«Abschaffung der SRG», «Jobverlust», «böses Erwachen»

Wie Kaderleute die SRG-Mitarbeiter gegen die No-Billag-Initiative mobilisieren, zeigen interne E-Mails.

Wie es mit der Produktionsfirma TPC nach einem Ja weitergehen würde, ist ungewiss: Ein Kameramann während eines Eishockeyspiels. Foto: Thomas Hodel (Keystone)

Wie es mit der Produktionsfirma TPC nach einem Ja weitergehen würde, ist ungewiss: Ein Kameramann während eines Eishockeyspiels. Foto: Thomas Hodel (Keystone)

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Die Nervosität bei der SRG wegen der No-Billag-Initiative steigt. Die Initianten fordern eine Abschaffung der Empfangsgebühren. Stimmt das Schweizer Stimmvolk am 4. März 2018 Ja, bedeutet dies faktisch das Ende der SRG. Diese Botschaft ist längst auch bei den 5900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der SRG angekommen. Wer mit ihnen spricht, merkt: Die Besorgnis und die Verunsicherung sind gross. Viele geben sich aber auch kämpferisch und sind überzeugt von der Qualität ihrer Arbeit.

Nun schwören die Spitzen der SRG ihre Mitarbeiter auf den bevorstehenden Abstimmungskampf ein. Besonders drastisch ist die Wortwahl bei der SRG-Tochterfirma TPC, die für die Produktion der Inhalte zuständig ist. An einer Mittagsveranstaltung für die Angestellten am 5. Oktober sagte TPC-Chef Detlef Sold: «Hast du dir schon mal überlegt, was passiert, wenn die Volksinitiative No Billag angenommen wird? Sie bedeutet faktisch die Abschaffung der SRG und damit Jobverlust für uns alle.» Dies geht aus einer schriftlichen Zusammenfassung des Anlasses durch die Unternehmenskommunikation hervor.

Noch deutlicher wird ein TPC-Kadermann in einer E-Mail, die er an seine Teammitglieder verschickte und die Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegt: «Im Falle einer Annahme der Initiative wird das TPC am Folgetag seine operativen Tätigkeiten einstellen. Ohne Wenn und Aber.»

Aufruf für Geldspenden

Wie schnell die Initiative umgesetzt würde, ist freilich unklar. Bis Ende 2018 müsste die SRG den Leistungsauftrag des Bundes, in allen Amtssprachen für ein gleichwertiges Radio- und TV-Angebot zu sorgen, noch erfüllen. Danach enden laut dem Bundesamt für Kommunikation der Auftrag und die Gebührenpflicht. Damit es nicht so weit kommt, hielt TPC-Chef Sold in seinem Appell an die Mitarbeiter fest: Zwar dürfe die TPC als SRG-Unternehmen nicht öffentlich Abstimmungskampf betreiben, aber «als Privatpersonen dürfen und müssen wir uns engagieren».

Was das für die einzelnen Mitarbeitenden bedeutet, interpretiert der Kadermann folgendermassen: «Um eine griffige Kampagne zum Erhalt unseres Arbeitsplatzes zu lancieren, braucht der Verein Nein zum Sendeschluss finanzielle Unterstützung.» Der Verein wurde im September lanciert. Zu den Vorstandsmitgliedern gehören der Schriftsteller und Journalist Pedro Lenz sowie der ehemalige SRF-Chefredaktor und heutige Direktor der Schweizer Journalistenschule MAZ, Diego Yanez. Das TPC-Kadermitglied formuliert in seiner E-Mail an die Mitarbeiter denn auch ziemlich klar, es wäre wünschenswert, dass «jeder nach seinen eigenen Möglichkeiten» den Verein Nein zum Sendeschluss unterstütze: «Ich werde es auf jeden Fall tun und einen dreistelligen Betrag einlegen», heisst es in der E-Mail.

Von dieser Aufforderung fühlen sich einzelne TPC-Mitarbeiter unter Druck gesetzt – auch wenn sie verstehen würden, dass die No-Billag-Initiative für sie existenzielle Folgen haben könnte. Solche Appelle seien in dieser Tonalität ungewöhnlich, aber arbeitsrechtlich nicht zu beanstanden, sagt Roger Rudolph. Der Zürcher Rechtsanwalt ist auf Arbeitsrecht spezialisiert. Unzulässig würde es spätestens dann, wenn Mitarbeiter sanktioniert würden, wenn sie sich entgegen der Empfehlung ihres Vorgesetzten verhalten würden, sagt Rudolph. TPC-CEO Sold will sich zu seinem Aufruf und der E-Mail des Kaders nicht äussern. Sein Sprecher richtet aus, man kommentiere den Inhalt interner Infoveranstaltungen nicht extern.

«Wir müssen uns für die Sache massiv engagieren. Sonst werden wir 2018 ein böses Erwachen haben.»TPC-Kadermitglied

Etwas zurückhaltender als der TPC-Chef äussert sich der SRF-Direktor Ruedi Matter im Intranet des Unternehmens. Die «heisse Phase» der Debatte in der Öffentlichkeit stehe noch bevor, schreibt er und hält ausdrücklich fest, die Journalisten im Programm müssten «sachlich und fair wie immer» arbeiten. Auch er erwähnt den Verein Nein zum Sendeschluss und weist darauf hin, dass dieser Geld brauche. «Als Privatpersonen dürfen wir SRF-Mitarbeitenden uns engagieren», schreibt Matter. Dies tun mehrere SRF-Journalisten, mit denen Tagesanzeiger.ch/Newsnet gesprochen hat. Es werde über die Abstimmung diskutiert, von klaren Anweisungen der Vorgesetzten berichtet aber keine der angefragten Personen.

In der Zwischenzeit sind mehrere Journalisten aktiv geworden. Die «NZZ am Sonntag» berichtete vergangene Woche, wie sich die SRF-Aushängeschilder Susanne Wille, Sandro Brotz und Arthur Honegger in den sozialen Medien positionierten. Dies veranlasste SRF-Direktor Matter offenbar zu einem Eintrag im Intranet, worin er nochmals betont, dass die SRF-Mitarbeiter keine Abstimmungsempfehlungen abgeben dürften. Ähnlich äusserte sich die Chefredaktorin Radio, Lis Borner, im Newsletter diese Woche. «Lasst uns gemeinsam kämpfen», beschwor sie die Mitarbeiter. Sie sollen in ihrem «nächsten, privaten Umfeld» sagen, «was Sache ist».

Gewerkschaft erhält Zulauf

Dass die Nervosität bei den SRG-Angestellten steigt, stellt auch der Zentralpräsident des Schweizer Syndikats Medienschaffender (SSM) Ruedi Bruderer fest. Das SSM vertritt Angestellte aller Berufssparten der SRG, rund 40 Prozent von ihnen sind Mitglied bei der Gewerkschaft. Die Anzahl Anfragen besorgter Mitarbeiter hätten seit den Diskussionen deutlich zugenommen, sagt Bruderer. Was die Folgen der No-Billag-Initiative betrifft, zeigt er sich kämpferisch: Natürlich würde man sich bei einer Annahme für einen guten Sozialplan einsetzen, «doch vorerst setzen wir alle Energie dafür ein, die Annahme der Initiative zu verhindern». Die Gewerkschafter seien aktuell intensiv dabei, eine eigene Kampagne gegen die Initiative aufzubauen, und würden Informationsveranstaltungen organisieren.

Am 13. November ist auch der Verein Nein zum Sendeschluss zu Gast im Studio Leutschenbach. SRF-Direktor Ruedi Matter ruft im Intranet die Mitarbeiter zur Teilnahme auf. Einiges deutlicher wird das TPC-Kadermitglied im Schreiben an die Belegschaft: «Definitiv müssen wir uns für die Sache massiv engagieren, ansonsten wir ein böses Erwachen haben werden im 2018.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2017, 21:58 Uhr

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