So wird der Wille des Patienten auch umgesetzt

Patientenverfügungen sind oft nutzlos. Ein neues Konzept soll dies nun ändern.

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Die Vorstellung, nach einem Unfall oder einer schweren Erkrankung nicht mehr ansprechbar und der medizinischen Machbarkeit ausgeliefert zu sein, ängstigt viele Menschen. Die meisten wollen selber bestimmen, welchen medizinischen Massnahmen sie zustimmen und welche sie ablehnen. Mit einer Patientenverfügung ist es möglich, entsprechende Anordnungen verbindlich festzulegen. Das erleichtert nicht nur den Ärztinnen und Ärzten, schwierige Entscheide zu fällen, sondern entlastet auch die Angehörigen.

Die Praxis sieht anders aus. Oft sind Patientenverfügungen nicht vorhanden oder nicht rechtzeitig auffindbar. Und wenn doch, sind sie in Akutsituationen häufig nutzlos. Ein Grund für den geringen Nutzen sei, dass Patientenverfü­gungen häufig nur für die dauerhafte Urteilsunfähigkeit oder die Situation am Lebensende ausgerichtet seien, sagt Tanja Krones, leitende ­Ärztin für medizinische Ethik am Uni­ver­si­täts­spital Zürich. «Es wird kaum beachtet, dass man auch als Folge eines Notfalls vorübergehend urteilsunfähig werden kann und medizinische Entscheide gefällt werden müssen.»

Zudem sind Patientenwünsche oft zu allgemein formuliert. Angenommen, eine Person kreuzt an, sie wolle nicht reanimiert werden. Später erleidet sie als Folge eines Herzinfarktes einen Herzstillstand. Für die Ärzte stellt sich dann die Frage, ob sie auf eine Reanimation verzichten, selbst wenn die Chancen gut stehen, dass die Person keine bleibenden Schäden davonträgt. De facto müssen die Ärzte trotz juristischer Verbindlichkeit einer Patientenverfügung interpretieren, was dem Willen des Patienten entspricht.

Irrtum des Gesetzgebers

Ein Grundproblem sieht Barbara Züst, Geschäftsführerin der Patientenorganisation SPO, darin, dass Patienten beim Aus­füllen einer Patientenverfügung alleine gelassen werden. «Eine Beratung ist nicht vorgesehen. Das Gesetz geht von medizinisch aufgeklärten Patientinnen und Patienten aus. In der Praxis ist dies nicht der Fall.»

Fachleute sind sich einig: Es braucht Änderungen, damit Patientenverfügungen ihren Zweck erfüllen. Das hat man auch beim Bund erkannt und Massnahmen ergriffen. Im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit hat eine Expertengruppe ein nationales Rahmenkonzept erstellt. Es zeigt auf, wie die gesundheitliche Vorausplanung verbessert werden kann. Im Zentrum steht dabei das sogenannte Advance Care Planning. Dabei handelt es sich um eine Art erweiterte Patientenverfügung.

Was ist neu dabei? Ein wesentliches Element dieser erweiterten Patientenverfügung sei, dass man sie nicht alleine, sondern gemeinsam mit einer Gesundheitsfachperson erarbeite, sagt Ärztin Tanja Krones, die als Mitglied der Expertengruppe am nationalen Rahmenkonzept beteiligt war.

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Im Gespräch zwischen Fachperson und Patient gehe es in erster Linie darum, herauszufinden, was für die betreffende Person wichtig sei, welche Wertvorstellungen sie habe, so Krones. «Sagt jemand, er möchte gerne möglichst lange leben, dann gilt es, zu klären, ob er oder sie auch bereit ist, dafür die entsprechenden Behandlungen in Kauf zu nehmen.» Auf diese Weise versucht man, zu eruieren, was das Ziel einer Behandlung sein soll und was die Person keinesfalls erleben möchte, so Krones.

Zudem werden im Advance Care Planning nicht nur Patientenwünsche für eine bestimmte Situation der Ur­teils­unfä­hig­keit formuliert. Man legt fest, was bei einem akuten Notfall zu tun sei, bei der Behandlung auf der Intensivstation sowie im Fall einer bleibenden Urteilsunfähigkeit. Dank der fachlichen Begleitung soll sichergestellt werden, dass am Ende eindeutig for­mulierte Verfügungen vorliegen und sich der Patientenwille in medizinische Handlungen umsetzen lässt.

Fortlaufender Prozess

Bislang wurden Patientenver­fügungen üblicherweise einmal erstellt und danach kaum mehr angepasst. Das Advance Care Planning sei dagegen ein kontinuierlicher Prozess, im Laufe dessen man den Patientenwillen in gewissen Zeitabständen überprüfe, sagt Rechtsprofessorin Regina Aebi-Müller, Co-Autorin der Nationalfondsstudie «Selbstbestimmung am Lebensende». «Wertvorstellungen und Einstellungen können sich ändern, insbesondere nach der Diagnose einer schweren Krankheit.»

Regina Aebi-Müller rät überdies, frühzeitig mit den Angehörigen über Behandlungswünsche zu reden und sich zu überlegen, ob man für den Fall einer Urteilsunfähigkeit eine Vertretung einsetzen will. Ansonsten kommen gegebenenfalls die ­Angehörigen zum Zug, die das Gesetz aufführt. Fehlen diese, entscheidet die Erwachsenenschutzbehörde.

Noch in den Anfängen

Das Konzept des Advance Care Planning steckt in der Schweiz noch in den Anfängen. Für die Gespräche zum Erstellen einer Patientenverfügung braucht es spezifisch geschultes Personal. Derzeit erfüllten rund 100 Personen diese Bedingung, sagt Tanja Krones vom Universitätsspital Zürich. Einzelne Organisationen bieten laut Krones bereits Beratungen an; das Schweizerische Rote Kreuz plane dies, ebenso die Patientenorganisation SPO (weitere Informationen auf Pallnetz.ch). Offen ist derzeit, ob und in welchen Fällen die Beratung für das Advance Care Planning von der Grundversicherung übernommen wird.

Bleibt die Frage, wo man die Patientenverfügung am besten aufbewahrt, damit sie bei Bedarf rechtzeitig auffindbar ist. Ärztin Tanja Krones rät, nebst Angehörigen und Vertrauenspersonen auch dem Hausarzt eine Kopie zu übergeben. So wisse der Arzt Bescheid und könne seinen Patienten auch darauf ansprechen, die Patientenverfügung zu überprüfen, falls sich dessen Gesundheitszustand verändere.

Künftig besteht die Möglichkeit, die Patientenverfügung im elektronischen Patientendossier abzuspeichern. So können alle behandelnden Ärztinnen und Ärzte darauf zugreifen. Dieses soll ab 2020 schrittweise eingeführt werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.09.2018, 09:19 Uhr

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