SRF kämpft um seine Zukunft

Gemäss neuem Auftrag muss das Schweizer Fernsehen junges Publikum ansprechen. Der durchschnittliche Zuschauer ist zurzeit aber über 60 Jahre alt.

Gemäss neuer Konzession, die ab 1. Januar 2019 in Kraft tritt, muss die SRG «Angebote für junge Menschen» bereitstellen. Bild: Keystone

Gemäss neuer Konzession, die ab 1. Januar 2019 in Kraft tritt, muss die SRG «Angebote für junge Menschen» bereitstellen. Bild: Keystone

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Wenn man das Schweizer Fernsehen in einem Bild zusammenfassen möchte, dann könnte man es mit einer Senioren-WG vergleichen, in der man sich gut aneinander gewöhnt hat. Und in der alle etwas für sich im gemeinsamen Kühlschrank finden, der vom Personal regelmässig mit neuen Inhalten bestückt wird. Gut, manchmal regt sich einer der Bewohner schampar auf, weil etwas fehlt oder nicht ganz so ist, wie er es möchte, dann schreibt er einen gepfefferten Brief an den Ombudsmann oder eine wütende E-Mail ans Personal. Aber eigentlich sind alle Bewohner ziemlich zufrieden. Und eigentlich könnte alles so weitergehen.

Aber ab 1. Januar 2019 müsste nun doch einiges anders werden. Denn gemäss neuer Konzession, die dann in Kraft tritt, muss die SRG «Angebote für junge Menschen» bereitstellen, eine Passage, die es in der alten Konzession von 2008 noch nicht gab – die aber dringend nötig scheint. Denn obwohl sie von uns allen finanziert wird und mit ihrem publizistischen Angebot den unterschiedlichen Anliegen und Interessen Rechnung tragen soll, erreicht die SRG mit ihren Fernseh- und Radioprogrammen überwiegend älteres Publikum. Die Zuschauer von SRF 1 sind im Schnitt 60,8 Jahre alt. Zum Vergleich: Das Durchschnittsalter der Schweizer Bevölkerung liegt bei 42 Jahren.

Geringfügig jünger als der Schweizer Durchschnitt ist bei SRF eigentlich nur das Publikum des «Guetnachtgschichtli» – mit einem Altersdurchschnitt von 40 Jahren. Die Zuschauer der anderen wiederkehrenden Sendungen verfügen alle über deutlich mehr Lebenserfahrung: Von der Satiresendung «Deville», die am Freitag kurz vor Mitternacht läuft und deren Zuschauer im Schnitt etwas älter als 56,5 Jahre sind, über jene der «Arena» und der «Tagesschau», die bald pensioniert werden, bis hin zum «Samschtig-Jass», dessen Publikumsdurchschnitt bereits seit mehreren Jahren AHV beziehen kann.

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Nicht viel anders sieht es beim Radio aus. Insofern war es sicher richtig, dass der Bundesrat mit der neuen Konzession auf Angebote für Menschen bis zum 35. Lebensjahr pocht. Nicht zuletzt, weil die SRG ihre Weiterexistenz auch den Jungen zu verdanken hat. Denn paradoxerweise waren es gerade Wähler unter vierzig, die mit achtzig Prozent am entschiedensten gegen die No-Billag-Initiative waren. Und dies, obwohl sie weitaus seltener SRG-Inhalte nutzen als alle anderen Generationen.

Aber wie – zum Teufel – will SRF junge Menschen ansprechen, wenn ihr dies mit den linearen Fernseh- und Radioprogrammen offensichtlich nicht oder nur schlecht gelingt? Und wie will man sich gegen eine übermächtige Konkurrenz behaupten, die hochwertige Inhalte in rauen Mengen zur Verfügung stellen kann, etwa gegenüber dem kostenpflichtige Seriendienst Netflix, dem Streamingangebot Spotify oder der Videoplattform Youtube?

Indem SRF mit seinen Inhalten die jungen Menschen genau dort erreichen will, wo sie tendenziell öfter anzutreffen sind: im Internet. Dort bietet SRF inzwischen auf unterschiedlichsten Kanälen Formate an, die exklusiv fürs Netz produziert werden – und Menschen unter 35 Jahre ansprechen sollen. «Es geht nicht darum, die Marken und Magazine aus dem linearen Programm eins zu eins ins Digitale zu transferieren», sagt Christoph Aebersold, der beim SRF für Strategie und Angebot im Bereich Junge Zielgruppe verantwortlich ist. «Vielmehr wollen wir die Stärken und Kompetenzen von SRF nutzen und unsere Inhalte auch dort anbieten, wo das junge Publikum unterwegs ist – zum Beispiel auf Social-Media-Plattformen. Das steht so auch in unserem Auftrag.»

«Einerseits haben wir diese Mittel bei SRF nicht, andererseits glauben wir nicht, dass es der richtige Weg ist, eine neue Marke aufzubauen.»Christoph Aebersold

Damit fährt die SRG eine andere Strategie als etwa die ARD oder das ZDF, die in Sachen Überalterung mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben: Mit «Funk» haben die deutschen Fernsehmacher 2016 ein eigenes Portal gegründet, auf dem Onlineformate für junge Erwachsene angeboten werden. Mit ZDFneo ging zudem 2009 ein Kanal für junges Publikum auf Sendung, der immer wieder ins kollektive Bewusstsein rückt, wenn Jan Böhmermann mit seiner dort laufenden Show viralgeht.

Bei SRF sind die Inhalte dagegen noch ganz an die ursprünglichen Marken gekoppelt, da der Aufbau eines neuen Labels sehr teuer ist und viele Ressourcen bindet. «Einerseits haben wir diese Mittel bei SRF nicht, andererseits glauben wir nicht, dass es der richtige Weg ist, eine neue Marke aufzubauen. Zudem haben wir zum Beispiel mit SRF 3 und Virus bereits Marken, die im Onlinebereich beim jungen Zielpublikum verankert sind», sagt Aebersold.

Zwar ist auch bei SRF 3 und bei Virus gut die Hälfte des Publikums bereits über 45 Jahre, aber die Mittel für den Bereich Junge Zielgruppe scheinen tatsächlich sehr knapp zu sein: Insgesamt stehen dafür nur rund 6,5 Millionen Franken zur Verfügung. Damit muss alles von SRF Virus, des Bildungsangebots SRF mySchool, das Kinderprogramm Zambo finanziert werden – im Internet und auf den Radio- und Fernsehkanälen. Wie viel dabei für die Onlineformate zur Verfügung steht, will SRF nur in einem Fall sagen: Die erste Staffel der fiktionalen Webserie «Nr. 47» kostete gut 300'000 Franken, was einem Viertel des Budgets der TV-Serie «Wilder» entspreche. Ansonsten hält man sich bedeckt.

SRF arbeitet mit fragwürdigen Medien zusammen

Mehr lässt sich über die Ausrichtung der Onlineformate von SRF sagen: Sie versuchen die unterschiedlichsten Lebenswirklichkeiten einzufangen, sie zu vermitteln und normal erscheinen zu lassen. So etwa, wenn in «True Talk» eine Frau mit Kopftuch auf das Vorurteil reagiert, sie werde mit Sicherheit unterdrückt. Aber auch, wenn in «Rehmann S.O.S.» Menschen von ihren chronischen Krankheiten erzählen – und im Magazin «Kreuz & Queer» gezeigt wird, dass viele Formen von Sexualität in Ordnung sind, wogegen nichts zu sagen ist. Im Gegenteil.

Bei seiner Onlineoffensive scheut SRF aber selbst vor fragwürdigen Kooperationen nicht zurück. So wird «Kreuz & Queer» von «Vice» produziert, einem gewinnorientierten Internetmagazin, das im deutschsprachigen Raum mit Trashthemen und Selbstversuchen bekannt wurde, etwa mit Artikeln wie «Ich war mit einem Vibrator im Club, der von der Musik gesteuert wurde». Oder: «Wir haben Schüler gefragt, wie das Darknet den Drogenkonsum verändert». «Vice» habe schon früher «ein- oder zweimal» Kontakt mit SRF aufgenommen, als der Bereich Junge Zielgruppe noch nicht existierte, sagt Christoph Aebersold. «Damals gab es noch keine Möglichkeiten einer Zusammenarbeit. Aber ihren neuen Vorschlag für ‹Kreuz & Queer› fanden wir überzeugend und passend.»

«Vice» ist im Journalismus vor allem deshalb so stark umstritten, weil das Magazin sich unter anderem mit sogenannten Native-Ads finanziert: Werbung, die wie journalistische Inhalte daherkommen sollen – was mit dem Leistungsauftrag der SRG ganz klar nicht in Übereinstimmung zu bringen wäre. Das Schweizer Fernsehen sieht aber kein Problem darin, dass es mit einem solchen Magazin kooperiert und an dieses mit dem stets sichtbaren «Vice»-Logo heranführt: Wie für alle anderen Produktionen gelten für «Kreuz & Queer» die SRG-Leitlinien, was im Koproduktionsvertrag entsprechend festgehalten sei und auch laufend überprüft werde.

«Jemand da hinten hat mich gefragt, ob wir für RTL filmen»

Bei einer Durchsicht der neuen Onlineformate von SRF gefällt besonders gut das Informationsformat «Bytes / Pieces», dessen Beiträge etwa für den Daten- oder Waffenhandel sensibilisieren. Zum Thema machte die Sendung aber auch den geringen Anteil weiblicher Pop-Acts auf den grossen Open Airs. Nur tappt «Bytes / Pieces» selbst in die Genderfalle, wenn im Format als Technikexperten ausschliesslich Männer befragt werden.

Andere neue Formate wirken hingegen vollends ohne Anspruch, so etwa, wenn die beiden aufgeputschten Jungs der Onlineshow «Zwei am Morge» auf öffentlichen Plätzen in der Schweiz ihre «Pranks» und «Challenges» absolvieren. «Jemand da hinten hat mich gefragt, ob wir für RTL filmen», sagt einer von ihnen, als die beiden in Zürich unterwegs sind. «Zwei am Morge» sei ein Format, das für einen Teil des Publikums funktioniert, sagt Christoph Aebersold, etwa für die avisierten 18- bis 24-Jährigen. Und es sei auch ein Beispiel, wie SRF «mit Influencern zusammenarbeiten und etwas auslösen kann. Wir wissen auch, dass für einige der Erstkontakt zu politischen und gesellschaftlichen Themen genau über solche Formate wie ‹Zwei am Morge› erfolgen kann». So geht es in der Sendung auch mal um die Grippewelle oder das WEF.

Aebersold räumt aber ein, dass «Zwei am Morge» und andere Onlineformate nicht allzu tiefschürfend sind. «Selbstverständlich vertiefen wir mit unseren Formaten nicht im gleichen Mass ein Thema, wie dies unsere Dok-Redaktion macht», sagt er. «Wir geben aber die Möglichkeit, über kurze Inhalte das Interesse an einem Thema auszulösen. Das ist vielleicht etwas, das sich in der digitalen Mediennutzung verändert hat. Verschiedene Aspekte eines Themas werden in kleineren Einheiten erklärt. Der User kann sie nach und nach wie Puzz­leteile zu einem grösseren Bild zusammenfügen.»

Keine aussagekräftigen Daten

Nachdem man die Anspruchslosigkeit und das Fehlen von Onlineformaten zur Politik oder zu Kunstgattungen wie der Literatur thematisiert hat, schiebt SRF zwei Tage später eine Liste mit Formaten nach, die im nächsten Halbjahr entwickelt würden. Darunter Reihen mit philosophischen Gedankenspielen, zu literarischen Klassikern, Erklärvideos zu physikalischen Experimenten – und etwas zu den Wahlen von 2019.

Ob man damit das junge Publikum erreicht, muss offenbleiben: Die SRG erhebt auf ihren eigenen Plattformen keine demografischen Daten. Sie kann also nicht sagen, wie alt die Zuschauer tatsächlich sind – und ob sie mit den neuen Formaten ihren Konzessionsauftrag erfüllen kann. Die einzigen verfügbaren Angaben stammen von Facebook, Instagram und Youtube, also von den Plattformen, auf denen SRF seine Inhalte zu verteilen versucht – und die darauf hindeuten, dass man erfolgreich ist. Aber die Daten werden nicht so offengelegt, dass sie aussagekräftig sind. «Transparenzschritte werden geprüft», lässt SRF ausrichten. Auch sonst hat das Fernsehen noch viel zu tun, wenn es eine Zukunft haben will.

*Dieser Artikel erschien erstmals am 14. Oktober 2018 in der SonntagsZeitung.

Erstellt: 16.10.2018, 20:06 Uhr

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