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Sommerfahrplan des Grauens

Umleitungen, Verspätungen und Zugsausfälle: Die SBB haben ein putziges Wort dafür.

Ein SBB-Sprecher rät den Kunden, die gewünschte Reiseroute im Online-Fahrplan «tagesscharf» zu eruieren.
Ein SBB-Sprecher rät den Kunden, die gewünschte Reiseroute im Online-Fahrplan «tagesscharf» zu eruieren.
Keystone

Doch, doch, die Züge fahren noch. Vielleicht nicht der, den Sie jetzt gerade brauchen, aber doch die meisten. Das ist nicht selbstverständlich: Über 30 Grossbaustellen mit Teil- und Totalsperrungen machen das Schweizer Schienennetz zu einem Flickenteppich. Pendler aber stöhnen. Umwegfahrten über längst aufgegeben geglaubte Nebenstrecken, Ersatzbusse, Verspätungen, verpasste Anschlüsse. Das Berufspendeln war schon angenehmer. Aber bei den SBB heisst das gefühlte Bahnchaos einfach putzig: Sommerfahrplan.

Der Begriff stammt aus tiefster bahntechnischer Vergangenheit. Bis 1987 gab es in der Schweiz jedes Jahr einen Winter- und einen Sommerfahrplan, alle im Offiziellen Kursbuch zweimal jährlich auf Tausenden von Seiten abgedruckt. «Sommerfahrplan» – das weckt Erinnerungen an Ferienfahrten in den Süden, an gestillten Reisehunger, gelindertes Fernweh. Der Taktfahrplan, 1982 eingeführt, machte den jahreszeitlichen Fahrplanwechsel dann überflüssig. Takt statt Gefühl.

Aber jetzt haben die Bundesbahnen den Sommerfahrplan wieder abgestaubt und dafür mobilisiert, den löchrigen Reiseverbindungen dieses Jahrhundertbausommers ein irgendwie netteres Gesicht zu geben. Dabei geben sich die SBB ansonsten in ihrer Kommunikation durchaus Mühe, die Auswirkungen der Bauerei mit all ihren Folgen auf die Reisenden kenntlich zu machen. Hauptbetroffene sind die Gewohnheitspendler, die in ihren Hirnwindungen Abfahrtszeiten, Verbindungen und bevorzugte Sitzplätze längst fix abgespeichert haben.

Literarisch betrachtet, hat das Wort nicht nur nostalgische Anmut.

Lautsprecherdurchsagen, Informationsblätter, mit Warnungen bedruckte Biberli: Die SBB lassen nichts unversucht, um den Pendlern die Unterbrüche und Umleitungen zu erklären. Ein SBB-Sprecher rät den Kunden, die gewünschte Reiseroute im Online-Fahrplan «tagesscharf» zu eruieren. Das scheint ja auch bei vielen gut anzukommen – nur warum es dazu den Zuckerguss «Sommerfahrplan» braucht, das ist ein Rätsel. Wobei: Literarisch betrachtet, hat das Wort nicht nur nostalgische Anmut. Friedrich Dürrenmatt liess die Hauptfigur seiner Erzählung «Der Tunnel» in einem Zug fahren, der «nach dem Sommerfahrplan» um 18.37 Uhr in Olten hätte halten sollen – aber dort nie ankam. Stattdessen stürzte er, dicht besetzt, durch einen schwarzen Tunnel ins Erdinnere.

«Da sassen wir noch in unseren Abteilen und wussten nicht, dass schon alles verloren war», schreibt Dürrenmatt. Das ist das Pendlergefühl angesichts des Sommerfahrplans 2018.

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