«Ich überlege mir eine Kandidatur ernsthaft»

Nach dem abtretenden Christian Levrat wird der Ruf nach einer Frau als SP-Chefin laut. Bereits signalisieren mehrere Politikerinnen ihr Interesse.

Überlegt sich «ernsthaft» zu kandidieren: Barbara Gysi während der Delegiertenversammlung der SP Schweiz in Goldau. (2. März 2019) Bild: Urs Flueeler/Keystone

Überlegt sich «ernsthaft» zu kandidieren: Barbara Gysi während der Delegiertenversammlung der SP Schweiz in Goldau. (2. März 2019) Bild: Urs Flueeler/Keystone

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Christian Levrat tritt als Präsident der Sozialdemokraten ab. Seit der Wahlniederlage wurde darüber spekuliert, nun hat der Freiburger seinen Abgang in einem Interview mit dem «Blick» selber angekündigt. In der bereits angelaufenen Nachfolgedebatte sagen viele Stimmen in der Partei, dass eine Frau das Präsidium übernehmen soll. Einige Nationalrätinnen stehen dabei im Vordergrund.

Min Li Marti. «Ich kann mir grundsätzlich eine Kandidatur vorstellen», sagt SP-Nationalrätin Min Li Marti. Allerdings gebe es einige ungünstige Faktoren. «Ich führe eine Zeitung, was sehr aufwendig ist, mein Mann ist im Gespräch für das Parteipräsidium der Grünen, und ich habe ein kleines Kind. Ich werde mir das nun in aller Ruhe überlegen.»

Ob Marti kandidiert, hänge auch davon ab, wer sich sonst noch für den Posten bewerbe. «Ich könnte mir zum Beispiel Gabriela Suter, Kantonalpräsidentin im Aargau, oder Franziska Roth aus Solothurn gut vorstellen. Flavia Wasserfallen würde es sicher super machen, Barbara Gysi und Mattea Meyer ebenfalls – und dann gibt es ja auch noch gewisse Optionen für ein Co-Präsidium. Man muss sich auch überlegen, wie man die Aufgaben im Präsidium künftig aufteilt, um solche Modelle möglich zu machen.»

Mattea Meyer. Mit erst 31 Jahren ist die Winterthurer Nationalrätin von allen möglichen Kandidierenden die Jüngste. Sie sagt, das Parteipräsidium sei «ein sehr herausforderndes und spannendes Amt, bei dem sich viel bewirken lässt». Ob sie selber kandidieren wird, will Meyer derzeit nicht sagen. Am Tag der Rücktrittsankündigung gehe es nun vorerst darum, Levrat zu danken für seine zwölf Jahre an der Parteispitze.

Barbara Gysi. Die Vizepräsidentin der SP strebt nach höheren Weihen. 2015 kandidierte sie fürs Fraktionspräsidium, Ende 2018 für das Präsidium des Gewerkschaftsbundes, unterlag aber beide Male. Jetzt sagt sie zur Frage nach Levrats Nachfolge: «Ich überlege mir eine Kandidatur ernsthaft und werde das nun mit meinem Umfeld diskutieren.» Klar sei für sie, «dass die Parteispitze weiblicher werden muss: Ich wünsche mir eine Frau an der Spitze.» Noch vor wenigen Wochen war spekuliert worden, statt auf das SP-Präsidium könnte Gysi auf den frei werdenden Posten in der St. Galler Kantonsregierung aspirieren. Aus diesem Rennen hat sie sich inzwischen aber zurückgezogen.

Flavia Wasserfallen. Jetzt gehöre erst einmal der Dank und Respekt dem noch amtierenden Präsidenten, teilt SP-Nationalrätin Flavia Wasserfallen mit. «Es bleibt Zeit genug, die Analyse der Wahlen parteiintern abzuschliessen, etwa an der Delegiertenversammlung am 30. November, die Strategie für die kommenden Jahre zu justieren und dabei Gespräche zu führen und Überlegungen anzustellen, was personelle Fragen betrifft.»

Was eine mögliche eigene Kandidatur angeht, sagt Wasserfallen: «Gespräche und Überlegungen laufen an.»

Nadine Masshardt. Die 35-jährige Berner Nationalrätin wird von der Parteispitze stark gefördert. Sie ist der Kopf der Transparenzinitiative, welche die SP vor zwei Jahren eingereicht hat, sie fungierte auch als nationale Wahlkampfleiterin. Heute Morgen äusserte sich Masshardt auf Twitter allerdings unmissverständlich: «Fürs SP-Parteipräsidium stehe ich nicht zur Verfügung.»

Marina Carobbio. Die Tessiner Nationalrätin ist derzeit höchste Schweizerin. Noch bis Ende Dezember präsidiert sie den Nationalrat und wäre anschliessend wieder für andere Aufgaben frei. Sie ist auch die einzige italienischsprachige Vertreterin, die für das Parteipräsidium infrage kommt. Doch das Amt ist für Carobbio keine Option: «Ich stehe nicht zur Verfügung.»

Jacqueline Badran. Genannt wird in der Partei auch die 58-jährige Zürcher Nationalrätin. Sie war in diesjährigen Wahlen im Kanton Zürich die Panaschierkönigin, das heisst: Keine andere Kandidatin erhielt so viele Stimmen von Wählern anderer Parteien. Badran weilt derzeit im Ausland und war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Obwohl der Ruf nach einer Frau in der Partei sehr laut ist, tauchen auch mehrere männliche Papabili in der Nachfolgediskussion auf. Im aktuellen Kontext wäre ein Mann an der Spitze aber wohl nur mit einem Co-Präsidium gemeinsam mit einer Frau denkbar.

Cédric Wermuth. Dem 33-jährigen Aargauer Nationalrat werden starke Ambitionen auf das Präsidium nachgesagt. Er wollte sich auf Anfrage dieser Zeitung aber derzeit nicht zur Personalfrage äussern. Heute sei nun erst einmal der Tag, um Christian Levrat zu danken, meinte Wermuth.

Beat Jans. Der Basler SP-Nationalrat und Vizepräsident der Partei macht hingegen bereits klar, dass er für eine Kandidatur nicht zur Verfügung steht. «Stattdessen will ich mich mit allen Kräften auf die Umsetzung der Energiewende konzentrieren. Ob ich mich in einem Jahr für den frei werdenden Regierungsratssitz in Basel-Stadt bewerbe, kann ich heute noch nicht sagen.»

Jon Pult. Der frisch gewählte SP-Nationalrat aus Graubünden wird seit Jahren als möglicher Aspirant aufs Parteipräsidium gehandelt. Für die Levrat-Nachfolge hat Pult jedoch bereits abgesagt. «Es ist Zeit für eine Frau», sagte er schon vor drei Wochen gegenüber dieser Zeitung.

Erstellt: 12.11.2019, 05:57 Uhr

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