Appenzeller Landsgemeinde bestimmt über das Schicksal ihres Spitals

Appenzell Innerrhoder stellen ihr Spital zur Diskussion, während in der restlichen Schweiz die Spitalneubauten boomen. Wer versteht mehr von der Zukunft?

Ende April besiegelt die Landsgemeinde sein Schicksal: Entsteht beim Innerrhoder Spital ein Neubau oder eher ein Altersheim? Fotos: Doris Fanconi

Ende April besiegelt die Landsgemeinde sein Schicksal: Entsteht beim Innerrhoder Spital ein Neubau oder eher ein Altersheim? Fotos: Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dicht gedrängt stehen die Männer im Landsgemeindering von Appenzell. Im Anzug und mit dem Degen in der Hand blicken sie in Richtung Kamera, gleich steht wohl die Abstimmung an.

Die grosse Schwarzweissfotografie hängt im Spitalrestaurant und ist so alt wie das Spitalgebäude nebenan: Beide sind Anfang der 60er-Jahre entstanden. Gut ein halbes Jahrhundert später bestimmt nun die Landsgemeinde über das Schicksal des Spitals. Die Frauen und Männer im Ring werden Ende April entscheiden, ob das Gebäude für 41 Millionen Franken ersetzt werden soll. Lehnen sie den Kredit ab, machen sie ihren Kanton zum ersten, der auf ein Spital im eigenen Gebiet verzichtet. Denn ohne Neubau wird der bestehende Betrieb innerhalb weniger Monate oder Jahre schliessen müssen, wie die Kantons­regierung festhielt.

Mit den Neubauplänen ist Appenzell Innerrhoden kein Einzelfall, schweizweit ist derzeit ein Spitalbauboom zu beobachten: «In Franken gemessen, wurden in den letzten rund 20 Jahren noch nie so viele Bauinvestitionen in Spitäler getätigt wie 2014 und 2015», sagt Andreas Christen zur Situation in der Schweiz. Der Experte der Credit Suisse (CS) ist vor einem Jahr beim Auflisten ­aller geplanten Investitionen auf eine Summe von 16 Milliarden Franken gekommen, die in den nächsten zwei Jahrzehnten verbaut werden soll.

«Den Kantönligeist hat Innerrhoden hinter sich gelassen.»Antonia Fässler

Üblicherweise werden in Appenzell Innerrhoden die Abstimmungsthemen nicht schon heiss gekocht, wenn noch Schnee und Fasnachtskonfetti den Landsgemeindeplatz bedecken. Dieses Jahr ist es anders, die Zukunft ihres Spitals bewegt die Bevölkerung. Die Appenzeller Gesundheitsdirektorin Antonia Fässler (CVP) ist froh, stimmt die Landsgemeinde über das Spital ab, «so kann die Bevölkerung entscheiden, welchen Service public der Kanton Appenzell Innerrhoden anbieten soll», sagt sie. Fässler wirbt für den Neubau: «Wir haben schweizweit die tiefsten Gesundheitskosten und Krankenkassenprämien, das spricht für den Beibehalt unseres Systems mit eigenem Spital.» Den Neubau könne sich der Kanton dank guter finanzieller Situation leisten.

«Wir brauchen kein Spital»

Doch die Opposition ist stark, und sie kommt ausgerechnet aus Ärztekreisen. In den letzten Tagen sorgten fünf Hausärzte mit einem öffentlichen Schreiben für Aufsehen. Darin lehnen sie den geplanten Neubau ab. Kurt Balmer ist einer von ihnen, seine Arztpraxis liegt nur wenige Meter vom Landsgemeindeplatz entfernt. Genauso schnörkellos, wie sein Sprechzimmer eingerichtet ist, formuliert er seine Haltung zum geplanten Neubau: «Wir brauchen kein Spital, das Geld für einen Neubau setzen wir besser anderswo ein.» Mit dem Auto erreiche man von Appenzell aus Spitäler von hoher Qualität in St. Gallen oder Herisau in 20 bis 30 Minuten. «Diese Zeit benötigen Sie auch, wenn Sie in Zürich verunfallen und im Hauptverkehr ins Triemlispital gefahren werden müssen.» Er könne den «Wahn, dass wir ein Spital vor der eigenen Haustüre brauchen», nicht verstehen.

Von Balmers Praxistür aus sind es zu Fuss gut fünfzehn Minuten bis zum Spital Appenzell. Es liegt leicht erhöht und gewährt Ausblick hinauf in die verschneiten Appenzeller Hügel und hinunter ins Dorf. Mit 18 Betten und knapp 1000 stationären Fällen pro Jahr ist es ein kleines Spital, und wie viele andere auch ist es in die Jahre gekommen. Der schweizweite Bauboom ist denn auch hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass viele Spitalgebäude aus den 60er- und 70er-Jahren jetzt ersetzt werden müssen. In Appenzell sind die Operationssäle nicht hoch genug, die Bettenzimmer zu klein, die Nasszellen zu eng.

Das Spitalwesen in der Schweiz ist im Umbruch. So werden immer mehr Patienten ambulant operiert und übernachten nicht mehr im Spital. Die Spitäler spezialisieren sich. Aus Qualitätsgründen achten medizinische Experten darauf, dass die Operationsteams bestimmte Eingriffe genug oft durchführen, was zu einer Konzentration von bestimmten Angeboten führt. Und schliesslich bekommen die Spitäler den Ärztemangel zu spüren, in Appenzell musste deswegen vor einigen Jahren die Geburtsabteilung schliessen. In diesen Zeiten der Unsicherheit rät das Beratungsunternehmen PWC Spitälern bei anstehenden Projekten zu «grösstmöglicher Flexibilität», damit sie auf die Entwicklungen reagieren können. Die CS warnt ausserdem vor Überinvestitionen; ein Teil der momentan geplanten Spitalbauten könnte möglicherweise gar nie kostendeckend betrieben werden.

Kritik am Kantönligeist

Das Spital in Appenzell würde gemäss Plan dank dem Neubau ab 2022 kostendeckend arbeiten. Mehr Patienten und effizientere Betriebsabläufe sollen die schwarze Null ermöglichen. Heute schreibt der Betrieb ein Defizit, 2016 betrug es knapp eine Million Franken und wurde vom Kanton gedeckt. Auch den Neubau kann das Spital nicht selbst stemmen, obwohl dies die Politik mit der neuen Spitalfinanzierung einst so vorgesehen hätte. Stimmt die Landsgemeinde zu, baut der Kanton, und das Spital bezahlt Miete – wie bisher. Dass Kantone ihren Spitälern unter die Arme greifen, ist keine Ausnahme: «Wir erwarten, dass gewisse Kantone weiterhin mehr oder weniger offen stützend eingreifen werden», hält Andreas Christen von der CS fest.

Manchmal sei dies unumgänglich, weil die Kantone nur so die Versorgung sichern könnten. Doch gelte es zu verhindern, dass sie mit Subventionen den nötigen Strukturwandel stoppten und indirekt jene Spitäler bestraften, die effizient arbeiten. Auch die liberale Denkfabrik Avenir Suisse hielt Anfang Februar in einer Studie fest, der Kantönligeist behindere den Wettbewerb.

«Den Kantönligeist hat Innerrhoden schon lange hinter sich gelassen», kontert Antonia Fässler. Die Gesundheitsdirektorin kommt soeben aus einer Sitzung der Kantonsregierung in der Ratskanzlei. Der Landsgemeindeplatz liegt ganz nahe, die Distanz zu Balmers Hausarztpraxis ist grösser. «Wir planen längst über die Kantonsgrenzen hinweg», sagt Fässler. So lassen sich zwei Drittel der Innerrhoder Patienten in einem St. Galler oder Ausserrhoder Spital behandeln. «Das restliche Drittel können wir auf eigenem Gebiet betreuen, weshalb sollten wir das aufgeben?», so die Gesundheitsdirektorin. Auch mit dem Neubau soll das Spital wie bisher die stationäre Grundversorgung in den Bereichen ­innere Medizin und Chirurgie sicher­stellen. Dafür sind maximal 26 Betten vorgesehen.

Antonia Fässler, Gesundheitsdirektorin Appenzell Innerrhoden.

«Bei einem Nein könnten wir die medizinische Versorgung der Bevölkerung zwar gewährleisten, staatspolitisch aber wäre es ein grosser Einschnitt», sagt Fässler. Davon war auch im Kantons­parlament die Rede. Das Spital bringt Arbeitsplätze und Aufträge fürs Gewerbe. Und es helfe mit, dass Inner­rhoden als eigenständiger Kanton wahrgenommen werde, heisst es.

Was den Kantönligeist betrifft, stellt Verena Diener durchaus eine Bewegung in der Spitallandschaft fest. Die Zürcher Alt-Regierungsrätin hat während ihrer Amtszeit im Kanton Zürich Spitäler schliessen lassen, was keine einfache Aufgabe war. «Zwar sind die Kantone nach wie vor auf die Kantonsgrenzen fokussiert», sagt sie. «Sie haben die Versorgungssicherheit für ihr Gebiet zu gewährleisten, und deshalb planen sie kantonal.» Doch inzwischen seien Annäherungen über die Grenzen hinaus auszumachen, «die Spitäler positionieren sich zunehmend regional». Diener erwartet deshalb – wenn auch nicht bei der aktuellen Bauphase, so doch bei der nächsten Welle in rund 15 Jahren – grundlegende Veränderungen und Kooperationen. Bis dahin könne man die Zeit nutzen, sich politisch darauf vorzubereiten.

Stichtag im April

Hausarzt Balmer hält einen Alleingang bereits heute für chancenlos. Man habe in der Vergangenheit verpasst, Kooperationen einzugehen oder neue Ideen zu entwickeln. «Vieles wäre möglich gewesen, ein Alzheimerzentrum zum Beispiel oder das Kantonsspital St. Gallen hätte eine Aussenstelle betreiben können», sagt er. Laut Gesundheitsdirektorin Fässler fanden Gespräche über Zusammenarbeitsformen statt. Doch habe sich herausgestellt, dass umfassende Kooperationen wohl in einer vollständigen Abhängigkeit gemündet hätten, ohne dass Innerrhoden beim Angebot vor Ort hätte mitbestimmen können.

Am 29. April treffen sich die Stimmberechtigten auf dem Landsgemeindeplatz in Appenzell und entscheiden, ob sie sich dem Trend zu Spitalneubauten anschliessen oder einen Gegentrend ­setzen. Der Ausgang der Abstimmung ist offen. Balmer wertet den Entscheid des Kantonsparlaments als Indiz, «dass es brodelt»: 37 zu 10 Stimmen zugunsten des Neubaus sei nur für Aussenstehende ein deutliches Resultat, «bei uns fallen Abstimmungen meist mit weniger Gegenstimmen aus». Die Appenzeller müssen sich entscheiden.

Erstellt: 21.02.2018, 22:31 Uhr

Artikel zum Thema

Spitäler buhlen um Prestigeeingriffe

Viele Schweizer Spitäler sollen künftig keine komplizierten Eingriffe am Bauch mehr vornehmen dürfen. Ihre Fallzahlen sind zu tief. Doch dagegen leisten sie Widerstand. Mehr...

Öffentliche Spitäler kauften rostige und verbogene Kanülen

Eine Zuger Firma vertrieb jahrelang fehlerhafte Produkte – drei Kliniken wussten davon und meldeten die Missstände nicht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Selbstverwirklichung für alle!

Mamablog Gamen statt spielen?

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...