«Sogar die SVP-Wähler wollen keinen Atomstrom»

Eine grosse Mehrheit der Schweizer ist gemäss einer aktuellen Befragung gegen Atomstrom. Was das für das SVP-Referendum gegen die Energiestrategie bedeutet, sagt Politologe Georg Lutz.

Ein Protestmarsch gegen die Atomkraft in der Schweiz: Im Hintergrund ist das AKW Beznau zu sehen. (19. Juni 2016)

Ein Protestmarsch gegen die Atomkraft in der Schweiz: Im Hintergrund ist das AKW Beznau zu sehen. (19. Juni 2016) Bild: Keystone

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Drei Viertel der Schweizer wollen gemäss Ihrer Befragung eine Schweiz ohne Atomstrom. Warum hat das Stimmvolk die Atomausstiegsinitiative im November trotzdem abgelehnt?
Die Kampagne der Gegner hat sehr gut funktioniert. Sie haben es geschafft, dass die Frage, ob die Schweiz für oder gegen Atomstrom ist, gar nicht erst diskutiert wurde. Stattdessen wurde der Zeitplan der Ausstiegsinitiative zum Thema gemacht. Die Gegner konnten eine Mehrheit davon überzeugen, dass ein schneller Atomausstieg nicht machbar ist. In unserer Befragung wurde das mit Abstand als häufigster Grund für ein Nein zur Initiative angegeben.

Wusste die Bevölkerung, worüber sie abstimmt? Haben die Stimmenden klar zwischen der Atomausstiegsinitiative und der Energiestrategie des Bundes unterschieden?
Wir haben keine Anzeichen dafür, dass in der Abstimmung Energiestrategie und Initiative vermischt wurden. Die Leute waren gut informiert und wussten, worüber sie abstimmen. Das hat wohl auch damit zu tun, dass die Frage, die in der Abstimmung gestellt wurde, relativ simpel war.

Dann war also das Nein zur Ausstiegsinitiative definitiv kein Nein zum Atomausstieg?
Ich würde es anders formulieren. Das Nein zur Initiative war definitiv kein Ja zum Atomstrom. Aus dem Nein lassen sich keinerlei Anzeichen für einen Gesinnungswandel in der Atomfrage ableiten. Die Erkenntnisse unserer aktuellen Abstimmungsanalyse decken sich zudem mit anderen Zahlenreihen. Bis zum Unfall im japanischen Atomkraftwerk Fukushima 2011 ist die Zustimmung zum Atomstrom in der Schweiz während Jahren leicht angestiegen, sodass sich die Atomlobby Hoffnung auf ein Revival des Atomstroms machen konnte. Seit Fukushima gibt es jedoch wieder eine klare, stabile Mehrheit gegen Atomstrom. Und daran hat sich auch mit dem Nein zur Ausstiegsinitiative nichts geändert.

Was stört die Bevölkerung vor allem am Atomstrom?
Am stärksten wiegen die Sicherheitsbedenken. Überrascht war ich von einem zweiten Ergebnis unserer Befragung: Häufig wurde auch kritisiert, dass das Problem der Entsorgung der Atomabfälle nicht gelöst ist.

Wenn Ihre Erhebung zutrifft, wollen sogar die Wähler von FDP und SVP mit einer deutlichen Mehrheit von über 60 Prozent eine Schweiz ohne Atomenergie. Überrascht Sie das?
Nein. Das hat sich schon in früheren Erhebungen gezeigt. Es gibt eine breite Ablehnung der Atomenergie über alle politischen Lager hinweg.

Im Mai kann sich das Volk erstmals direkt zur Energiestrategie des Bundes und damit zum langfristigen Atomausstieg äussern. Hat das Referendum der SVP angesichts der breiten Zustimmung zum Atomausstieg überhaupt eine Chance?
Ich würde nichts ausschliessen. Es ist möglich, dass eine Kampagne, die vor hohen Kosten für die Wirtschaft warnt, eine Mehrheit von einem Nein zur Energiestrategie überzeugen kann. Die grosse Schwierigkeit für die Gegner ist es jedoch, eine Alternative zur Energiestrategie aufzuzeigen. Einfach auf den Status quo und AKW zu setzen, geht angesichts der deutlichen Ablehnung der Atomenergie nicht.

Ihre Analyse zur Ausstiegsinitiative zeigt aber, dass die Angst vor steigenden Kosten in der Abstimmung kaum eine Rolle spielte.
Es ist richtig, dass dieses Argument im letzten Abstimmungskampf kaum eine Rolle spielte – weder bei den Befürwortern noch bei den Gegnern. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass der einzelne Haushalt die Stromkosten kaum spürt. Das bedeutet aber nicht, dass eine Kampagne, die vor hohen Kosten für die Wirtschaft warnt, chancenlos ist.

Zum Schluss: Meinungsforscher stehen momentan stark in der Kritik. Warum sind Sie sicher, dass Ihre Befragung zur Atomausstiegsinitiative korrekte Ergebnisse lieferte?
Es ist eine qualitativ sehr hochwertige Studie. Wir haben zum Beispiel eine hohe Antwortrate. 32 Prozent aller Personen, die wir für die Studie zufällig ausgewählt haben, antworteten uns auch. Bei jenen, die abgestimmt haben, steigt die Antwortrate gegen 50 Prozent. Ich habe deshalb null Probleme, hinter unseren Ergebnissen zu stehen.


Die Abstimmungsanalyse:

Am 27. November lehnten die Stimmberechtigten mit 54,2 Prozent die Atomausstiegsinitiative ab. Diese wollte die Laufzeit der Schweizer AKW auf 45 Jahre beschränken und den Bau neuer Anlagen verbieten. Bis 2029 wären alle AKW abgeschaltet worden. Das ergab die Befragung nach der Abstimmung:

  • Als Motiv für ein Nein wurde vor allem angegeben, dass die Initiative einen zu schnellen Atomausstieg verlangte. 70 Prozent der Nein-Stimmenden gaben das an. 42 Prozent befürchteten negative Auswirkungen auf die Stromversorgung (Engpässe, Abhängigkeit vom Ausland).
  • 76 Prozent der Stimmenden wollen eine Schweiz ohne Atomenergie. Selbst bei den Nein-Stimmenden liegt der Anteil bei 63 Prozent.
  • Die Initiative wurde vor allem von den FDP und SVP-Wählern abgelehnt – mit jeweils rund 80 Prozent Nein-Stimmen. Aber auch von den Anhängern dieser beiden Parteien sind über 60 Prozent gegen Atomenergie.
  • Fast zwei Drittel der Stimmenden glauben an die Machbarkeit des Atomausstiegs.

Für die Abstimmungsanalyse «Voto» wurden zwischen dem 29. November und 17. Dezember 1578 Stimmberechtigte in der ganzen Schweiz per Telefon befragt.


Erstellt: 19.01.2017, 09:58 Uhr

Georg Lutz ist Professor an der Universität Lausanne. Der Politologe leitet das Forschungszentrum Sozialwissenschaften (Fors). Fors publiziert im Auftrag des Bundes und in Zusammenarbeite mit dem Zentrum für Demokratie Aarau und dem Meinungsforschungsinstitut Link nach jeder nationalen Abstimmung eine Analyse über die Beweggründe der Stimmenden. (Bild: Keystone )

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