. Dabei geht es nicht nur um ein paar Franken: Ein Angestellter, der ein Kapital von 500'000 Franken angespart hat, gibt durchschnittlich 6500 Franken pro Jahr an die Pensionierten weiter. Hochgerechnet unterstützen heute die Arbeitstätigen die Rentner jedes Jahr mit 7 Milliarden Franken. Diese Zahl hat die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge diese Woche bekannt gegeben.

Nur: So war es nicht abgemacht. Abgemacht war, dass in der zweiten Säule, der Pensionskasse, jede und jeder für sich selber spart. Anfang Jahr erhalten alle Versicherten einen Vorsorgeausweis, auf dem steht, wie hoch das Guthaben zurzeit ist und wie hoch es zum Zeitpunkt der Pensionierung sein könnte.

Aber bis dahin kann noch viel Geld umverteilt werden. Das Problem ist, dass viele Pensions­kassen ihren Versicherten eine viel zu hohe Rente versprachen, als diese in Pension gingen. Mit dem gesetzlich vorgeschriebenen Umwandlungssatz von 6,8 Prozent sicherten sie ihnen letztlich nichts anderes zu, als dass sie ihr Guthaben bis an ihr Lebensende mit 4,75Prozent verzinsen. Eine so hohe Rendite können heute die Kassen längst nicht jedes Jahr erzielen, manche schrieben in den vergangenen Jahren gar Verluste. So mussten sie mit der Rendite erst die Guthaben der Pensionierten verzinsen – und nur wenn noch etwas übrig blieb, auch jene der Arbeitstätigen.

Zwei Junge bezahlen eine Rente

So werden die Jungen zusehends zu Grosssponsoren der Rentnerinnen und Rentner. Und dies nicht nur in der zweiten Säule, sondern fast in allen Sozialversicherungen. In der AHV ist es zwar die Idee, dass Arbeitstätige mit ihren Beiträgen die Rentner unterstützen. Aber nicht in diesem Ausmass: Als die AHV 1948 eingeführt wurde, kamen sechs Arbeitstätige zusammen für eine Rente auf. Heute wird diese Last auf vier Arbeitstätige verteilt, 2040 werden es gerade noch zwei sein.

Die Arbeitstätigen entlasten mit ihren Pensionskassenbeiträgen indirekt auch die Kasse der Ergänzungsleistungen. Würden sie die Pensio­nierten nicht jedes Jahr so grosszügig unterstützen, wären heute die Renten deutlich tiefer. Dadurch könnten noch weniger Pensionierte von ihrer Rente leben und müssten Ergänzungsleistungen beanspruchen. Und auch in der obligatorischen Krankenversicherung kommen in der Tendenz Junge für Alte auf. So gibt es heute nur noch zwei obligatorische ­Versicherungen, bei denen nicht von Jung zu Alt umverteilt wird: die Unfall- und die Arbeitslosenversicherung.

Und was tut die Politik? Viel zu wenig. Linke Parteien scheinen gar ganz zufrieden zu sein, dass heute nicht mehr nur in der ersten Säule, der AHV, von Jung zu Alt und von Reich zu Arm umverteilt wird, sondern auch in der zweiten. Jedenfalls ­bekämpften sie 2010 zusammen mit den Gewerkschaften entschlossen eine minime Senkung des Umwandlungssatzes auf 6,4 Prozent. Und die Bürgerlichen wehrten sich im vergangenen September mit Erfolg gegen die «Altersvorsorge 2020», die auch eine Senkung des Umwandlungssatzes auf 6 Prozent vorsah. Nun widmet sich die Bundespolitik der Reform der AHV. Jene der zweiten Säule ­erscheint weniger vordringlich.

Babyboomber gehen in Pension

Es ist grobfahrlässig, die steigende Belastung der Jungen weiterhin zu ignorieren. Bereits gehen Babyboomer in grosser Zahl in Pension, die Zahl der Rentnerinnen und Rentner steigt von Jahr zu Jahr – und die Belastung der Jungen im Gleichschritt. Künftig wird ihnen noch mehr Geld für die Altersvorsorge vom Lohn abgezogen, gehen sie aber einmal in Pension, wird ihre Rente deutlich tiefer sein.

Mit der Einführung der AHV haben die Jungen und Alten einen Generationenvertrag unterschrieben: Die Jungen unterstützen die Alten und werden ihrerseits im Alter unterstützt. Die junge Generation hat den Vertrag genau genommen aber nicht unterschrieben. Die Politiker dürfen ihr Entgegenkommen in der Altersvorsorge nicht länger überstrapazieren. Sonst riskieren sie, dass sie sich aus dem stillen Übereinkommen verabschieden.

Erstellt: 11.05.2018, 22:07 Uhr

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