«Roger that» statt «Verschtande»

Auf vielen Schweizer Flugplätzen dürfen Piloten nur noch Englisch funken. Dagegen wehren sie sich vehement.

Auch für Piloten von Kleinflugzeugen gilt künftig Englisch als Verkehrssprache. Foto: Keystone

Auch für Piloten von Kleinflugzeugen gilt künftig Englisch als Verkehrssprache. Foto: Keystone

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Reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist: Das war für viele einheimische Pilotinnen und Piloten auf ihren Schweizer Stammflugplätzen bis letzte Woche eine Selbstverständlichkeit. Wenn der flugbegeisterte Ostschweizer den Landeplatz Altenrhein ansteuerte, nahm er mit dem Lotsen auf Deutsch Kontakt auf. Wenn die Segelflugpilotin aus der Waadt den Luftraum von Sion VS überquerte, kommunizierte sie mit dem dortigen Tower auf Französisch.

Seit letztem Donnerstag, 20. Juni, ist alles anders. Auf rund einem Dutzend Schweizer Flugplätzen darf seither nur noch englisch gefunkt werden; die Landessprachen sind nicht mehr zugelassen. An besagtem Datum ist eine neue Verordnung des Bundesamts für Zivilluftfahrt (Bazl) in Kraft getreten. Bis zum 20. Juni herrschte beim weitaus grössten Teil der Flugplätze das Prinzip der Zweisprachigkeit: Die Piloten konnten wählen zwischen Englisch und der jeweiligen Ortssprache. Nur beim Flughafen Zürich, der schwergewichtig auf internationale Linienflüge ausgerichtet ist, gilt «English only» schon seit langem.

Risiko Mehrsprachigkeit

Neu werden die Lokalsprachen grundsätzlich von sämtlichen Flugplätzen verbannt, die über eine Flugsicherung verfügen. Von dem Regime ausgenommen sind bloss einige grenznahe Plätze, die vornehmlich über Frankreich angesteuert werden, allen voran Genf und Basel-Mülhausen (letzterer liegt sogar auf französischem Boden).

Hier dürfen die Flieger auch künftig zwischen Französisch und Englisch wählen, da die Franzosen auf ihrem Hoheitsgebiet keinen Englisch-Zwang akzeptieren. Zweisprachig bleiben aus ähnlichen Gründen auch die Flugplätze Lugano-Agno und Locarno, wo Italienisch weiterhin eine der Optionen ist.

Dagegen ist in Bern-Belp, Sion, Grenchen, Payerne, St. Gallen-Altenrhein, Dübendorf, Samedan und weiteren Plätzen vorerst Schluss mit Deutsch oder Französisch. Der Bund begründet die Restriktion mit Sicherheitsrisiken, die durch die Mehrsprachigkeit der Schweiz entstünden. Es drohe ein «Sprachengemisch im Luftverkehr», erklärte Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP) letzte Woche im Nationalrat.

Für Matthias Jauslin ist diese Argumentation unverständlich. Ihm zufolge hat sich die bisherige Regelung für den sogenannten nichtgewerbsmässigen Sichtflug bestens bewährt. «Wenn sich beim Anflug auf Sion zwei alte Walliser Schulfreunde im Cockpit und im Tower auf Englisch statt in ihrer Muttersprache Französisch anfunken: Wo bitte schön ist da der Sicherheitsgewinn?», fragt der Aargauer FDP-Nationalrat. Er selber ist nicht nur Präsident des Aeroclubs, des Dachverbands der Leichtaviatik, sondern auch Pilot eines Segelflugzeugs – und mit der Problematik aus eigener Anschauung vertraut.

Aufgrund der neuen sprachlichen Anforderungen seien etwa in Sion «per sofort rund ein Drittel der Pilotinnen und Piloten gegroundet», weiss Jauslin. «Wenn sie in Zukunft wieder ab ihrem Heimatflugplatz starten möchten, müssen sie die Prüfung in Englisch nachholen – und diese obendrein periodisch wiederholen», hält der Freisinnige fest.

Erboste Westschweizer

Gleich auf mehreren Ebenen macht Jauslin gegen die Vorgabe des Bazl mobil. Während der letztwöchigen Session triezten er und sein Walliser CVP-Ratskollege Thomas Egger Verkehrsministerin Sommaruga mit Fragen zu «English only». Einen Vorstoss zur Rücknahme der Bazl-Order hat Jauslin bereits lanciert. Vor allem aber konnte er die nationalrätliche Verkehrskommission für eine Motion mit derselben Stossrichtung gewinnen. Diese dürfte in einer der nächsten Sessionen zur Abstimmung kommen.

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Die Fliegerszene wehrt sich aber nicht nur politisch, sondern auch juristisch. Es seien vor Gericht bereits zwei Klagen gegen das Englisch-Obligatorium hängig, sagt Pierre Moreillon. Der Anwalt aus Lausanne arbeitet für «English Only No», einen neu formierten Verbund, getragen von Pilotenverbänden. In der Romandie ist der Widerstand am ausgeprägtesten, weil Französisch, anders als Deutsch, zu den anerkannten Arbeitssprachen der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation gehört. «Viele Westschweizer Piloten haben daher ihre Prüfung ausschliesslich in ihrer Muttersprache abgelegt», sagt Moreillon.

Moreillon hält die neue Vorgabe des Bazl für verfassungswidrig. «Das gab es wohl noch fast nie: eine Bestimmung, die Schweizer Bürgern verbietet, ihre Landessprachen zu benutzen.» In mehrerer Hinsicht verstosse «English only» auch gegen internationales Recht. Moreillon verweist überdies auf eine Studie aus Frankreich, wonach Mehrsprachigkeit die Sicherheit im Flugbetrieb nicht gefährde.

Der Bund bleibt hart

Das Bazl indes bleibt vorläufig hart: Eine Lockerung des Regimes ist nicht vorgesehen. Das Unverständnis ist beiderseits gross. Beim Bund ärgert man sich darüber, dass von den Aviatikverbänden in der Vorbereitungsphase praktisch kein negatives Echo gekommen sei – und dass nun, da die Regelung in Kraft trete, der Aufstand losbreche. Überdies sei es vorab die Szene der Segelflieger, die sich widersetze. Von den Motorfliegern hingegen vernehme man kaum Klagen.

Umgekehrt fühlt man sich bei den «Gegroundeten» verschaukelt. Die vormalige Verkehrsministerin Doris Leuthard (CVP) habe bei der Beratung des Luftfahrtgesetzes einen pragmatischen Umgang mit «English only» in Aussicht gestellt. Die erhofften Ausnahmen für die Leichtaviatik seien jetzt aber ausgeblieben. «Meine Anfrage um ein Gespräch wurde vom Bazl nicht einmal beantwortet», klagt Pierre Moreillon. «Jetzt wehren wir uns eben anders.»

Erstellt: 24.06.2019, 11:43 Uhr

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