Spitäler buhlen um Prestigeeingriffe

Viele Schweizer Spitäler sollen künftig keine komplizierten Eingriffe am Bauch mehr vornehmen dürfen. Ihre Fallzahlen sind zu tief. Doch dagegen leisten sie Widerstand.

Wer künftig welche chirurgischen Eingriffe vornehmen darf, soll neu geregelt werden: Operation im Regionalspital Surselva in Ilanz. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Wer künftig welche chirurgischen Eingriffe vornehmen darf, soll neu geregelt werden: Operation im Regionalspital Surselva in Ilanz. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Zwei Spitäler in der Schweiz behandeln erwachsene Patienten mit schweren Verbrennungen, drei transplantieren Herzen, und zehn kümmern sich um komplexe Behandlungen von Hirnschlägen. Rund 80 Spitäler sind in einem oder mehreren Bereichen der komplizierten Bauchchirurgie tätig – zu viele, finden Experten. Ein Fachorgan, das die Kantone bei der Zuteilung der hochspezialisierten Medizin berät, will künftig noch 29 Spitäler für einen oder mehrere ­Bereiche der hochspezialisierten Bauchoperationen zulassen.

Der Vorschlag stösst auf Widerstand. «Wir rechnen mit juristischen Verfahren. Es werden einige Anwälte Arbeit erhalten», sagt Martin Fey. Er ist Onkologieprofessor am Berner Inselspital und präsidiert das Fachorgan. Dieses hat im November seine Vorschläge publiziert. Derzeit werden die Stellungnahmen ausgewertet, sie konnten bis Ende Januar eingereicht werden. Danach wird das Fachorgan seine Empfehlung zuhanden des Beschlussorgans formulieren.

In den Stellungnahmen zeichnet sich eine grundsätzliche Kritik ab: Spitäler wehren sich dagegen, dass gewisse Bauchoperationen überhaupt der hochspezialisierten Medizin zugeordnet werden und man sie deshalb gesamtschweizerisch koordinieren soll. «Wir sind nicht gegen eine Koordination der hochspezialisierten Medizin», sagt etwa Markus Hauser, Direktor des Kantonsspitals Glarus, «aber Eingriffe beispielsweise am Enddarm gehören nicht zur hochspezialisierten Medizin, sondern zur Grundversorgung».

Mindestens zwölf Operationen

Der Präsident des Fachorgans sieht dies ganz anders: «Für die definierten Bereiche brauchen sowohl Chirurgen als auch das gesamte Spitalteam viel Erfahrung, denn es handelt sich um die hohe Schule der Viszeralchirurgie», sagt Martin Fey. Neben komplexen Operationen am Enddarm zählt das Fachorgan auch hochspezialisierte Eingriffe an der Speiseröhre, der Leber, der Bauchspeicheldrüse sowie bei Übergewicht zu den Bereichen, die es zu konzentrieren gelte.

Es sind seltene Operationen, zahl­reiche Spitäler haben sie in einem Jahr weniger als zehnmal durchgeführt. Die Fachliteratur zeige, dass Spitäler mit mehr Operationen bessere Resultate hätten als solche mit weniger, begründet Fey die Konzentration. «Würden die Spitäler die Fachliteratur befolgen, würden sie die Patienten aus medizinischen Gründen bereits heute an grössere ­Zentren verweisen», sagt er.

Das Fachorgan schlägt nun vor, nur jenen Spitälern den Zuschlag zu erteilen, die mindestens zwölf Fälle im Jahr betreuen. Gemäss Fey ist bereits dies ein politischer Kompromiss: «Eigentlich müsste die Mindestfallzahl höher sein.»

Sind die Regionalspitäler gefährdet?

Selbst der Kompromiss betrifft aber viele Krankenhäuser. Entsprechend breit fällt der Widerstand aus. 52 Spitäler haben sich um einen oder mehrere Bereiche beworben. Nur sieben Spitälern will das Fachorgan sämtliche fünf Bereiche der hochspezialisierten Bauchchirurgie zuteilen. Sogar die Universitätsspitäler Basel und Genf sollen komplexe Eingriffe an der Speiseröhre abgeben, weil sie zu wenig Fälle aufweisen. Basel zeigt sich auf Anfrage allerdings überzeugt, die nötigen Fallzahlen doch zu erreichen, und beantragt die Zuteilung weiterhin.

Verschiedene Spitäler argumentieren, dass man mit der Zentralisierung von immer mehr medizinischen Bereichen die Existenz von Regionalspitälern gefährde – und damit die qualitativ hochstehende Versorgung der Bevölkerung in den Regionen. Doch weder Martin Fey vom Fachorgan noch Michael Jordi, Zentralsekretär der Gesundheitsdirektorenkonferenz, teilen die Befürchtung, das Wegfallen der hochspezia­lisierten Viszeralchirurgie werde für ­Spitäler zur Existenzfrage.

«Angesichts der sehr tiefen Fallzahlen wird keine Spitalabteilung deswegen schliessen müssen oder an Attraktivität verlieren», hält Jordi fest, und Fey sagt: «Es geht um gerade einmal ein Prozent aller Eingriffe in der Bauchchirurgie.» Hinter diesem einen Prozent stecken allerdings Prestige und Ehrgeiz sowie die Sorge von Spitälern, Chirurgen zu verlieren, weil diese nicht mehr alle Eingriffe durchführen können. Fey sagt dazu: «Den Chirurgen bleiben genügend andere interessante Operationen, und aus eigener Erfahrung weiss ich, dass es dem Ansehen eines Spitals nicht schadet, wenn es Patienten an ein Zentrum weiterschickt, das auf die entsprechende Behandlung spezialisiert ist.»

Nachbehandlung in der Region

Dass Patienten von dieser Konzentration der Behandlungen profitieren, ist für Fey klar. Da es sich um planbare Eingriffe handle, sei der Weg in ein weiter entfernt gelegenes Spital verkraftbar, zumal die Vorbehandlung und die Nachkontrollen weiterhin vor Ort gemacht werden könnten. Um die Zuteilung zu erhalten, müssen sich die Spitäler ausserdem in der Weiterbildung der Ärzte sowie in der Lehre und Forschung engagieren. Auch dies kommt letztlich den Patienten zugute.

Das Fachorgan wird seine Empfehlung nach dem Sommer dem Beschlussorgan vorlegen, das aus zehn Gesundheitsdirektoren besteht und die Zuteilung bereits ab dem nächsten Jahr für maximal sechs Jahre vornehmen will. Gegen dessen Beschluss können sich die Spitäler allerdings beim Bundes­verwaltungsgericht wehren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2018, 22:26 Uhr

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