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Sommaruga hält an Pestizid-Grenzwerten im Wasser fest

Das Bundesamt für Umwelt wird die bisherigen Wert für schädliche Stoffe nicht lockern. Neu unterscheidet die Verordnung zwischen Gewässern.

Ein Landwirt füllt in einem Sprühgerät das Insektizid Gazelle SG ein. Foto: Christian Beutler/Keystone
Ein Landwirt füllt in einem Sprühgerät das Insektizid Gazelle SG ein. Foto: Christian Beutler/Keystone

In der Schweiz gilt ab 1. April weiterhin ein Grenzwert von 0,1 Mikrogramm Pestizid pro Liter in Gewässern, aus denen Trinkwasser entnommen wird. Damit nimmt das Departement von Bundesrätin Simonetta Sommaruga Abstand von Plänen zur Lockerung der Vorschriften.

Doris Leuthard, ihre Vorgängerin an der Spitze des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek), hatte die Grenzwerte noch erhöhen wollen. Das kam in der Vernehmlassung schlecht an, wie das Bundesamt für Umwelt (Bafu) am Dienstag schreibt.

Für zwölf Pestizide führt die ab 1. April geltende neue Gewässerschutzverordnung strengere Grenzwerte ein. Sie müssen in allen Gewässern eingehalten werden. Unter das strengere Regime fällt unter anderen das hochgiftige Insektizid Cypermethrin. Dieses wird etwa bei Ackerbau, Viehhaltung und Holzschutz verwendet. Es ist für Wasserlebewesen sehr problematisch.

Unterschied unter Gewässern

Neu unterscheidet die Verordnung zwischen Gewässern mit und ohne Trinkwasserentnahme. In den Gewässern, die kein Trinkwasser liefern, geht es vornehmlich um den Schutz der Wasserfauna.

Hier lockert der Bund die Grenzwerte für 14 Stoffe. Nach Bafu-Angaben besteht bei ihnen aus wissenschaftlicher Sicht bis zu neuen Grenzwerten kein Risiko für Wasserlebewesen. Ein höherer Grenzwert gilt etwa für das Fungizid Cyprodinil. Für Gewässer mit Trinkwassernutzung gelten diese gelockerten Grenzwerte nicht. Dort sind mit Ausnahme der zwölf Stoffe unter verschärftem Regime weiterhin 0,1 Mikrogramm Pestizide pro Liter zugelassen. Die Pestizidbelastung dieser Gewässer darf damit nicht höher sein als jene des Trinkwassers.

Dieser Wert betrifft auch das Unkrautvertilgungsmittel Glyphosat. Das Mittel gilt als mutmasslich krebserregend. In der EU läuft die Zulassung Ende 2022 aus. Die Verlängerung ist höchst umstritten. In der Schweiz ist der Verkauf des Herbizids rückläufig.

Erstmals drei Arzneimittel

Als Premiere legt die Verordnung Grenzwerte für drei Medikamente fest. Es sind die die Arzneimittel Azithromycin, Clarithromycin und Diclofenac.

Bei Azithromyzin handelt es sich um ein Antibiotikum, das etwa gegen Infektionen der Atemwege verwendet wird. Auch Clarithromycin ist ein Antibiotikum. Bei Antibiotika im Trinkwasser steigt die Gefahr von Resistenzbildungen.

Diclofenac ist ein entzündungshemmendes Schmerzmittel etwa bei Rheuma, Prellungen, Zerrungen, Hexenschuss und Arthrose. Es wird grossenteils unverändert im Urin ausgeschieden. Im Wasser schädigt es Fische und andere Tiere. In Indien erlag in den 1990-er Jahren fast die ganze Geierpopulation dem Mittel, da Rinder Diclofenac erhielten und die Geier die Kadaver frassen.

Hinweise für Agrarpolitik

Für die Umsetzung des Gewässerschutzes sind die Kantone zuständig. Der Bund erhofft sich von den neuen Grenzwerten Aufschluss auf die Wirkung gemischter Pestizide auf die Wasserfauna - den sogenannten Cocktaileffekt.

Zudem dienen die Grenzwerte der Evaluation des Aktionsplans zur Risikoreduktion im Pflanzenschutz, der Agrarpolitik und dem Ausbau der Kläranlagen zur Entfernung von Mikroverunreinigungen.

Ursprünglich wollte das Uvek in der Gewässerschutzverordnung den allgemeingültigen Grenzwert aufheben und durch spezifische Werte für jeden Stoff ersetzen. Das sollte der unterschiedlichen Giftigkeit für Wasserlebewesen Rechnung tragen. Neben Verschärfungen waren für 25 Pestizide Lockerungen vorgesehen.

Kritische Reaktionen

Obwohl das Uvek den in der Vernehmlassung vorgebrachten Bedenken entgegenkam, stösst die neue Verordnung nicht auf ungeteilte Zustimmung. Der Umweltverband Pro Natura sieht nicht ein, weshalb zwischen Gewässern mit und ohne Trinkwasserentnahme unterschieden wird.

Umweltgifte würden schliesslich überall Schaden anrichten, heisst es in einer Reaktion. Die Frage, wo wie viel Gift zu dulden sei, gehe in die Irre. Grenzwertanpassungen führten nicht zum Ziel. Gift sollte einfach nicht mehr verwendet werden.

Auch die Fischer sind nicht zufrieden. Der Schweizerische Fischerei-Verband begrüsst die Abkehr des Uvek von den ursprünglich «völlig unverständlichen Plänen». Die Verschärfung der Grenzwerte für zwölf Stoffe und die Grenzwerte für drei Medikamente seien zu begrüssen. Indessen führe nur eine starke Reduktion der Belastung zu einer Gesundung der Gewässer.

Die Trinkwasser- und die Pestizidinitiative setzen derzeit Landwirtschaft und Politik stark unter Druck. Der Bundesrat trägt den Bedenken von grossen Teilen der Bevölkerung Rechnung, indem er die Agrarpolitik 2022 auf mehr Umweltschutz trimmt. Das Parlament soll die Vorlage in diesem Jahr beraten. Auch über die beiden Initiativen entscheidet das Volk noch 2020.

Die Pestizidinitiative verlangt ein Verbot synthetischer Pestizide. Die Trinkwasserinitiative setzt beim Geld an: Nur noch jene Bauern sollen Subventionen erhalten, die auf Pestizide, Antibiotika und zugekauftes Futter verzichten.

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SDA/aru

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