Steinschläge und Felsstürze, tödliche Gefahr in den Alpen

Am Matterhorn reisst ein Steinschlag zwei Menschen in den Tod, am Gantrisch wird eine Frau tödlich verletzt. Viele flüchten derzeit in die kühlen Berge – doch da schafft die Hitze am Fels.

Hier ist für Wanderer und Berggänger Endstation: Felssturzgebiet am Ochsenstock im Linthal im Kanton Glarus. Foto: Urs Flüeler/Keystone

Hier ist für Wanderer und Berggänger Endstation: Felssturzgebiet am Ochsenstock im Linthal im Kanton Glarus. Foto: Urs Flüeler/Keystone

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Allein im Kanton Bern kam es in den letzten vier Wochen zu vier tödlichen Unfällen durch Abstürze und Steinschläge in den Bergen. Anfang Monat wurde eine Frau am Gantrisch von einem Stein tödlich getroffen (zum Bericht).

Im Kanton Wallis riss am Matterhorn gestern ein Steinschlag zwei Bergsteiger in den Tod.

Bei aktuell über 30 Grad im Flachland zieht es viele in die Berge. Da ist es zwar kühler als im Tal, doch vergleichsweise ist es auch in höheren Lagen warm. Das birgt nicht zu unterschätzende Gefahren, warnen verschiedene Experten.

Dass es in den Schweizer Bergen derzeit von Hitzeflüchtigen wimmelt, bestätigt etwa Rolf Sägesser. Er ist Bergführer und Fachleiter Ausbildung Sommer beim Schweizer Alpen-Club (SAC). «Wir konnten schon bei der Hitzeperiode im Juni feststellen, dass es viele Leute in die Berge zieht», sagt er. Nun in der Ferienzeit seien es noch mehr Leute, die sich in den Bergen aufhalten würden. «Das merken wir auch bei der Auslastung unserer Hütten», sagt Sägesser.

Markant höhere Gefahr

Dass bei sportlichen Aktivitäten im Gebirge Leute tödlich verunglücken, ist nicht neu. Das zeigen auch Unfallstatistiken der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Zwischen 2009 und 2018 sind im Schweizer Gebirge im Schnitt jeden Sommer 80 Leute ums Leben gekommen, davon 51 beim Wandern. Die meisten von ihnen waren über 50 Jahre alt, häufigste Unfallursache sind Abstürze.

Die hohen Temperaturen machen allerdings nicht nur den Menschen zu schaffen, auch die Berge leiden. Und das erhöht die Gefahr für Berggänger markant. «Es kann vielerorts zu erhöhter Steinschlagaktivität kommen», sagt Reto Baumann, stellvertretender Sektionschef der Abteilung Gefahrenprävention beim Bundesamt für Umwelt (Bafu). Der Grund: lange Hitzeperioden, heftige Niederschläge und häufige Temperaturschwankungen mit Tiefstwerten unter und Höchstwerten über dem Gefrierpunkt. Das führt zu schwankendem Wasserspiegel in Felsklüften und weniger Stabilität in Abhängen.

Dazu kommt, dass bei hohen Temperaturen Gletscher schneller schmelzen und Permafrost auftaut. «In oberen Höhenstufen trägt dies zu einer grösseren Sturzaktivität bei», so Baumann. Er erinnert an den Hitzesommer 2003: «Die damals starke Felssturzaktivität demonstrierte sehr eindrücklich die Rolle von schmelzendem Permafrost als Auslöser für Naturereignisse.»

Erhöhtes Risiko bestehe grundsätzlich in allen Höhenlagen und Regionen, sagt Baumann. «Besonders in den Hochalpen ist aber mit höherer Steinschlagaktivität zu rechnen.»

Die Hitze lässt den Permafrost auftauen, die Hänge werden instabiler: Felssturz auf dem Lukmanierpass am 13. Juni 2019. Foto: Keystone

Steinschlag und Felsstürze sind aber nicht die einzige Gefahr bei Hitze. Nach schneereichem Winter liegt in höheren Lagen ab etwa 2500 Meter noch immer Altschnee. «Wenn die Temperaturen im Tagesverlauf schnell ansteigen, besteht auch im Sommer die Gefahr, dass Nassschnee abgleiten kann», sagt Sägesser, der selbst erst letzte Woche noch auf Bergtour war. Auch im Sommer und besonders bei heissen Temperaturen besteht also Lawinengefahr.

Spalte unter dem Schnee

Nasser und weicher Schnee birgt noch weitere Tücken: Steigende Temperaturen machen den Schnee feuchter, damit nimmt dessen Tragfähigkeit ab, «die Gefahr des Durchbrechens erhöht sich», so Sägesser. Unter dem Altschnee können Geröllfelder liegen oder auch Bäche fliessen. «Somit läuft man Gefahr, in einen fliessenden Bach oder im Geröllfeld in ein Loch zu rutschen.»

«Steinschlag, Felsstürze und Murgänge dürften in den kommenden Jahrzehnten häufiger auftreten.»Reto Baumann:
Bundesamt für Umwelt

Aus demselben Grund sind übrigens Touren auf Gletschern derzeit heikel. «Die Situation muss gut beurteilt werden», sagt Sägesser. In unteren Gletschergebieten sei die Schneedecke vielfach schon geschmolzen und Gletscherspalten damit gut sichtbar. Ab etwa 2800 Metern seien diese jedoch noch immer von Schnee überdeckt. «Diese Schneebrücken über den Spalten verlieren im Tagesverlauf an Tragfähigkeit», so Sägesser. Damit steigt die Gefahr, in Gletscherspalten zu stürzen.

Noch keine Gebiete gesperrt

Trotz der zweiten Hitzewelle seit Juni, so schlimm stellt sich die Situation im Kanton Bern noch nicht dar. «Aktuell besteht keine akute Gefahr für Steinschläge und Felsstürze im Kanton Bern», sagt Nils Hählen, Leiter der Abteilung Naturgefahren beim kantonalen Amt für Wald. Es seien auch keine Gebiete vorsorglich gesperrt.

Die aktuelle Hitze könnte aber Spätfolgen haben: Wenn die Hitze tiefer in den Boden eingedrungen ist, schmilzt mehr Permafrost. Das brauche allerdings Zeit und sei vom weiteren Wetterverlauf abhängig, sagt Hählen. Allgemein sei die Situation in der zweiten Sommerhälfte, in den Monaten August und September, tendenziell prekärer. Um die Situation im Auge zu behalten, misst Hählens Abteilung für Naturgefahren Permafrost und Bodentemperatur im bernischen Gebirge. Das lässt Rückschlüsse auf die Steinschlag- und Felssturzgefahr zu.

Künftig dauerhaftes Risiko

Die Gefahr durch Steinschläge und Lawinen wird sich bei kühleren Temperaturen vorerst wieder entschärfen. Doch könnte sie künftig Berggänger auch dauerhaft begleiten, sagt Baumann: «Als Folge des Klimawandels wird sich das langsame Auftauen des Permafrosts fortsetzen und das Abschmelzen der Gletscher beschleunigen.» Beides führt in Gebirgsregionen zu einer Destabilisierung von Felsflanken und Hängen aus lockerem Gestein. «Rutschungen, Steinschlag, Felsstürze und Murgänge dürften deshalb in den kommenden Jahrzehnten häufiger auftreten.»

Dies übrigens nicht nur im Hochgebirge. Auch in tieferen Lagen steigt das Risiko von Hangrutschungen. Der Anstieg der Schneefallgrenze sowie eine mögliche Zunahme von starken Niederschlägen erhöhen das Risiko.

Erstellt: 25.07.2019, 11:43 Uhr

Tipps für das sichere Wandern

Wer während der Hitzeperiode dennoch in die Berge will, sollte einige Tipps von Experten beachten. Bergführer und SAC-Ausbildner Rolf Sägesser etwa mahnt, es müsse in der Höhe neben objektiven Naturgefahren auch an die herkömmliche Einwirkung der Hitze auf den eigenen Körper gedacht werden.

«Hitzeschläge oder Kreislaufbeschwerden sind auch in den Bergen möglich und müssen berücksichtigt werden.» Ausserdem empfiehlt er, die Nachmittagshitze zu meiden. «Frühes Aufbrechen auf die Tour ist dringend zu empfehlen.» Meist sei es zudem sinnvoll, in Gruppen unterwegs zu sein und Stellen mit losem Gestein rasch und mit Abstand zu anderen Gruppenmitgliedern zu passieren, so Sägesser weiter.

Gesperrte Wege meiden

Wichtig ist auch, die Verhältnisse vor dem Aufbrechen so gut wie möglich in Erfahrung zu bringen. «Vor einer Tour sollte man sich bei den lokalen Behörden, bei Bergführern oder Hüttenwarten nach der Situation erkundigen», sagt Reto Baumann, stellvertretender Sektionschef der Abteilung Gefahrenprävention beim Bundesamt für Umwelt. Gesperrte Wege und Gebiete dürften ausserdem unter keinen Umständen begangen werden.

Nicolas Kessler von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) rät zudem, an viel Flüssigkeit, Sonnenschutz und Pausen zu denken.

Viel Betrieb bei der Rega

Wenn viele Leute in den Bergen sind, spürt das auch die Rega. «Die Einsatzzahlen der Rega widerspiegeln grundsätzlich das Wetter und das Freizeitverhalten der Bevölkerung», sagt Rega-Sprecherin Corina Zellweger. Anhaltende Schönwetterperioden würden erfahrungsgemäss zu erhöhter Einsatztätigkeit führen.

So auch in den letzten Monaten: Alleine ab der Rega-Basis im bernischen Wilderswil wurden diesen Sommer zwischen dem 1. Mai und dem 23. Juli bereits 220 Einsätze geflogen. Das sind etwa gleich viele wie letztes Jahr im gleichen Zeitraum. In den Vorjahren musste die Rega rund 40 Mal weniger ausrücken.

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