Bergbahn-Milliardär profitiert im Wallis von Steuergeldern

In Crans-Montana herrscht Streit, Investor Radovan Vitek treibt die Gemeinde vor sich her. Recherchen zeigen nun, wie seine Firmen zu öffentlichen Darlehen kommen.

Wenn es nach ihm geht, soll Crans-Montana zum schönsten Skiort der Alpen werden: Investor Radovan Vitek. (Foto: Sedrik Nemeth)

Wenn es nach ihm geht, soll Crans-Montana zum schönsten Skiort der Alpen werden: Investor Radovan Vitek. (Foto: Sedrik Nemeth)

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Die Bergbahnen in Crans-Montana stehen still. Schon wieder. Böse Erinnerungen kommen auf an damals, an Ostern 2018, als Milliardär Radovan Vitek den Stecker zog. Der Besitzer der Bahnen wollte damit Druck auf die Gemeinde machen. Er wollte Geld. Sein Entscheid sorgte schweizweit für Empörung. Vitek musste sich an einer Gemeindeversammlung erklären und entschuldigen.

Heute hat der Stillstand der Bahnen einen natürlichen Grund: Die Wintersaison ist zu Ende. Der Streit ist geblieben. Gemeindepräsident Nicolas Féraud steht vor den parkierten Gondeln und wirkt ernüchtert. Die Beziehung zwischen Vitek und der Gemeinde bleibe zerrüttet, sagt er. Crans-Montana hat jeglichen Einfluss auf jene Infrastruktur verloren, an der im Bergtourismusort alles hängt.

Die Entmachtung kam 2016 und ist in diversen Rechtsgutachten dokumentiert. Die lokalen Bergbahnen, die «Remontées Mécaniques Crans Montana Aminona» (CMA) brauchten damals frisches Kapital. Die Behörden der Gemeinden Crans-Montana, Icogne und Lens, die alle Anteile der CMA besassen, wollten kein neues Geld einschiessen. «Wir hätten den Aktienkauf an der Gemeindeversammlung beantragen müssen. Bis zur Versammlung wäre viel Zeit verstrichen, und die Zustimmung war nicht garantiert», sagt Nicolas Féraud.

Vitek zeigt Macht und Verdruss

An ihrer Stelle schoss der in Crans-­Montana wohnhafte, pauschalbesteuerte tschechische Investor Radovan Vitek 50 Millionen Franken ein. Der Immobilienmogul mit einer Investmentgesellschaft in Luxemburg hatte bereits 2014 einen grösseren Anteil CMA-Aktien gekauft. Mit der Kapitalerhöhung erhielt er eine Mehrheit. Der Aktienanteil der Gemeinden sank von 23 auf 11 Prozent.

Will, dass Crans-Montana in seine Bergbahnen investiert: Milliardär Radovan Vitek. Foto: Bloomberg (Getty Images)

Die Immobiliengesellschaft CMAI, der Bergrestaurants und Parkhäuser gehören, hatte Vitek schon früher erworben. Nun führte Vitek die CMA mit der Immobiliengesellschaft zusammen: sein heutiges Alpenresort. Noch zahlt sich die Investition nicht aus. Das Resort machte in den letzten Jahren operative Verluste. Millionen waren nötig, um Bahnen und Immobilien zu erneuern.

Seine Macht und seinen Verdruss lässt Vitek Crans-Montana spüren. Wiederholt verlangte er, die Gemeinde soll in seine Bahnen investieren. Wiederholt drohte er, andernfalls den Betrieb einzustellen. Der «Blick» bezeichnete ihn darum als «Rüpel-Milliardär». Vitek profitierte von Zwistigkeiten zwischen der CVP und der FDP sowie von Spannungen zwischen den Nachbargemeinden. Die FDP hat in Crans-Montana das Sagen, die CVP kontrolliert Icogne und Lens. Die CVP tendiert zur Kooperation mit Vitek, die FDP lässt sich weder von ­Drohungen einschüchtern, noch scheut sie sich vor Konflikten mit ihm.

Crans-Montana bürgt für Kredit

Vitek tritt jedoch höchst selten ­persönlich in Crans-Montana auf. Sein Statthalter ist Philippe Magistretti, ein in Crans aufgewachsener, ehemaliger Wallstreet-Banker und bei CMA Geschäftsführer und VR-Präsident in Personalunion. Der Gemeindepräsident sagt, Magistretti habe ihm einmal gedroht, die Station für ein ganzes Jahr zu schliessen, um in dieser Zeit im Ausland einen Businessplan auszuarbeiten. Ein Horrorszenario für die Gemeinde, das aber nicht eintraf. Anders an Ostern 2018, als Vitek die Bahnen abschaltete, um bei Crans-Montana eine angeblich offene Rechnung von 800'000 Franken einzutreiben – eine Subvention an den Bahnbetrieb. Féraud beteuert: «Ich habe mich nie zu dieser Zahlung verpflichtet.» Die Gemeinde zahlte trotzdem.

Féraud blickt auf die Gondeln der 2016 erneuerten «Ligne du Signal». «Die Probleme mit Vitek begannen mit dieser Renovation», erinnert er sich. 25 Millionen Franken kostete sie. Parallel zum Kauf grösserer Gondeln wurde auch die Kapazität des Sessellifts weiter oben erhöht. Vitek wollte, dass Crans-Montana die 25 Millionen als Kredit gibt. Doch die Gemeinde wollte nicht Viteks Gläubiger sein. Am Ende beschaffte sich ­Vitek das Geld bei einer Bank. Crans-­Montana übernahm die Bürgschaft für den Kredit. Zahlt Vitek nicht mehr, muss die Gemeinde einspringen.

Was Féraud nicht weiss, aber Recherchen belegen: Für die Renovation der «Ligne du Signal» erhielt Vitek vom Bund ein günstiges Darlehen von zwei Millionen Franken aus dem Fonds der neuen Regionalpolitik (NRP). Weitere zwei Millionen Franken zahlte der ­Kanton Wallis. Denn die Regel bei der NRP lautet: Nur wenn der Kanton Geld bewilligt, zahlt auch der Bund. Und zwar dieselbe Summe. Bereits früher hatten Bund und Kanton Darlehen für Ski­anlagen in Crans-Montana gesprochen. Seit Dezember 2009 flossen insgesamt über zehn Millionen Franken in die CMA. Dies teilt das Volkswirtschafts­departement des Kantons Wallis auf ­Anfrage mit. Als Vitek die Firma übernahm, ist die Eidgenossenschaft über Nacht zu einem wichtigen Gläubiger des impulsiven Tschechen geworden.

Der Fall ist exemplarisch für ein relativ neues Problem in der Tourismuspolitik des Bundes: Die mit öffentlichen Mitteln finanzierten Infrastrukturen werden immer öfter zum Spielball privater Investoren. Dadurch steigt auch das Risiko, dass für den Steuerzahler Verluste anfallen. In Crans-Montana hat Vitek inzwischen neue Forderungen ­gestellt. Es geht um die Parkgarage der Talstation, die für rund 10 Millionen Franken renoviert werden muss. Vitek ist der Besitzer, zahlen soll die Gemeinde. Féraud winkt ab. Er sagt, der Gemeinderat stelle Bedingungen. Welche genau, will er nicht verraten. Ein neuer Zwist bahnt sich an.

Der Wind dreht gegen Vitek

Der Wind scheint im Wallis nun aber zu drehen. Gegen Vitek. Zumindest ein wenig. Crans-Montana, Icogne und Lens kamen überein, in der Causa Vitek die Walliser Staatsanwaltschaft einzuschalten. Der Vorwurf: Kurz nachdem er die Kontrolle über die Bergbahngesellschaft CMA erhielt, soll Vitek deren Kasse geleert und die übrigen Aktionäre geschädigt haben. Konkret: Viteks CMA kaufte 2016 für 35 Millionen Franken die Immobiliengesellschaft CMAI, die Vitek gehörte. Ein Grossteil des in die CMA investierten Kapitals floss also direkt zurück in sein Portemonnaie.

Crans-Montana, Icogne und Lens beauftragten Anwälte und Treuhänder, die Umstände zu untersuchen. Fünf Berichte liegen vor. Das Fazit: Der Kaufpreis sei überrissen. Die Immobiliengesellschaft soll bloss 5 Millionen Franken wert gewesen sein. Damit hätten die ­Gemeinden als Aktionäre 2,6 Millionen Franken verloren. Die angeblich fiktiven Preise bemerkten offenbar auch die Revisoren, welche die CMA-Buchhaltung untersuchten. Sie hätten sich geweigert, den Revisionsbericht zu unterschreiben, heisst es in den Expertisen.

«Schönster Skiort der Alpen»

Vitek hat reagiert und die Immobilienfirma CMAI wieder aus der CMA ­herausgekauft: für 35 Millionen. Ein finanzieller Schaden wäre damit behoben, eine allfällige Straftat jedoch nicht beseitigt. Die Walliser Staatsanwaltschaft hat im Herbst ein Verfahren eröffnet, das zurzeit hängig ist.

Viteks Stellvertreter Magistretti sagte dem Radiosender RTS, die Expertenberichte aus Genf seien von «schlechter Qualität» und enthielten «enorme Unzu­länglichkeiten». Er bestreitet, dass die Gemeinden Geld verloren hätten. Sein Chef träumt derweil weiter davon, Crans-Montana zu einem Luxusskiort à la St. Moritz umzuformen. Man werde Crans-Montana zum «schönsten Skiort der Alpen» machen, verspricht Magistretti.

Die Frage, die immer mehr Walliser umtreibt, ist: Wer wird dafür bezahlen?

Erstellt: 14.05.2019, 19:44 Uhr

Der schweigsame Investor

Radovan Vitek ist ein milliardenschwerer Immobilienunternehmer, der seit einigen Jahren im Wallis lebt. Er hält sich bewusst im Hintergrund: Er gibt keine Interviews, Stellung nehmen Mitarbeiter oder Mitstreiter.Das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» schätzt sein Vermögen auf über 3 Milliarden Franken. Er ist verheiratet, hat vier Kinder und ist 46 Jahre alt. Seine Firmengruppe CPI Property, zu der auch die Skilifte in Crans-Montana gehören, hat ihren Sitz in Luxemburg. Sie investiert im grossen Stil in Immobilien in ganz Europa. Das Immobilienportfolio ist über 7 Milliarden Euro schwer. (red)

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