So werden die umstrittenen Stammzellen gespritzt

Gegen den Direktor der Seegarten-Klinik wird wegen unerlaubter Heilmittel ermittelt. Ein Arzt erzählt, wie er selbst die Fettzellpräparate injizierte.

Der Leiter der Seegarten-Klinik betont nach aktuellem Wissensstand «korrekt gehandelt zu haben».

Der Leiter der Seegarten-Klinik betont nach aktuellem Wissensstand «korrekt gehandelt zu haben». Bild: Anthony Anex/Keystone

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Turbulentere Tage hat John van Limburg Stirum, Arzt und Leiter der Seegarten-Klinik in Kilchberg, in seinem Leben kaum erlebt. Die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis und das schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic setzten ihn Anfang Woche in Haft und durchsuchten seine Praxisräume. Erst nach zwei Tagen kam er frei. Der Vorwurf an Van Limburg Stirum lautet: Er habe nicht zugelassene Heilmittel angewendet und damit die Gesundheit von Patienten gefährdet. Bei den Produkten soll es sich um Extrakte menschlicher Zellen handeln. Nach seiner Haftentlassung betonte der Klinikleiter im Gespräch mit dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet, nach aktuellem Wissensstand «korrekt gehandelt zu haben». Er sagt, er sei «vor ein paar Monaten» aufgrund eines Hinweises zu einer Patientin aus Italien stutzig geworden und habe die in Frage stehende Therapie «sofort einstellen» lassen. Er bestätigt, dass die dortige Staatsanwaltschaft aktiv geworden sei, was im Rahmen eines Rechtshilfeverfahrens zu den Aktivitäten von Swissmedic führte.

Konkret geht es um eine Therapie, bei welcher Patienten Fett entnommen wird, um daraus Stammzellen zu gewinnen und sie dann zurückzuspritzen. Die Zellen sollten sich in alle Arten von Zellen verwandeln und beschädigte ersetzen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet sprach mit einem Arzt, der diese Therapie anwendete. Der Arzt arbeitete mit der Med Cell Europe AG in Münchwilen TG zusammen, gegen die Swissmedic ebenfalls ein Strafverfahren führt. Der Arzt, der anonym bleiben will, saugte seinen Patienten eine geringe Menge von Fettzellen ab. Ein halber Joghurtbecher habe genügt, sagt er. Das Gefäss sei dann von der Post geholt und nach Münchwilen ins Labor gebracht worden, wo das Fett gereinigt und die Stammzellen separiert und eingefroren wurden.

Von Patienten darum gebeten

Die Injektionen nahm der Arzt in Abständen von rund drei Monaten vor. Zwei Wochen vor einem Behandlungstermin informierte er jeweils das Labor. «Die Stammzellen des Patienten wurden dort dann aufgetaut, vermehrt und in einer leicht trüben, weisslichen Suspension am Behandlungstag in die Praxis gebracht», sagt der Arzt. Dort verabreichte er sie den Patienten mittels Kurzinfusion intravenös. Komplikationen seien nie aufgetreten. Auf die Behandlungserfolge angesprochen, sagt er, er habe Patienten mit obstruktiven Lungenkrankheiten und Gelenkschmerzen behandelt. Einige fühlten sich danach besser; andere sagten, die Therapie bringe nichts. Die Untersuchung von Swissmedic bezeichnet er als «Sturm im Wasserglas». Der Arzt sagt, er hatte die Therapieform nicht gekannt. Patienten hätten ihn aufgrund der Werbung von Med Cell Europe um die Behandlung gebeten.

Das Strafverfahren führt Swissmedic gemäss eigener Angaben auch deshalb, weil Präparate teils nicht den Herkunftspersonen, sondern anderen Personen gespritzt wurden, was die Gefahr einer Ansteckung mit Viren in sich birgt. Van Limburg Stirum bestreitet dies: «Wir haben immer sehr darauf geachtet, den Patienten ihre eigenen Extrakte zurückzuspritzen – alles andere wäre tatsächlich gefährlich und fahrlässig.»

Eine andere Frage ist, was die Fettpräparate enthielten – zunächst wohl immer Stammzellen, die vor der Injektion vermehrt wurden. Später spritzten Therapeuten auch zellfreie Extrakte. «In der Seegarten-Klinik haben wir Präparate mit Stammzellen ab 2012 nicht mehr verwendet und ausschliesslich auf zellfreie Extrakte gewechselt», sagt Van Limburg Stirum. Als 2013 Swissmedic eine reguläre Inspektion der Klinik durchgeführt habe, sei das Verfahren nicht bemängelt worden. Offen aber ist, ob die Inspektoren vom Verfahren erfuhren. Sein ebenfalls auf Zelltherapien setzender Berufskollege sagt, Med Cell Europe habe ihn vor einem halben Jahr informiert, nur noch Suspensionen ohne Stammzellen liefern zu können. «Diese Ankündigung überraschte mich», so der Arzt.

Bewilligung nicht bekommen

Inwieweit die Aussagen zutreffen, werden die Untersuchungen zeigen. Swissmedic kann wegen des Amtsgeheimnisses keine Stellung nehmen. Jedenfalls gibt es Zweifel, ob in der Seegarten-Klinik tatsächlich schon seit Jahren nur noch zellfreie Extrakte gespritzt wurden. Auf der englischen Internetsite wird die Injektion von Stammzellen weiterhin angepriesen. Auch berichtet ein Besucher, dass ihm das Verfahren noch letztes Jahr bei einer Klinikführung präsentiert wurde.

Swissmedic-Sprecher Peter Balzli weist darauf hin, dass auch das Spritzen zellfreier Extrakte gegen das Heilmittelgesetz verstosse – selbst wenn Spender und Empfänger identisch sind. Und dass ein Verfahren im Rahmen einer Inspektion nicht beanstandet wurde, heisse nicht, dass es konform sei. Gemäss Recherchen des Tagesanzeiger.ch/Newsnet soll die Med Cell Europe bei Swissmedic für die Herstellung von Zellpräparaten um eine Bewilligung ersucht, sie aber nicht bekommen haben – mangels geeigneter Räumlichkeiten. Sie steht also im Verdacht, Arzneien einfach ohne Bewilligung produziert zu haben.

Der Thurgauer Kantonsapotheker Rainer Andenmatten sagt: «Das Aufbereiten und Vermehren von Zellen ist ohne eine Bewilligung von Swissmedic allenfalls noch erlaubt. Aber sicher nicht die Weitergabe und Verabreichung der aufgearbeiteten Zellen an Patienten.» Diesen Standpunkt vertritt auch Christian Köhler, Spezialist für ästhetische Chirurgie und Geschäftsführer des Zürcher Ärztezentrums Prevention Center. Köhler war Kunde der Med Cell Europe. Er sagt: «Wir haben Med Cell abgesaugtes Fett geliefert, um daraus Stammzellen für eine allfällig zukünftige Anwendung einzufrieren, aber das Rückinjizieren wäre derzeit illegal. Das haben wir mit Swissmedic im Vorfeld genau abklären lassen.» Peter Kellner, Geschäftsführer der Med Cell Europe, wollte auf Anschuldigungen nicht eingehen. Er sagt: «Wir bestreiten alle uns gemachten Vorwürfe. Wir sind überzeugt, nach dem Gesetz gehandelt zu haben.»


Bildreportage zum Wahlkampf in der Schweiz:


Erstellt: 02.10.2015, 22:50 Uhr

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