«Die Integrationskraft der Schweiz ist beträchtlich»

Wie sollen Schweizer Schulen mit der Bildungsoffensive der Türkei umgehen? Markus Truniger, Pionier der interkulturellen Bildung, ordnet ein.

Nicht nur Türkisch: Ein Mädchen übt Arabisch im Kurs in heimatlicher Sprache und Kultur. Foto: Elisabeth Real (Keystone)

Nicht nur Türkisch: Ein Mädchen übt Arabisch im Kurs in heimatlicher Sprache und Kultur. Foto: Elisabeth Real (Keystone)

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Die Kontroverse ums Schülertheater in Uttwil SG zu einer türkischen Schlacht schürt Misstrauen gegen den interkulturellen Unterricht. Was sagen Sie dazu?
Es wäre falsch, wegen dieser fragwürdigen Aufführung einen Keil zwischen Türken und Schweizer zu treiben. Aber dass die Öffentlichkeit empört ist und Aufklärung verlangt, ist berechtigt. Das gut funktionierende Modell des Ergänzungsunterrichts in heimatlicher Sprache und Kultur infrage zu stellen, ginge mir aber zu weit.

Was ist konkret schiefgelaufen?
Der türkische Gedenktag zur Schlacht von Gallipoli wird seit langem thematisiert – auch im Rahmen des Unterrichts in heimatlicher Sprache und Kultur. Diese sogenannten HSK-Kurse gehören zur Volksschule. Darum müssen die Behörden hinschauen, wo Geschichtsunterricht in nationalistische Propaganda übergeht. Denn dies wäre ein Verstoss gegen die Bedingungen für eine ­Bewilligung dieser HSK-Kurse.

HSK-Kurse müssen politisch und konfessionell neutral sein. Ist diese Vorgabe noch erfüllt, wenn Kinder sterbende Soldaten nachstellen und türkisches Botschaftspersonal der Aufführung beiwohnt?
Das Theater über die Schlacht ist an sich noch kein Problem. Auch Schweizer Schulklassen führten beispielsweise die Legende über Wilhelm Tell auf. Wird der Unterricht jedoch zur Indoktrination ohne kritische Auseinandersetzung mit historischen Mythen, widerspricht dies den Grundsätzen der Volksschule. Wo die Grenze liegt, muss nun mit den türkischen Veranstaltern der Kurse besprochen und geklärt werden. Denn deren Interesse, solche Kurse im Rahmen der Volksschule durchzuführen, ist gross. Es gibt auch türkischsprachige Eltern, die skeptisch eingestellt sind gegen diese vom türkischen Staat veranstalteten Kurse. Ausdruck dessen ist, dass diese im Kanton Zürich nur gerade jedes siebte Kind mit türkischen Wurzeln besucht. Im Schnitt aller Kurse geht immerhin jedes vierte Kind hin.

Bereits im Kanton Zürich besuchen über 10'000 Kinder 400 Kurse in 27 Sprachen. Problematisch ist, dass Herkunftsstaaten diese organisieren und finanzieren. Bräuchte es nicht eine neutrale Trägerschaft?
Schon heute sind Vereine häufiger als Staaten. Öffentlich-rechtliche Trägerschaften analog zu den Musikschulen wären aber sicher von Vorteil. Zum Teil wird sogar gefordert, die Kantone sollten diese Kurse selber durchführen. Das käme dann dem Modell in Deutschland oder in skandinavischen Staaten nahe. Bisher waren solche Ideen aus Kostengründen politisch nicht mehrheitsfähig. Beim jetzigen Modell stellen Staaten oder Elternvereine eigene Lehrpersonen und Lehrmittel. Auch da müssen Bedingungen erfüllt sein: Genehmigt wird ein Kurs erst nach der Sichtung der Lehrmittel und unter der Voraussetzung, dass die Rahmenbedingungen eingehalten werden.

Werden diese denn kontrolliert?
Ziemlich gute Hinweise liefern direkte Rückmeldungen aus den Kursen, seien sie von den Eltern oder den Schulen, an welchen die Kurse stattfinden. Aber ich empfehle auch eine Aufsicht durch die Schulbehörden. Wenigstens im Kanton Zürich gibt es diese Empfehlung auch vonseiten der Bildungsdirektion. Heute scheuen die Schulpflegen allerdings zu oft davor zurück. Und sei es nur darum, weil sie nicht auch noch dafür Verantwortung tragen wollen.

Beim Schlachtentheater wurde es einigen Eltern zu viel. Die Behörden hätten gewarnt sein können, seit die Türkei Richtung Diktatur driftet. Als auf Sri Lanka der Bürgerkrieg tobte, wurden die Tamil Tigers in der Schweiz verherrlicht.
Damals war ich involviert. Der Kanton Zürich intervenierte und verlangte das Beachten der politischen Neutralität. Er bestand auf entsprechenden Anpassungen in den tamilischen Kursen, bevor diese anerkannt wurden. In anderen Kursen wurde der Verzicht auf jegliche religiöse Unterweisung eingefordert.

Viele Kinder kommen aus Ländern mit ganz anderen Kulturen. Unser pädagogisches Verständnis kollidiert doch mit jenem solcher Staaten?
Aber nicht unbedingt mit jenem der HSK-Lehrpersonen. Sie sind meist pädagogisch gut qualifiziert und arbeiten hoch engagiert mit den Kindern. In Lehrerzimmern, bei Weiterbildungen, in Konferenzen oder via Koordinatoren auf den Botschaften findet ein reger Austausch statt. Dieser Dialog ist sogar wichtiger als formale Vorschriften.

Diesem Dialog will sich die Türkei nun entziehen. Das staatliche Amt für Auslandtürken plant neuerdings Wochenendschulen, welche die HSK-Kurse konkurrenzieren.
Jedenfalls könnte die Volksschule nicht mehr Einfluss darauf nehmen, das stimmt.

Nicht besonders beruhigend. Es gibt einen Bericht über ein Mädchen, das nach der Teilnahme an einem vom türkischen Staat organisierten Lager nicht mehr ins Schwimmbad gehen wollte. Müssen wir solches hinnehmen?
In der Volksschule müssen alle den Sport- und Schwimmunterricht besuchen. Aufgrund unseres liberalen Staatsverständnisses akzeptiert unsere Gesellschaft aber, dass im privaten Bereich religiöse Gemeinschaften eigene Wertvorstellungen pflegen und sich abgrenzen.

Mündet das nicht in immer mehr Parallelgesellschaften?
Im Grossen und Ganzen lässt sich beobachten, dass die Integrationskraft der Schweiz beträchtlich ist. Bisher gibt es kaum Parallelgesellschaften. Im Privaten darf man so fromm sein, wie man will. Wollten wir strenger sein, müssten diese Massstäbe für alle gelten, also auch für evangelikale oder jüdische Gruppierungen.

Was bringt interkulturelle Bildung eigentlich?
Die Mehrsprachigkeit gehört immer stärker zur Schweiz. Sie hat sich zu einem eigenständigen Wert entwickelt. Die Wirtschaft hat dies längst erkannt, indem sie gezielt Mitarbeitende mit solchen Kenntnissen einstellt. Interkulturelle Bildung fördert unter anderem diese Kompetenz.

Jeder Kanton kennt eigene Regeln. Wäre nicht Koordination angezeigt?
Einen Austausch unter den Kantonen gibt es seit langem im Rahmen der Konferenz der Erziehungsdirektoren. Ein Thema ist dort auch das Anerkennungsverfahren. Aber die Betroffenheit ist je nach Kanton unterschiedlich. Solche mit grossen urbanen Räumen spüren die Chancen – und auch die Risiken zur nationalistischen oder religiösen Vereinnahmung stärker und haben entsprechend klarere Regelungen.

Erstellt: 19.05.2018, 09:23 Uhr

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Markus Truniger

Integrationsexperte

Markus Truniger gilt als Pionier in der interkulturellen Bildung. Seit über 30 Jahren engagiert er sich für die Förderung der Kinder ausländischer Eltern. Zuletzt leitete er die Fachstelle für Interkulturelle Pädagogik des Kantons Zürich und das Programm «Qualität in multikulturellen Schulen». Ende Jahr wurde er pensioniert. Truniger war massgeblich an der Schaffung des Rahmenlehrplans für den Unterricht in heimatlicher Sprache und Kultur beteiligt. Diesen übernahmen auch andere Kantone. 2016 erhielt Truniger den Bildungspreis der Pädagogischen Hochschule Zürich. Seine berufliche Laufbahn begann der heute 65-Jährige als Lehrer. (cab)

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