Soll man die Uni weiter verschulen?

Was funktioniert an Hochschulen besser – Freiheit oder Bürokratie?

Das Bologna-System bleibt umstritten: Studierende an der Universität Zürich.

Das Bologna-System bleibt umstritten: Studierende an der Universität Zürich. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ja

Jusstudent Goethe bevorzugte Poetik-Vorlesungen statt römischem Recht und schrieb dann Weltliteratur. Steve Jobs widmete sich an der Uni einzig der japanischen Kalligrafie und brach sein Studium ab, um das wertvollste Technologieunternehmen der Welt zu gründen. Statt im Hörsaal lümmelte Mark Zuckerberg lieber vor dem Laptop, hackte sich ins Netzwerk von Harvard und wurde Facebook-Multimilliardär.

Die Welt scheint voll zu sein von Männern (Frauen kommen in diesen Heldenlegenden merkwürdigerweise kaum je vor), die es trotz oder gerade wegen ihrer verbummelten Studien zu Ruhm oder Reichtum gebracht haben. Die daraus abgeleitete Botschaft, gerade jetzt bei Semesterbeginn wieder aktuell: Folge Deinen Träumen statt dem Lehrplan! Jetzt ist die Zeit des lustvollen Lernens gekommen (inklusive ein paar Bier)! Nieder mit Bologna, denn Hochbegabte wie du brauchen keine ETCS-Punkte!

Nur leider ist es ja so: Genies sind so selten wie weisse Raben. Auf jeden verbummelten Studenten, der ein Start-up erfolgreich an die Börse bringt (oder einen Roman vors Nobelpreiskomitee), kommen Tausende, deren grossartig angedachtes Ich-Projekt in einer Sackgasse endet. Die allermeisten aber sind einfach nur begabt und multiplizieren ihr Potenzial dank dem famosen Angebot unserer Hochschulen und dem Schweiss durchgelernter Nächte. Wer gedankenlos die Goethes und Zuckerbergs dieser Welt als grosse Vorbilder hinstellt, riskiert, dass junge Menschen die produktivste Zeit ihres Lebens für hohle Träume verschwenden.

Nein

Es war eine schöne Idee: Vereinfachen. Übersicht. Flexibilität. Wüsste ich nicht, wozu die Bologna-Reform verkommen ist, ich hätte sie unterstützt. Denn in der Praxis ist Bologna ein Chaos. Unser Studium ist komplett durchstrukturiert. Jedes Seminar hat eine Zahl von ECTS-Punkten, jede Vorlesung, jedes Kolloquium ist codiert. Flexibilität ja gerne, aber alles im vorgegebenen Raster. Bologna fühlt sich an wie ein autoritärer Chef: kritikunfähig, ineffizient, altmodisch. Aber er gibt den Ton an. Wer ausschert, wird bestraft.

Auf dem Papier klingt natürlich alles besser. Dank dem Punktesystem werden Studiengänge vergleichbar. Und das schafft Fairness. Denn alle müssen dasselbe leisten für dasselbe Resultat. Doch in der Praxis herrscht Bürokratie. Wahlfreiheit gibt es zwar innerhalb eines Studienganges – aber glauben Sie ja nicht, dass das auch fächerübergreifend gilt. Fragen Sie mal die Professoren. Besonders für die engagierten unter ihnen, die den Austausch zwischen den Disziplinen fördern wollen, wird jedes Seminar zum Verwaltungsakt. Politikwissenschaftler kriegen für ein Seminar im Master sechs ECTS-Punkte, Philosophiestudierende buchen dasselbe Seminar für vier oder neun Punkte. Der Dozent muss für jeden Fall einen entsprechenden Leistungsnachweis konzipieren. Sie sehen, was ich meine.

Vielleicht zeigt sich an Bologna im Kleinen, was momentan in Europa geschieht: Man spricht von grossen Zielen, einer gemeinsamen Vision. Und dann können sich schon die Fakultäten einer Universität nicht einig werden, mit wie vielen Punkten ein Seminar abgegolten werden soll.

Erstellt: 19.09.2016, 20:44 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Blogs

Mamablog Weihnachts-Countdown ohne Stress

Outdoor Warm und trocken durch den Winter

Paid Post

Mit Swissôtel das SOS-Kinderdorf unterstützen

Mit jedem Kommentar und jedem «Share» dieses Artikels wird die Spende von Swissôtel im Namen der Mamablog-Community ans SOS-Kinderdorf erhöht. Helfen Sie mit!

Die Welt in Bildern

Umstrittene Staatsoberhäupter: Bewohner von Pyongyang verneigen sich zu Ehren des siebten Todestags des nordkoreanischen Dikdators Kim Il Sung vor seiner Statue und deren seines Nachfolgers Kim Jong Il. (17. Dezember 2018)
(Bild: KIM Won Jin) Mehr...