SRG zügelt Radiostudio gegen allen Widerstand nach Zürich

Der Entscheid ist gefallen: Das Radio produziert die allermeisten Informationssendungen künftig in Zürich. Es hagelt Kritik von links bis rechts.

Gilles Marchand, Generaldirektor der SRG, äussert sich zum umstrittenen Umzug. Video: SDA

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Als sich die rund 150 Radiomitarbeiter am Mittwochabend um 17 Uhr zur Infoveranstaltung an der Schwarztorstrasse in Bern begaben, da wussten sie, was auf sie zukommt. Die Gewerkschaft war kurz vorher informiert worden. Und so herrschte schon Begräbnisstimmung, als sich die Leute in den Saal begaben und Platz nahmen.

Der Verwaltungsrat habe entschieden, 170 Arbeitsplätze von den Radioredaktionen in Bern nach Zürich zu verlegen, sagte Ruedi Matter, Direktor des Schweizer Radios und Fernsehens (SRF), der flankiert wurde von Generaldirektor Gilles Marchand, Radio-Chefredaktorin Lis Borner, dem HR-Verantwortlichen sowie vom Chef der Produktionsfirma TPC. Die Verlegung der Arbeitsplätze beginnt Ende 2020. Grund für die Verlegung sind die Sparbemühungen der SRG, sie erhofft sich einen Spareffekt von fünf Millionen Franken pro Jahr. Ebenfalls soll das Radio in Zürich technisch weiterentwickelt werden. Die SRG teilte ihre Pläne gestern Abend auch noch per Communiqué mit.

«Das ist reine Arroganz»

Im Vorfeld der Verwaltungsratssitzung gab es Gerüchte über die Mehrheitsverhältnisse im obersten Gremium der SRG. Demnach habe es eine Pattsituation gegeben zwischen acht Verwaltungsräten, wobei Präsident Jean-Michel Cina als neuntes Mitglied den Stichentscheid habe fällen müssen. Bestätigt wurde dies nicht. Der Entscheid sei «klar» ausgefallen, sagten die Verantwortlichen vor den Mitarbeitenden lediglich, als sie danach gefragt wurden. Was das genau heisst, sagten sie nicht. Auch ein 5:4-Entscheid ist an sich klar.


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Dass sich Jean-Michel Cina mit dem Entscheid schwergetan hat, ist vorstellbar. Als Walliser entstammt er dem Zentrum des Widerstands – die SRG Bern Freiburg Wallis hatte sich von Anfang an vehement gegen den Umzug gewehrt. Gestern reagierte sie mit einer Mitteilung auf den Entscheid: «Der Verwaltungsrat stösst die SRG Bern Freiburg Wallis vor den Kopf und fügt der föderalistisch verankerten SRG Schaden zu. Der Rückhalt in der Bevölkerung droht wegzubrechen.»

Ende 2020 werden die ersten von 170 Arbeitsplätzen vom Radiostudio Bern nach Zürich Leutschenbach verlegt. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Auch im Bundeshaus waren die Reaktionen heftig. «Völliger Schock», «absolut unsensibel», «grosser Frust» – so klang es gestern in der Wandelhalle, von Politikern von links bis rechts. Für einmal waren sie sich einig: Der SRG-Entscheid ist ein Fehler. Dieser habe bereits bei der Kommunikation begonnen, sagt SP-Nationalrat Matthias Aebischer (BE). Es sei unverständlich, wie die SRG die Schweiz sechs Monate lang habe hinhalten können, um sich dann über die Meinung von Bevölkerung, Belegschaft und Gewerkschaften hinwegzusetzen: «Das ist reine Arroganz.»

Enttäuscht vom Bundesrat

FDP-Nationalrat Kurt Fluri (SO) sieht das Hauptargument gegen die No-Billag-Initiative verletzt: «Der Föderalismus geht mit einer Zentralisierung der Studios verloren.» Und: «Das führt auch dazu, dass die relativ freundliche Stimmung gegenüber der SRG lädiert wird.» Grüne-Nationalrätin Regula Rytz (BE) versteht nicht, weshalb der Bundesrat dieser Angriff auf den Föderalismus und die Medienvielfalt hinnehme und nicht eingreife: «Ich bin von Doris Leuthard enttäuscht», so Rytz. SVP-Nationalrat Adrian Amstutz (BE) sieht im SRG-Entscheid einen weiteren Schritt zur «Verzürcherung» der Schweizer Medienlandschaft – und vor allem habe sie keinen Spareffekt: «Da müsste man bei den zahlreichen Chefetagen und nicht bei der Basis ansetzten.»

Die Umzugspläne würden auch bei der Debatte um das neue Mediengesetz mit einfliessen, glauben die angefragten Politiker. Man werde sicher die Rolle der SRG und allenfalls eine Nutzung der Gebühren für andere Zwecke prüfen, sagt CVP-Ständerat Beat Vonlanthen. Am­stutz sagt: «Wenn alle Studios in Zürich sind, dann wird die Halbierungsinitiative eher wieder Auftrieb bekommen, als dass sie vom Tisch ist.» Mit der Halbierungsinitiative hatten SRG-kritische Kreise schon einmal gedroht, für den Fall, dass die No-Billag-Initiative knapp abgelehnt werden sollte. Sie wurde dann aber deutlich abgelehnt.

Die Kritiker der Umzugspläne hatten sich in der Gruppe Pro Radiostudio Bern formiert, darunter Politiker, Radiomitarbeiter und weitere Unterstützer. Priscilla Imboden, Radioredaktorin und Co-Präsidentin der Gewerkschaft SSM Radiostudio Bern, sagte gestern Abend: «Nun bleibt uns nur noch, für möglichst gute Bedingungen zu kämpfen.» Mit der Umzugsaktion seien persönliche Schicksale verbunden. Mitarbeiter, die ausserhalb von Bern wohnen, könnten unmöglich nach Leutschenbach pendeln, die Fahrt dauere über zwei Stunden.

Nochmals neu anfangen

In jüngster Zeit ist der Druck auf interne Kritiker gestiegen; Radio-Chefredaktorin Lis Borner hatte das Verhalten der Protestierenden in einem internen Newsletter kritisiert. Das werde künftig nicht mehr toleriert, schrieb sie. An der Informationsveranstaltung war der Tonfall nun versöhnlich. Man wolle einen Neustart, alle Kraft voraus, hiess es. Die Proteste seien abgehakt.

Nach dem eineinhalbstündigen Anlass verstreuten sich SRG-Mitarbeiter in alle Winde. «Id Möscht – was chame süscht no mache?» Am Montagabend werden sie sich versammeln, um das weitere Vorgehen zu beschliessen.

Derweil bereitet man sich in der Romandie auf das nächste Sparprojekt der SRG vor. Es ist bekannt geworden, dass die SRG die Fernsehproduktion von Genf nach Lausanne zu verlegen gedenkt. In Lausanne baut sie ein grosses Zentrum. Die SRG-­Kommunikationsstelle sagt dazu: «Auch in der französischsprachigen Schweiz wird die Immobilien­situation den Bedürfnissen der Digitalisierung und den wirtschaftlichen Zwängen angepasst.»

Erstellt: 19.09.2018, 23:39 Uhr

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