Sollen Scheichs bevorzugt werden?

Flugzeuge aus Katar landeten während der Nachtflugsperre in Kloten, obwohl sie keine Notfallpatienten transportierten.

Sind vor dem Gesetz alle gleich? Scheichfiguren in einem Souvenirladen. Foto: Walter Allgoewer (Plainpictures)

Sind vor dem Gesetz alle gleich? Scheichfiguren in einem Souvenirladen. Foto: Walter Allgoewer (Plainpictures)

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Ja

Zwei Flugzeuge mit dem Gefolge der Königsfamilie von Katar an Bord setzten am Stephanstag in den frühen Morgenstunden in Kloten auf. Sie haben Lärm gemacht – nicht nur im eigentlichen Sinn des Wortes. Die Maschinen landeten um 5 und um 5.14 Uhr, obwohl bis um 6 Uhr in Kloten Nachtflugsperre herrscht. Der Protest wegen der beiden bewilligten Landungen ist nachvollziehbar, denn es handelte sich nicht um Notfälle. Die Zürcher Nachtflugsperre muss selbstverständlich auch für ölschwere Emire gelten.

Doch der Diskussion fehlt es inzwischen an Verhältnismässigkeit. Weder waren es Militärjets, die über die Hausdächer donnerten, noch sind solche Vorfälle an der Tagesordnung. Ausserdem kamen die Besitzer der Flieger nicht ganz ungeschoren davon. Sie bezahlten neben der für solche Maschinen üblichen Landegebühr je 1500 Franken zusätzlich, weil sie in der Nacht aufsetzten.

Man darf die Relationen nicht aus dem Blick verlieren: Die Polizei rückt in der Weihnachtszeit so oft wie sonst nie wegen häuslicher Gewalt aus. Diese Szenen verursachen Lärm, der durch Mark und Bein geht. Er wäre jede Empörung wert. Und Hand aufs Herz: Wer ist just wegen dieser beiden Maschinen aufgewacht? Auch wenn schon: Es war ein Feiertag – einmal umdrehen und wieder ab ins Land der Träume. Betrachten wir die nächtlichen Landungen doch als Weihnachts­geschenk von einem wohlsituierten Land an ein anderes. Es lohnt sich nicht, aus dem Vorfall eine Staatsaffäre zu machen.

Übrigens: Der Swiss-Flug, der Zürich jeweils um 12.40 Uhr Richtung Delhi verlässt, ist ein Airbus A330 – genau wie einer der Flieger aus Katar. Diese Maschine landet in Delhi mitten in der Nacht, konkret um 0.40 Uhr. Damit überfliegen etliche Schweizer Tausende von schlafenden Menschen – und das Nacht für Nacht.

Nein

Oje Zürich. Oje Zürcher Sozialdemokraten. Euer gestörter Schlaf war das Problem bei den Flugzeugen des Scheichs aus Katar? Ein «Skandal» gar?

Schon klar, heisst es jetzt in den Zeitungskommentaren, die Landung des Scheichs sei «kein Beinbruch» gewesen (diesem gelungenen Wortspiel ein herzliches «Haha!»). Im Gegenteil: Medizintourismus, Einkaufen an der Bahnhofstrasse, Millionenumsätze, trallala.

Ob wir alle zu nahe dran sind und nicht mehr merken, was wir da eigentlich machen? Man muss ja nicht gleich mit Cicero kommen, der in einer seiner letzten Reden im römischen Senat seine Mitsenatoren an das eine heilige Prinzip erinnerte: dass niemand, egal, wie talentiert, reich oder mächtig er auch sei, über dem Recht stehe. Die Rede kostete Cicero später den Kopf (buchstäblich; plus Hände).

Wenn nicht Cicero, dann zumindest Friedrich Dürrenmatt. Der hätte wohl grosse Freude am Besuch des alten Scheichs gehabt. Die Schweiz im Jahre 2015: noch immer das Güllen von damals. Winkt dem Schweizer ein Geschäft, er kann einfach nicht Nein sagen. Der reiche Ausländer darf sich hier niederlassen, ohne einen Sprachkurs zu besuchen (im Kanton Zug auf jeden Fall), der reiche Ausländer zahlt so wenige Steuern wie irgend möglich, der reiche Ausländer darf mit seinem Jet landen, wann er will. Der arme Ausländer hingegen . . . aber lassen wir das.

Mit viel gutem Willen lässt sich jeder Einzelfall irgendwie begründen. Das System dahinter allerdings nicht. Glauben wir nicht mehr daran, dass jeder Mensch, egal, wie talentiert, reich oder mächtig er auch sei, vor dem Gesetz gleich ist? Sind die paar Franken mehr Umsatz es wert, sich so servil zu geben?

Das könnte man sich fragen, liebe Zürcher Sozialdemokraten. Aber euer Schlaf ist natürlich auch wichtig..

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.12.2015, 07:13 Uhr

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