Ersatzbusse, Reptilien und eine zersägte Brücke

Die SBB erneuern derzeit ihre Schienen – und bringen Teile des Landes an den Rand des Chaos. Eine Baustellenbesichtigung.

Auch Schotter wird alt und will ersetzt werden: Zwischen Lausanne und Puidoux-Chexbres lassen die SBB derzeit 35'000 Tonnen Gestein auswechseln. Bild: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Auch Schotter wird alt und will ersetzt werden: Zwischen Lausanne und Puidoux-Chexbres lassen die SBB derzeit 35'000 Tonnen Gestein auswechseln. Bild: Jean-Christophe Bott (Keystone)

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Hektik herrscht am Bahnhof Lausanne täglich. Aber selten gerieten Berufspendler derart in Rage wie nach der Einführung des SBB-Sommerfahrplans. Es brach alles auf einmal auf sie ein: gekappte Verbindungen, Zugausfälle, Routenänderungen, neue Abfahrtszeiten. Selbst die treusten SBB-Kunden verstanden die Welt nicht mehr und verloren für kurze Zeit die Contenance.

In Momenten wie diesen schicken die SBB ihre Reiseberater in Leuchtwesten in die Bahnhofshallen. Und diese informieren und beschwichtigen in Endlosschleife: «Die Bahnstrecke zwischen Lausanne und Puidoux-Chexbres ist wegen einer Baustelle bis Ende August geschlossen.» – «Natürlich ist der Streckenunterbruch ein Problem.» – «Wir verstehen Ihren Ärger.» – «Aber es gibt Alternativen.» – «Nach Freiburg, Bern und Zürich kommt man weiterhin.» – «Dauert halt ein bisschen länger.»

Trotz Entschuldigungen: Die abgeklemmte Verkehrsschlagader von Freiburg an den Genfersee hat tagelang zu reden gegeben. Erst als die Schulferien begannen, wurden die Horden erboster Berufspendler allmählich kleiner. Viele sind in die Ferien verreist. Manche haben mit ihren Arbeitgebern Homeoffice, also Heimarbeit, ausgehandelt. Andere wiederum haben sich mit Umwegen und langen Reisezeiten zähneknirschend abgefunden. Kaum jemand, der zwischen Bern und Lausanne pendelt, schätzt es, den Umweg via Vevey zu nehmen und auf der Strecke des «Train des Vignes» mitten durchs pittoreske Lavaux zu fahren.

Video: Der Sommerfahrplan der SBB

Hart trifft es auch die Teilnehmer des Nahverkehrs. Wer von Lausanne aus ein Weindorf östlich der Stadt oder das freiburgische Palézieux erreichen will, muss auf Ersatzbusse umsteigen. Die grossen Gefährte schlängeln sich nun jeden Tag auf den schmalen und steilen Strässchen die Rebberge hinauf und hinab. Die Buschauffeure haben einen Chat eingerichtet, um sich an allzu engen Stellen nicht in die Quere zu kommen und komplizierte Kreuzmanöver zu vermeiden. Besonders grotesk wirkt diese Szene, wenn sich während der Randzeiten nur jeweils eine Handvoll Passagiere in den riesigen Bus-Ungetümen befindet.

Schwer haben es aber nicht nur die Buschauffeure im Lavaux. Gegenüber dem Lausanner Bahnhof sitzen während dieser Hitzetage bedauernswerte Mitarbeiter auf einer schattenlosen Bank und dirigieren Zugpassagiere zu den Ersatzbussen.

In einem zwar schattigen, aber nicht minder heissen Hauseingang stehen Stapel mit Getränkeflaschen. Wer in den Bus einsteigt, dem wird ein stilles Wasser angeboten. Es ist die Entschädigung dafür, dass die Fahrt von Lausanne nach Palézieux in diesen Tagen nicht wie üblich 15 bis 20 Minuten, sondern eine geschlagene Stunde dauert. Es scheint so, als würden die Leute mit dem Wasser auch den Ärger runterschlucken.

Baustelle im Weltkulturerbe

«Erneuerung des Gleiskörpers»: Das ist gemäss SBB der Grund für die Streckenschliessung zwischen der Stadt Lausanne und den Gemeinden Puidoux und Chexbres. Die Bundesbahnen haben auch andere Grossbaustellen in diesem Sommer: Eine Fahrbahnerneuerung zwischen Gelterkinden und Tecknau im Baselbiet beeinträchtigt die Verbindung zwischen Basel und Olten. Auch zwischen St. Gallen und der Vorortsgemeinde Winkeln fallen Züge aus, weil die Kapazität dieser Strecke ausgebaut wird. Aber nirgendwo sind die Auswirkungen auf den Personenverkehr grösser als bei der Totalsperre zwischen Lausanne und Chexbres. Durchschnittlich 13’000 Passagiere pro Tag müssen einen Umweg wählen.

Die Menschen sind allerdings nicht die Einzigen, die von der Baustelle betroffen sind. Bevor zwischen Lausanne und Puidoux die Bagger aufgefahren sind, haben Reptilienspezialisten auf dem Bahntrassee Schlangen eingesammelt und sie an einem unbekannten Ort in Sicherheit gebracht. Nach Bauende im August werden die Tiere wieder auf demselben Streckenabschnitt ausgesiedelt. Bis dahin entfernen 600 Bauarbeiter auf einer Länge von fünf Kilometern bestehende Schienenstränge und Weichen und ersetzen sie mit neuen Geleisen, tauschen 35'000 Tonnen Schotter aus und sanieren zwei Tunnel. Gearbeitet wird in zwei Schichten von 6 bis 22 Uhr. Die SBB rechnen mit Baukosten von 41 Millionen Franken.

Die fünf Kilometer lange Baustelle ist nicht zu übersehen. Das knallrote Schutzband entlang des Bahntrassees fällt im dichten Grün der Rebberge sofort auf. Die Baustelle wirkt im Lavaux, das zum Weltkulturerbe der Unesco gehört, wie ein in die Landschaft eingepasstes Kunstwerk von Verpackungskünstler Christo.


Video: «Kapazitätsengpässe beseitigen»

SBB-Chef Andreas Meyer informierte im November, wie es bis 2030 zu weniger Verspätungen kommen soll.


Ein veritables Kunstwerk, ein von Ingenieuren geschaffenes, pflegen die SBB derzeit im Jura auf der Strecke zwischen Delsberg und Delle. 350 Bauarbeiter wechseln insgesamt 12,5 Kilometer Gleise aus. Kostenpunkt: 48 Millionen Franken. Eine der zahlreichen Baustellen ist besonders spektakulär: die Renovation des über dem Fluss Doubs gelegenen Malvie-Viadukts. Das Bauwerk ist 68 Meter lang und verbindet zwischen St-Ursanne und Glovelier zwei Tunnels. Anforderungsreich ist bereits der Weg zur Baustelle: Arbeiter und Besucher fahren auf einer Art Mini-Monorail-Bahn den Hang hinab in die Tiefe.

Eine Brücke in Brocken

Dort unten haben Ingenieure und Arbeiter in den letzten Monaten ein neues Schienenbett aus Beton erstellt. Anschliessend zerlegten die Techniker den alten Brückenträger, der auf den Säulen des Malvie-Viadukts ruhte, in 25 bis 29 Tonnen schwere Einzelstücke. Diese wurden mit einem speziellen Kranwagen geborgen und durch die Eisenbahntunnels rechts und links des Viadukts weggeschafft. «In vier Tagen war die alte Anlage weggeräumt», bilanziert der Baustellenchef trocken.

Ende Juli ist die neue Betonbrücke bereits fixfertig gebaut und auch schon mit Schotter gefüllt. Der Betontrog wird nun einige Meter verschoben und schliesslich in just jener Lücke liegen, welche die alte Brücke hinterlassen hat. Lediglich einen Tag dauert die Prozedur. Für den Baustellenchef eine Routinesache. Das Verschieben der Brücke werde einfacher sein, als es der Bau der neuen Brücke war, sagt er.

Dank der Ausdünnung des Takts in diesem Sommer haben die SBB Millionen gespart.

Während des Baustellenbesuchs im Jura mag man kaum glauben, dass bereits am 20. August die Züge zwischen Delsberg und Delle wieder fahren sollen, die Brücke über dem Malvie-Viadukt also an ihren neuen Platz gerückt ist. Der Zeitplan könne eingehalten werden, man habe sogar eine Woche Vorsprung, hiess es vor wenigen Tagen. Für den Fall, dass sich Arbeiten verzögern, wurden Zeitreserven eingebaut.

Am Genfersee feiert man derweil Halbzeit: Die Gleisarbeiten zwischen Lausanne und Puidoux-Chexbres dauern nur noch bis zum 26. August. Sind sie beendet, ist auch der Sommerfahrplan 2018 Geschichte, und die SBB haben ihren heissen Bahnsommer mit zahlreichen Vollsperrungen hinter sich. Die Reiseberater mit den Leuchtwesten werden verschwinden aus der Bahnhofshalle und die Pendler in Lausanne wieder mit gepflegter Hektik über die Perrons strömen.

Doch auch diese Normalität währt nicht ewig: Dank der Ausdünnung des Takts in diesem Sommer haben die SBB Millionen gespart. Hätten die Erneuerungsarbeiten bei regulärem Betrieb stattfinden müssen, wären sie erheblich teurer geworden. Das wiederum bedeutet: Bis zum nächsten Sommerfahrplan ist es nur eine Frage der Zeit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.08.2018, 16:13 Uhr

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