Steuerrechnungen für tote Hunde

Die Schweizer Gemeinden müssen seit Anfang Jahr mit einer neuen Datenbank arbeiten, die alle Hunde erfasst. Doch die Behörden kommen mit dem System nicht klar – und verärgern damit Hundehalter.

Hund beim Tierarzt. Auch Veterinäre arbeiten mit der Hundedatenbank Amicus. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Hund beim Tierarzt. Auch Veterinäre arbeiten mit der Hundedatenbank Amicus. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Ungefähr 550'000 Hunde leben in der Schweiz – und jeder Einzelne von ihnen muss registriert werden. Seit dem 1. Januar existiert dafür eine neue Datenbank, die bei den Gemeinden nun für Protest sorgt. Die Einführung sei «äusserst unglücklich und unprofessionell verlaufen», schreibt der Präsident des Gemeindeverbands und SVP-Ständerat Hannes Germann in einem Brief an die zuständigen Kantonstierärzte, der dem TA vorliegt. Und weiter: «Die Situation heute ist absolut unbefriedigend.»

Die neue Datenbank heisst Amicus – Lateinisch für Freund. Sie erfasst im Wesentlichen die Daten des Hundes und des Hundehalters. Bisher waren die Personendaten aber unzuverlässig, weshalb Amicus nun mit den Einwohnerdatenbanken der Gemeinden abgeglichen werden soll. «Eigentlich könnten alle profitieren», sagt Michael Bützer, stellvertretender Direktor des Gemeindeverbands. Eigentlich. Denn tatsächlich funktioniert die Synchronisierung der Daten bei zahlreichen der 2300 Schweizer Gemeinden nicht. «Amicus verwendet keine standardisierten Schnittstellen zu den Einwohnerdatenbanken», sagt Bützer.

In Wettingen zum Beispiel muss der Sachbearbeiter beim Einwohneramt zunächst den Eintrag bei der Einwohnerkontrolldatenbank ändern, wenn ein Hundehalter umzieht. Und dann ein zweites Mal in der Hundedatenbank. Bei 20'000 Einwohnern und 700 Hunden gibt es in Wettingen fast täglich Änderungen. Viel Zeit braucht das nicht, aber genug, um einige Gemeinden davon abzuhalten, Amicus aktuell zu halten. Damit die Systeme Daten austauschen können, haben einige Gemeinden Schnittstellen programmieren lassen. Mit unerwünschten Folgen: In einer Zürcher Oberländer Gemeinde mit über 5000 Einwohnern wurden beim ersten Abgleich die Handynummern sämtlicher Hundehalter aus Amicus gelöscht.

Aufgebrachte Hundehalter

Zusätzlich zum Schnittstellenproblem kommt ein Aspekt, der aus Sicht von Bützer besonders ärgerlich ist: Gemeinden können verstorbene Hunde nicht aus der Datenbank löschen. Das können nur Tierärzte, die zuständigen Kantonsmitarbeiter oder der Tierhalter selbst. Nun haben Hundebesitzer Hundesteuerrechnungen für ihren toten Vierbeiner erhalten – was bei niemandem gut ankommt. «Wenn ein Gemeindemitarbeiter dem aufgebrachten Einwohner dann sagen muss, er solle den toten Hund halt selbst löschen, dann ist das äusserst unbefriedigend», sagt Bützer.

Adressat des Protests ist Rolf Hanimann. Er ist Präsident der Schweizer Kantonstierärzte und damit oberster Verantwortlicher für das Projekt. Auf Anfrage sagt er: «Wir haben anfangs zu wenig bedacht, wie wichtig es ist, die Gemeinden zu involvieren.» Hanimann erklärt das mit der Komplexität des Projekts: In jedem Kanton gelten andere Gesetze; Tierärzte, Polizei, die Mitarbeiter von Kantonen, Gemeinden und Hundeschulen müssen mit der Software arbeiten können, haben aber unterschiedliche Rechte und Pflichten. Erst im Laufe der Zeit habe sich gezeigt, wie wichtig eine engere Zusammenarbeit mit den Gemeinden wäre.

Die Kritik an der Technik lässt Hanimann indes nicht gelten. Die Kinderkrankheiten seien erkannt und würden laufend eliminiert – und die Anbindung an die eigene IT-Infrastruktur liege in der Verantwortung der Gemeinden. Auch der Geschäftsführer des Softwareherstellers Identitas, Christian Beglinger, hält die Kritik am fehlenden Datenbankstandard für überzogen. Das würden viele Beispiele von Gemeinden zeigen, die den Datenaustausch erfolgreich automatisieren konnten. «Wir glauben nicht, dass die Spezifikation der Schnittstellen von Amicus zurzeit ein prioritäres Problem darstellt», sagt Beglinger.

Datenlücken auch in Zürich

Lobend erwähnt der Projektverantwortliche die Stadt Zürich. Sie verfüge über «eine Lösung, die perfekt funktioniert», sagt Hanimann. Nur: Das zuständige ­Polizeidepartement widerspricht. Bis heute sei es nicht möglich, die beiden Datenbanken miteinander abzugleichen, sagt Mathias Ninck, Kommunikationschef des Departements. «Neuzuzüger müssen sich heute bei der Einwohnerkontrolle anmelden und anschliessend bei der Hundekontrolle den Hund registrieren lassen.» Weil das längst nicht alle täten, müssten Sachbearbeiter die Lücken in der Datenbank von Hand bereinigen.

Und was ist mit den toten Hunden in der Datenbank? Das ist kein Bug, sondern ein Feature, wie Programmierer sagen würden. Früher konnten auch die Gemeinden tote Hunde löschen, was zu einem heillosen Durcheinander geführt habe, sagt Hanimann. Um ihre Daten beim Wegzug eines Hundehalters aus der Gemeinde aktuell zu halten, hätten die Kommunen Hunde reihenweise für tot erklärt.

Hanimann trifft sich mit den Gemeindevertretern noch im Juli zu einer Aussprache. Er ist zuversichtlich, dass sich der Konflikt beilegen lässt. Für Bützer dagegen braucht es grundlegende Änderungen in der Technik und der Zusammenarbeit. «Sonst hat Amicus keine Zukunft.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2016, 22:51 Uhr

Warum Hunde erfasst werden

Die Registrierungspflicht für Hunde ist eine Folge der Beissattacke dreier Kampfhunde in Oberglatt im Jahr 2005, bei der ein fünfjähriger Bub getötet wurde. Seit 2007 ist das Obligatorium Bestandteil der Tierseuchenverordnung. Bis Ende 2015 wurden die Daten in einem System namens Anis gespeichert. Erfasst werden etwa Name, Rasse und die Nummer des Mikrochips, den jeder Hund trägt. Die Datenbank hat den Zweck, Besitzer von beissenden Hunden schnell ermitteln sowie den Ausbruch von Seuchen rasch erkennen zu können.

Steuergelder sind keine in die Software geflossen. Der Berner Softwarehersteller Identitas hat die Datenbank auf eigenes Risiko entwickelt. Mit den Kosten für die Registrierung, die der Hundehalter bezahlt, amortisiert das Unternehmen nun die Investition und finanziert den Betrieb der Software. Jährlich werden rund 50'000 Hunde für je 20 Franken registriert. (fxs)


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