Den Gegner schlechtmachen

Philipp Müller muss dran glauben, Margret Kiener Nellen und Christophe Darbellay auch: Sie alle geraten in Negativkampagnen. Was bewirkts?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Je näher der 18. Oktober rückt, desto schwerere Geschütze fahren Parteien, Politiker und Unterstützer von Kandidaten auf. Statt wie bisher nur auf Eigenwerbung zu setzen, wird zunehmend auch in Negativkampagnen investiert. Ein gutes Beispiel dafür ist das jüngste Inserat der SP, das sich mit dem Thema Renten auseinandersetzt und den eigenen Wahlslogan «Typisch SP» zweckentfremdet. Es zeigt ein Bild des FDP-Präsidenten und Ständeratskandidaten Philipp Müller mit drohendem Zeigefinger und der Aussage «Wir klauen dir deine Rente. Typisch FDP».

CVP-Präsident Christophe Darbellay ist ebenfalls Ziel einer Negativkampagne. Im Kanton Wallis wurden Plakate mit seinem Konterfrei aufgehängt, ergänzt mit der vermeintlichen Aussage: «Der freie Personenverkehr hat unserem Land viel gebracht. Vor allem mir.» Darbellay stellte auf seinem Facebook-Profil inzwischen klar, dass die Plakate gefälscht sind. Zudem beschuldigte er die SVP, hinter der Aktion zu stecken.

Screenshot: Facebook-Profil Christophe Darbellay

Eine weitere Kampagne läuft aktuell gegen die Berner SP-Kandidatin Margret Kiener Nellen. Wie «Der Bund» berichtet, haben Private aus dem bürgerlichen Lager dafür 42'000 Franken in die Hand genommen. Der dadurch finanzierte Aufkleber, der auf der gestrigen Ausgabe des «Bundes» und der «Berner Zeitung» prangte, sieht auf den ersten Blick wie eine Wahlwerbung der SP aus.

Bild: Berner Zeitung / sih

Wie bei anderen Negativwerbungen wird so versucht, nicht nur die Kandidatin oder den Kandidaten, sondern gleich noch die jeweilige Partei anzugreifen. Auch beim tatsächlichen SP-Inserat gegen Philipp Müller ist dies der Fall.

Umfrage

Was halten Sie von Negativkampagnen?




Um erwünschte Kandidaten im Wahlkampf zu unterstützen, wird zuweilen gar gegen die eigene Partei geschossen. Aktuelles Beispiel für einen solchen Angriff aus den eigenen Reihen liefert die Bündner SVP. Gegen deren Spitzenkandidat Heinz Brand ist von Parteimitgliedern eine Kampagne lanciert worden. Die dafür verantwortliche Gruppe Muntalin um den Ex-Skirennfahrer Willi Forrer diskreditiert Heinz Brand in Inseraten als «Abzocker» und ruft gleichzeitig dazu auf, die SVP-Politiker Magdalena Martullo-Blocher und Livio Zanolari zu unterstützen.

Bild: Südostschweiz / Yanik Bürkli

In einem weiteren Inserat der Gruppe Muntalin wird laut der «Südostschweiz» Werbung gegen SVP-Kandidat Beath Nay gemacht und erneut für Martullo-Blocher und Zanolari geworben. Mit Letzteren ist die Aktion nicht abgesprochen worden. So sagte Zanolari dem Nachrichtenportal «Watson», dass er sich zwar über Unterstützung freue, «wenn in dem Zusammenhang jedoch andere SVP-Kandidaten kritisiert werden» freue ihn das weniger. Martullo-Blochers liess mitteilen, sie sei «in keiner Art und Weise in das Inserat involviert».

Heinz Brand, auf den die Kampagne abzielt, hat nicht vor, rechtliche Schritte gegen die Urheber des Inserats zu unternehmen. Dies ist wohl auch besser so. Auf rechtliche Kämpfe hätten es einige geradezu angelegt, denn das bringe mediale Aufmerksamkeit, erklärt Politberater Balsiger in einer Radiosendung von SRF. Sei diese da, hätten die Urheber der Kampagne das Gefühl, sie hätten gewonnen. Wichtig ist aus Sicht des Geschädigten auch, dass die Gruppe Muntalin keine breite Abstützung in der Bündner SVP-Sektion geniesst. Denn wirksam würden Negativkampagnen insbesondere dann, wenn sie in der eigenen Partei gestützt würden, sagte Politberater Louis Perron in der gleichen Sendung. Dabei sei eine neue Härte zu beobachten.

Negativkampagnen selten wirksam

In den meisten Fällen aber erzielen solche Kampagnen nicht die erwünschte Wirkung. Dies liegt laut Balsiger unter anderem daran, dass sie in der Schweiz wenig professionell aufgegleist werden. «In aller Regel ist die Wirksamkeit sehr bescheiden», so Balsiger. Denn die geäusserten Vorwürfe seien selten richtig fundiert und deshalb nicht haltbar. Negativkampagnen können laut Balsiger gar nach hinten losgehen: «Es kann auch einen gewissen Märtyrer-Bonus geben für Personen, die angegriffen werden und die dann einen gewissen Teil der Wählerschaft so für sich solidarisieren können.» Zudem könnten solche Kampagnen zu Politverdrossenheit in der Bevölkerung führen. Am Schluss gebe es deshalb vor allem Verlierer, glaubt Balsiger. Dieses Risiko sieht auch Louis Perron: «Am Ende schaden sie allen Politikern.»


Mit der SVP im Bahnhof, mit den Grünen in der Einkaufsstrasse: Sehen und lesen Sie unser Multimedia-Spezial.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.09.2015, 12:19 Uhr

Artikel zum Thema

Der wahrscheinlich teuerste Wahlkampf der Schweiz

Parteien und Kandidaten dürften dieses Jahr so viel Geld für den Einzug ins Parlament ausgeben wie noch nie. Für Beobachter ist klar: Möglich macht dies die Wirtschaft. Mehr...

«Haha» – SP-Wahlkampf im Expertencheck

Mark Balsiger sagt, wo Christian Levrats Partei durchfällt und welcher Trumpf «im Nebensatz» auftaucht. Mehr...

Flüchtlingselend und Wahlkampf – das ist unerträglich

Leitartikel Flüchtlingsströme stellen unsere Nachbarn vor immense Aufgaben. Die Schweiz bleibt verschont. Hat jemand «Asylchaos» gesagt? Bitte! Wir können anders. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Bereit für die Ferien?

Die Ferien sind gebucht, die Vorfreude gross – doch was ist mit Impfungen oder Medikamenten? Mit einer Reiseberatung ist man sicher gut gewappnet.

Die Welt in Bildern

Adieu und Adiós: Die Matrosen des mexikanischen Segelschulschiffs Cuauhtémoc haben für die grosse Parade auf der Seine die Masten erklommen. Die Fahrt zum Meer bildet den Abschluss der Armada von Rouen, eine der wichtigsten maritimen Veranstaltungen Frankreichs. (16. Juni 2019)
(Bild: Charles Platiau) Mehr...