Sterbehilfe soll neuen Standards folgen

Die Akademie der Medizinischen Wissenschaften will die Ethikrichtlinien für ärztliche Suizidhilfe lockern. Ärzte sollen dabei aus einem ethischen Dilemma befreit werden.

Wenn sie um Hilfe zum Suizid gebeten werden, ist das für Ärzte eine schwierige Entscheidung: Die Intensivstation am Spital Basel.

Wenn sie um Hilfe zum Suizid gebeten werden, ist das für Ärzte eine schwierige Entscheidung: Die Intensivstation am Spital Basel. Bild: Keystone

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Ärzte tun alles, um uns am Leben zu halten. Doch wenn der Entscheid gefallen ist, jemanden sterben zu lassen, verlassen sie das Krankenzimmer und sagen den Pflegern, «ruf mich, wenn es soweit ist». Etwa so umschreibt Daniel Scheidegger die Haltung vieler seiner Berufskollegen gegenüber dem Tod. Der Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) präsentierte gestern den Entwurf der revidierten Ethikrichtlinien zum Lebensende. Das Ziel sei, Ärzte bei heiklen Fragen zu Sterben und Tod zu unterstützen – etwa beim Thema Sterbehilfe. Die revidierten Standards gehen nun in die Vernehmlassung und werden voraussichtlich im Juni 2018 in definitiver Fassung präsentiert.

Künftig werden die Ärzte weniger alleingelassen bei ihrer Entscheidung, ob sie suizidwillige Patienten unterstützen wollen: Die SAMW listet differenziert auf, in welchen Fällen sie ärztliche Suizidhilfe für vertretbar hält. Dazu gehört unter anderem, dass der Patient urteilsfähig ist, seinen Wunsch gut durchdacht und ohne äusseren Druck gefällt hat. Im Gegensatz zu früher werden auch Sterbewilllige einbezogen, die nicht todkrank sind: das könnten etwa Menschen mit einer chronischen Lungenerkrankung sein, einem neurologischen Leiden – oder einer schweren Depression. Auch der sogenannte Altersfreitod für Senioren, die an mehreren Gebrechen leiden, ist nicht ausgeschlossen. Entscheidendes Kriterium ist gemäss SAMW ein «unerträgliches Leiden» des Patienten. Weiterhin ist aber kein Arzt verpflichtet, Sterbehilfe zu leisten.

Mit den Anpassungen lockert die SAMW die Richtlinien bezüglich Sterbehilfe zum zweiten Mal nach 2004 – und befreit die Ärzte aus einem berufsethischen Dilemma. Denn bisher galt, dass Beihilfe zum Suizid nicht Teil der ärztlichen Tätigkeit ist. Wie also sollte ein Hausarzt reagieren, der von seinem todkranken Patienten um ein Rezept für das Sterbemittel Natrium-Pentobarbital gebeten wurde? Er durfte dem Wunsch nachkommen, musste aber, symbolisch gesprochen, seinen Arztkittel ausziehen.

«Hätte mein Leben vereinfacht»

Es sei wichtig, den Ärzten eine Entscheidungsgrundlage zu bieten, sagte SAMW-Präsident Scheidegger. «Es hätte mir das Leben vereinfacht, wenn ich zu meiner Zeit als praktizierender Arzt diese Anleitung gehabt hätte.» Denn es spielten sehr persönliche Beweggründe mit bei der Entscheidung: das Elternhaus, eigene Erlebnisse mit dem Tod, religiöse Überzeugungen.

Dass die Ärzteschaft in der Frage gespalten ist, zeigte auch eine Umfrage der SAMW vor drei Jahren: Rund drei Viertel der Mediziner hielten Sterbehilfe durch einen Arzt für vertretbar – aber nur eine Minderheit zeigte sich bereit, diese selbst zu leisten. Wie Fachleute sagen, steht die jüngere Ärztegeneration dem Thema meist offen gegenüber. Und es sind nicht selten die Angehörigen, die am stärksten hadern mit dem Entscheid des Sterbewilligen.

«Es hätte mir das Leben vereinfacht, wenn ich zu meiner Zeit als praktizierender Arzt diese Anleitung gehabt hätte.»SAMW-Präsident Scheidegger

Letzteren will die SAMW mit den revidierten Standards Rechnung tragen: Die Angehörigen sollen bei der Diskussion über einen assistierten Suizid stärker einbezogen werden. Weiter fordert die Akademie von den Ärzten mehr Offenheit für Gespräche über Tod und Sterbewünsche. In den überarbeiteten Standards wird auch das sogenannte Sterbefasten, also freiwilliger Verzicht auf Essen und Trinken, thematisiert. Und die SAMW gibt neu Empfehlungen für die Sedierung ab: Bei dieser Behandlung bekommt der Patient starke Medikamente, die sein zentrales Nervensystem dämpfen und so etwa seine Schmerzen lindern.

Sowohl der Ärzteverband FMH wie auch die Sterbehilfeorganisation Exit wollen die überarbeiteten Ethikrichtlinien erst im Rahmen der Vernehmlassung kommentieren. Die neuen Standards dürften voraussichtlich in die FMH-Standesordnung aufgenommen und somit für Ärztemitglieder verbindlich werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.11.2017, 21:01 Uhr

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