Stau? Trau, schau, wem!

Die Erfassung von Staus ist komplex. Kein Wunder, kommen Warnungen oft spät. Was zur Frage führt: Wie geht man als Autofahrer damit um?

Meistens ist es schon zu spät: Meldungen über Verkehrsstaus verzögern sich häufig.

Meistens ist es schon zu spät: Meldungen über Verkehrsstaus verzögern sich häufig. Bild: Keystone

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«Kein Wunder, machen Radios keine besseren Staumeldungen. Denn was tut man im Stau? Radio hören.» So drückte es gestern ein Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Leser aus. Doch welches Interesse haben die Akteure, die Staumeldungen herstellen, wirklich?

Der gestern von Tagesanzeiger.ch/Newsnet detailliert untersuchte, aber zufällig ausgewählte Fall eines 9-Kilometer-Staus zeigte, dass alle Akteure zu spät waren. Die Berner Polizei erfasste die Unfallursache erst spät im internen Infosystem, die Verkehrsmanagementzentrale (VMZ) des Bundes stellte Länge und Fahrzeit 50 Minuten verspätet dar, SRF 3 meldete den Stau spät und unpräzise, und Viasuisse und SRF verpassten es, das Ende des Staus bekannt zu geben. Jeder der Partner versagte ein bisschen.

Das Ziel aber wären möglichst zeitnahe und präzise Staumeldungen – etwa bei Unfällen. Informierte Autofahrer hätten die Chance, den Stau zu umfahren. Oder sie fahren gar nicht erst los. Fachleute nennen dies «Verkehrslenkung». Diese würde mehr als nur Ärger ersparen: Das kollektive Stehen im Stau kostet Private und Firmen jährlich über 1 Milliarde Franken. Eine akkurate Stau-Info interessiert auch den Staat, weil er durch eine effiziente Verkehrslenkung allenfalls milliardenschwere Strassenbauten vermeiden kann.

Jährlich werden über 12 000 Staumeldungen abgesetzt. Beteiligt sind 24 Kantonspolizeien, die Verkehrsmanagementzentrale (VMZ) des Bundes mit Kameras und Staudetektoren, die halbstaatliche Viasuisse, die Nachrichten herstellt, dann auch Radios, allen voran die Staatsradios SRF 1 und 3 sowie die Handy-Apps von TCS und SBB, die auf die Daten von Viasuisse zugreifen. Auch Lokalradios und gewisse Navigationsgeräte nutzen den Dienst. Dutzende von Leuten sind täglich dafür bezahlt, ein präzises Bild vom Verkehr zu vermitteln. Doch wie viel dieses System kostet und ob die Qualität stimmt, ist unerforscht. Die Recherche zeigte, dass das zuständige Bundesamt für Strassen durchaus selbstkritisch ist und «anhand realer Beispiele Verbesserungspotenzial sucht». Das klingt gut. Doch ist das genug? Die Recherche zeigte, dass Aufträge verteilt werden, ohne dass drei wichtige Fragen beantwortet wären: Sind bei den Staumeldungen Ortsangabe, Ursache und der erwartete Fahrzeitverlust wirklich präzis? Wann und wie oft helfen sie den Autofahrern, einen Stau zu vermeiden? Und wie wirksam sind die Staumeldungen für den gesamten Verkehrsfluss?

Die Alternative aus Israel

Eine Überlegung wert sind die Tipps von Vielfahrern, die der Autor bei der Recherche erfahren hat: «Laden Sie sich die App Waze aufs Handy!» Die App funktiert gerade gegenteilig wie das zentralistische offizielle System. Es beruht auf der Schwarmlogik: Jedes sendende Handy wird zum Staumelder für jeden anderen Waze-Nutzer.

Eine gut informierte Person sagte, dass der israelische Hersteller derzeit die «präzisesten Echtzeitdaten» biete. «Würde ein solches System in der Schweiz gepusht, hätten wir in Kürze ein noch präziseres Informationsnetz mit ausgezeichneten Staudaten.»

Der Dienst sei allerdings im Aufbau. Das Bundesamt für Strassen sei zurückhaltend, wenn es um eine dezentrale Lösung gehe. «In Amerika hingegen sind Radiostationen bereits dazu übergegangen, nur noch Infos von Waze zu publizieren», so der Gewährsmann. Tagesanzeiger.ch/Newsnet wird es testen.

Erstellt: 04.08.2015, 20:55 Uhr

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