Sponsorengeld stinkt nicht immer

Es ist richtig, dass der Bund für seine Anlässe auch bei Firmen Geld sammelt. Er muss aber mehr Vorsicht walten lassen.

Das Band wird zerschnitten: Der russische Aussenminister Sergei Lawrow, Bundesrat Ignazio Cassis und der Schweizer Botschafter in Moskau Yves Rossier (v.l.). (Foto: Keystone)

Das Band wird zerschnitten: Der russische Aussenminister Sergei Lawrow, Bundesrat Ignazio Cassis und der Schweizer Botschafter in Moskau Yves Rossier (v.l.). (Foto: Keystone)

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Sie waren als rauschende Feste mit illustren Gästen bekannt, die 1.-August-Feiern in Berlin. Botschafter Thomas Borer sammelte dafür jeweils Hunderttausende Franken bei Firmen. Seine Zeiten als Glamourdiplomat sind längst vorbei, und die Feste des Aussendepartements EDA sind nicht mehr so opulent wie in jenen Jahren um die Jahrtausendwende. Geblieben ist jedoch Borers Vermächtnis, dass das EDA Anlässe mit offiziellem Charakter von privaten Geldgebern im grossen Stil mitfinanzieren lässt.

Kontrovers wird dafür die Wahl der Geldgeber diskutiert. Für die Weltausstellung 2020 arbeitet der Bund mit dem Tabakkonzern Philip Morris zusammen, der auch die Eröffnung der renovierten Schweizer Botschaft in Moskau im Juni unterstützt hat. Dort beteiligten sich zudem der Rohstoffkonzern Glencore und das Unternehmen des russischen Oligarchen Gennadi Timtschenko, der auf einer US-Sanktionsliste steht.

Das wirft grundsätzliche Fragen auf: Soll die Schweiz ihren guten Ruf Unternehmen zur Verfügung stellen? Droht die Reputation Schaden zu nehmen, wenn das Land mit Konzernen zusammenspannt, die umstrittene Geschäftspraktiken pflegen?

Verfassung: «Der Bund wahrt die Interessen der schweizerischen Wirtschaft im Ausland.»

Theoretisch könnte der Bund darauf eine einfache Antwort geben und seine Anlässe selbst finanzieren, wie das sozialdemokratische Politiker fordern. Doch ist das zu kurz gedacht. Selbstverständlich wäre das Aussendepartement in der Lage, Botschaftseröffnungen mit Steuergeldern zu zahlen. Das würde aber nicht alle Problemzonen beseitigen. Jedes Jahr ist das Schweizer Aussennetz an Dutzenden kulturellen Anlässen, Wirtschaftstreffen, Wissenschaftskonferenzen und mehr beteiligt. Sich von der Wirtschaft komplett zu distanzieren, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die staatlichen Stellen sind angewiesen auf Partnerschaften mit Firmen.

Der Bund ist sogar dazu verpflichtet, im Ausland für die Schweizer Unternehmen zu sorgen. Die Verfassung schreibt ihm vor: «Der Bund wahrt die Interessen der schweizerischen Wirtschaft im Ausland.» Dazu gehört zweifelsohne die Pflege eines guten Images der Firmen, wofür sich Anlässe wie Weltausstellungen oder 1.-August-Feiern gut eignen. Nicht umsonst ist die Schweiz mit ihrer Praxis in bester Gesellschaft. Vor zwei Wochen feierte die französische Botschaft in Bern den 14 Juillet mit Baguettes von Délifrance, Camembert von Savencia und Aperitif von Lillet, die Botschafterin wurde bei ihrer Rede umrahmt von einer ganzen Reihe von Sponsorenlogos, auf dem Rasen vor der Residenz standen Citroën und Peugeot. An Anlässen der deutschen Vertretung sind Audi und Mercedes präsent, bei den Italienern Fiat und Alfa Romeo.

Grosse Firmen und Marken sind mit ihren Herkunftsländern verbunden, wovon beide Seiten profitieren. Sponsorengeld stinkt darum nicht immer. Nestlé etwa mag auch oft in der Kritik stehen, ist aber vor allem ein mehr als 150 Jahre altes Unternehmen mit Tradition und einem Namen, der in weiten Teilen der Welt für Schweizer Zuverlässigkeit und Qualität steht. Das ist eine Reputation, mit der sich der Bund in Verbindung bringen lassen kann. Auch die Schweizer Banken geniessen, trotz Schindludereien mit dem Bankgeheimnis, noch immer einen akzeptablen Ruf. Die Liste der Unternehmen liesse sich fast beliebig verlängern.

«Wes Brot ich ess, des Lied ich sing»

Nötig sind aber klare Regeln, um Korruption und Günstlingswirtschaft zu verhindern. Und unhaltbar ist eine Verbandelung mit Firmen, deren Ziele nicht mit jenen des Bundes vereinbar sind. Zum Beispiel bei Tabakfirmen, mit denen nicht einmal die Vereinten Nationen Beziehungen eingehen wollen, oder wenn glaubhafte Hin­weise auf schwere Menschenrechtsverletzungen vorliegen. Sonst riskiert die Eidgenossenschaft, dass ihr guter Ruf unter dem schlechten Image eines Sponsors leidet und sie ihre eigene Aussenpolitik untergräbt.

Um solche Fälle zu verhindern, hat das EDA selbst ein internes Manual erarbeitet. Die Checkliste ist klar und sachgerecht, das EDA hat sie aber nicht ernst genommen. Im Fall Philip Morris haben die Sicherungen gleich mehrfach versagt. Als Kritik am Sponsoring aufkam, reagierte das EDA nach dem Motto «Wes Brot ich ess, des Lied ich sing» und übernahm die Marketingsprache des Tabakkonzerns: Der Sponsor wolle nur ein Produkt «bewerben, das als Alternative zur traditionellen Zigarette entwickelt wurde».

Mit solch unsensiblem Vorgehen diskreditiert das EDA eine sinnvolle, pragmatische Partnerschaft zwischen Staat und Wirtschaft, eine Praxis, mit der meist beide Seiten gut fahren. Umso schwerer wiegt, dass Departementschef Ignazio Cassis seine Leute gewähren liess und erst eingriff, als die Weltgesundheitsorganisation Protest erhob. Die Kontroverse um das Sponsoring im EDA offenbart kein Grundsatzproblem – sondern ein Führungsproblem.

Erstellt: 26.07.2019, 19:54 Uhr

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