«Stolz ist kein Geschäftsmodell»

Der ehemalige «Spiegel»-Chefredaktor Wolfgang Büchner krempelt die «Blick»-Gruppe um. Sein Rezept: Ein neuer Newsroom und ein weniger blutiger Boulevardjournalismus.

«Wir verstehen uns als 56 Jahre altes Start-up», sagt Wolfgang Büchner. Foto: Tom Kawara

«Wir verstehen uns als 56 Jahre altes Start-up», sagt Wolfgang Büchner. Foto: Tom Kawara

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie wollen beim «Blick» ab Januar den Newsroom neu erfinden. Die Redaktion ist gespalten. Fühlen Sie sich an die Vorgänge beim «Spiegel» erinnert?
Überhaupt nicht. Hier gibt es keine Zweifel an der Dringlichkeit von Veränderungen. Es ist allen klar, dass wir uns sehr schnell bewegen müssen. In der Printredaktion des «Spiegels» gab es eine grosse Saturiertheit. Viele Kollegen setzten darauf, dass es für sie in der alten Kultur noch reichen würde.

Die Redaktion in Hamburg war überzeugt, dass starke redaktionelle Inhalte die Lebensversicherung für die Zukunft sind.
Da ist auch etwas dran, bloss wollte man den Rest nicht wahrhaben. Natürlich sind starke Geschichten die Basis von allem, aber guter Journalismus allein genügt heute nicht mehr. Die beste Opernstimme der Welt wird nicht gehört, wenn der Tenor nur in seinem eigenen Wohnzimmer singt. Man muss ihn auf alle grossen Bühnen der Welt bringen. Deshalb sind Facebook, Youtube, Instagram und Twitter so wichtig. Mithilfe von Social Media und neuen Apps können wir mehr Menschen erreichen als jemals zuvor.

Sie werden im neuen Newsroom die Rolle eines Deskchefs einführen, der im Auge des News-Orkans alle Kanäle steuert.
Von dieser neuen Rolle verspreche ich mir einiges. Der Deskchef wird fortlaufend entscheiden, wo die Geschichten hingehen. Um ihn herum werden die für die Produkte verantwortlichen Stellvertreter sitzen. Am neuen «Blick»-Desk wird eine Art ständige Konferenz stattfinden, folglich werden wir rundherum weniger Konferenzen brauchen. Alle Beteiligten sind nicht nur verantwortlich für ihren jeweiligen Garten, sondern gemeinsam für die ganze Gartenanlage. Es soll überall blühen – und das geht nur mit echter Teamarbeit.

Nach 56 Jahren wird der «Blick» erstmals keinen Chefredaktor mehr haben.
Das stimmt so nicht. Es wird zwei für die «Blick»-Gruppe verantwortliche Chefredaktoren geben: Iris Mayer, die von der deutschen Nachrichtenagentur DPA kommt, und Peter Röthlisberger, zuvor Chefredaktor beim «Blick am Abend». Sie werden die Gesichter der Marke und für alle Kanäle verantwortlich sein, ausser für den «SonntagsBlick», den weiterhin Christine Maier verantwortet. Entscheidend wird das Teamplay zwischen allen Beteiligten sein, das passt viel besser in diese Zeit als ein allwissender Chefredaktor mit vermeintlich genialen Eingebungen. Diese Rolle passte in die Sechzigerjahre, heute definitiv nicht mehr.

«Die sozialen Medien sind die neuen Kneipen und Schulhöfe.»

Warum nicht?
Damals gab es täglich einen Redaktionsschluss und eine Titelseite. Heute gibt es den «Blick» als Zeitung aber rund um die Uhr auf dem Smartphone und im Internet. Wir haben ständig Redaktionsschluss oder nie mehr – je nach Sichtweise. Eine Redaktion, die erfolgreich sein will, kann nur von einem gut eingespielten Team geführt werden.

Es hat ein Gegenkonzept für den Newsroom aus der alten Chefredaktion gegeben, das der Unternehmungsleitung während Ihrer Abwesenheit präsentiert wurde. Kam Ihnen das bekannt vor? Auch beim «Spiegel» wurden Sie mit Ihren Plänen von einem Teil der Redaktion untergraben.
Überhaupt nicht. Es war völlig legitim, dass andere Vorschläge präsentiert wurden. Ausserdem ist hier die Situation ganz anders als beim «Spiegel».

Beim «Spiegel» waren Sie Chefredaktor. Jetzt werden Sie als Geschäftsführer Ihr Büro in den neuen «Blick»-Newsroom ziehen – als heimlicher Super-Chefredaktor?
Nein, ich hab immer gesagt, dass ich das nicht will. Als Chefredaktor wäre ich nicht nach Zürich gekommen. Das heisst aber nicht, dass ich für die Chefredaktion nicht Sparringpartner sein werde, wenn die Kollegen das wollen. Die wichtigste Achse aber sind die beiden Chefredaktoren.

Diese Achse soll die Seriosität von DPA mit der Frivolität von «Blick am Abend» verbinden?
So sehen wir das nicht. Peter Röthlisberger hat in seiner Zeit vor dem «Blick am Abend» und jetzt auch im neuen Konzept gezeigt, dass er ein sehr guter und seriöser Journalist ist. Mit «Blick am Abend» hatte er den Auftrag, leichten und unterhaltsamen Journalismus zu betreiben, das entspricht dem Anspruch eines Pendlerblatts nach Arbeitsende. Er hat jetzt übrigens in der Rotationsphase ganz andere Fähigkeiten gezeigt, als er den «Blick» in jener Woche verantwortete, als Bundesrätin Widmer-Schlumpf zurücktrat, oder danach für den «SonntagsBlick», als die Anschläge von Paris stattfanden, oder mit jener Ausgabe, als Peter Brabeck erstmals über seine schwere Erkrankung geredet hat. Jetzt hat er zusammen mit Iris Mayer, die ein absoluter Nachrichtenprofi ist, den Auftrag, den «Blick» als schnelles, relevantes und zugleich unterhaltsames Nachrichtenmedium weiterzuentwickeln.

Da fehlt das Wort Boulevard.
Diesen Gegensatz von Boulevard- und Qualitätsmedium gibt es heute nicht mehr. Traditionelle Qualitätsmedien wie NZZ oder «Tages-Anzeiger» haben sich verändert und arbeiten heute viel mehr mit grosser Optik, prägnanteren Begriffen, Personalisierung und Emotionalisierung. Intelligenter Boulevard überreizt diese Stilmittel nicht, sonst geht der Schuss nach hinten los. Da gibt es eine lange Entwicklung seit dem Blut-und-Sperma-Boulevard der Siebzigerjahre. Auch «Spiegel online» war im Grunde nichts anderes als ein besonders gut gemachtes Boulevardmedium.

Wird auf der Frontseite noch Platz sein für nackte Frauen?
Es wird immer Platz geben für schöne Frauen, für Sex als Thema, für Menschen, die darüber reden wollen – das ist Teil der journalistischen Berichterstattung. Was heute nicht mehr passt, ist die anlasslose, objekthafte Sexualität: Sex ja, Sexismus nein. Ob es das Seite-1-Girl bei «Blick» bis in alle Zeiten geben wird, weiss ich nicht – ich stelle es zur Debatte. Wobei es mich überrascht, dass viele Kolleginnen diese Rubrik mögen, weil sie eine Geschichte erzählt. Wenn es eine Kassiererin aus dem Aargau toll findet, ein erotisches Shooting zu machen, und das den Lesern gefällt, ist dagegen nichts einzuwenden.

«Wir verlieren bei der Leserschaft nichts, wenn wir anständig mit den Leuten umgehen.»

Boulevardjournalismus lebt von einer gewissen Skrupellosigkeit. Der Verlegerfamilie Ringier gefällt das nicht. Als der Unternehmer Peter Spuhler ein Kind durch plötzlichen Kindstod verlor, berichtete der «Blick» nach einem Telefongespräch mit den Betroffenen nicht gross.
Das halte ich für richtig. Wir berichten über alles, aber es ist nun mal schwierig für die betroffenen Eltern, immer wieder den Vornamen des verlorenen Kindes in den Medien lesen zu müssen. Wir verlieren bei der Leserschaft nichts, wenn wir anständig mit den Leuten umgehen. Im Gegenteil, die Leserschaft goutiert das. Ich möchte, dass wir in der Öffentlichkeit positiv wahrgenommen werden – was aber nicht bedeutet, dass wir nicht hart an den Geschichten dranbleiben oder aufhören, Missstände anzuprangern. Ich möchte auch, dass wir in Zukunft die Ersten sind, die über die Entlassung eines Fussballtrainers berichten. Hartnäckige Recherche und Anstand schliessen sich nicht aus.

Da sind wir bei der Communitystrategie.
Ja, wir werden die Kommentarforen besser kuratieren. Wenn wir diese Foren nur als digitale Gummizellen verstehen, in denen sich die Leser austoben können, dann wirds nicht richtig interessant. Wenn die Redaktion aber aktiv in den Foren mitdiskutiert, dann wirds spannend. Manche Journalisten empfinden das heute als Zumutung, aber das wird mittelfristig ein wichtiger Teil unserer Arbeit.

Will der «Blick» mit dem Communitykonzept auch die sozialen Medien konkurrenzieren?
Konkurrenzieren nicht, aber wir wollen stärker in der digitalen Öffentlichkeit präsent sein. Wir müssen anerkennen, dass die Leute nicht automatisch zum «Blick» kommen, wie sie nicht mehr automatisch an den Kiosk gehen oder auf unsere App. Für immer mehr Menschen wird Facebook zum Synonym für das Internet. So werden wir von Januar an «Blick»-Beiträge auch über Facebook als sogenannte Instant Articles anbieten.

Werden das besonders gute Artikel sein?
Wir werden viele Artikel so veröffentlichen. Die spannende Frage ist, wie gut es uns gelingen wird, mit Angeboten auf anderen Plattformen wie Facebook Geld zu verdienen. Es nicht zu versuchen, ist allerdings keine Option.

Stärkt man damit die Marke Facebook oder die Marke «Blick»?
Am Ende wohl beide. Aber wenn wir das nicht täten, würden wir die Marke «Blick» schwächen. Face­book, Twitter, Google News sind die neuen Kneipen, Marktplätze und Schulhöfe – das werden wir alles ausprobieren. Entweder bist du auf diesen Plätzen präsent mit deinen Inhalten, oder du existierst nicht. Es führt zu nichts, wenn man diese Marktmacht beklagt und sich in die Schmollecke verzieht. Stolz ist kein Geschäftsmodell.

Gilt das auch für Youtube?
Klar, da wollen wir mit unseren Videos präsent sein. Wir haben bei den Videos im vergangenen Jahr unsere Reichweite verdoppelt. Gerade für Erklärstücke eignen sich Videos perfekt. An Kommentaren gibts im Netz keinen Mangel, an sauber recherchierten Fakten und Erklärstücken schon. Während wir in anderen Bereichen Stellen gestrichen haben, werden wir den Videobereich stark ausbauen. Bis Januar werden wir ein Team mit 23 Leuten haben und zum führenden Anbieter von News- und Unterhaltungsvideos werden. Wir verstehen uns als 56 Jahre altes Start-up.

«Ein Image ist nicht unveränderlich, es wandelt sich mit der Leistung und der Tonalität.»

«Blick» als Start-up? Sie scherzen – «Blick» war bis vor kurzem die Heimat des ländlichen Stumpenrauchers.
Da ist Ihr Bild veraltet. Wir haben inzwischen sehr viele junge, urbane Leser. Ausserdem ist ein Image nicht unveränderlich, es wandelt sich mit der Leistung und der Tonalität. Kommt dazu, dass unsere Erzählweise, emotional und mit starken Bildern, sehr gut passt fürs Netz – wir haben mit diesem Teil der DNA eine sehr gute Chance, im Netz unsere ­Position weiter zu stärken.

Und haben Sie auch herausgefunden, wie man im Netz Geld verdient?
Blick.ch verdient schon heute Geld, rund 15 bis 20 Prozent des Gewinns der «Blick»-Gruppe. Ich glaube nicht an ein Bezahlmodell, solange es so starke Gratisanbieter wie «20 Minuten», SRF und Bluewin gibt. Da werden wir unsere Reichweite nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Hinzu kommt, dass die Werbemöglichkeiten längst nicht ausgeschöpft sind, gerade im Mobile Web, wo die Videowerbung stark wächst. Dasselbe gilt auch für ­E-Commerce. Da sind wir erst am Anfang.

Wenn Leser im Internet bezahlen, dann für Medien mit hoher sozialer Reputation. Will der «Blick» sich wirklich gegen «Zeit», «Spiegel» und «Economist» behaupten?
Wir wollen noch besser, noch attraktiver werden. Und das wird uns auch gelingen. Alle «Blick»-Journalistinnen und -Journalisten sollen Spass daran haben, wenn sie unter ihrem Namen und der Marke «Blick» twittern. Die Kollegen sollen stolz sein, für den «Blick» zu arbeiten. Die Grundlage dafür ist ­guter, vertrauenswürdiger Journalismus.

Keine unangemeldeten Hausbesuche mehr und unerlaubtes Fotografieren des Imams einer Winterthurer Moschee, den man des Radikalismus verdächtigt, wie kürzlich im «SonntagsBlick»?
Ich möchte mich nicht zu einzelnen Beiträgen äussern, das ist auch nicht meine Aufgabe. Wer sich darüber empört, sollte aber bedenken, dass es ein Unterschied ist, ob man Eltern gegenübersteht, die gerade ein Kind verloren haben, oder einem Imam mit Verbindungen zum radikalen Islam. Da gelten nicht die gleichen Regeln für Rücksichtnahme und Samthandschuhe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2015, 23:31 Uhr

Wolfgang Büchner

Journalist und Manager

Wolfgang Büchner, 1966 in Speyer geboren, war von September 2013 bis Dezember 2014 Chefredaktor des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel». Am 1. Juli 2015 übernahm er die Leitung der «Blick»-Gruppe des Ringier-Konzerns, um Print und Online besser zu verzahnen. (TA)

Artikel zum Thema

Aus dem Haifischbecken in die Schlangengrube

Porträt Beim «Spiegel» geschasst, wird der Journalist Wolfgang Büchner nun Geschäftsführer der «Blick»-Gruppe. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Sweet Home Weihnachtshopping in letzter Minute

History Reloaded Österreich ist, was übrig bleibt

Paid Post

Mit Swissôtel das SOS-Kinderdorf unterstützen

Mit jedem Kommentar und jedem «Share» dieses Artikels wird die Spende von Swissôtel im Namen der Mamablog-Community ans SOS-Kinderdorf erhöht. Helfen Sie mit!

Die Welt in Bildern

Land ahoi! Die Superjacht «Sunseeker 74 P» wird auf einem Tieflader über eine Strasse transportiert. Ziel ist eine Wassersportmesse in Düsseldorf, Deutschland. (18. Dezember 2018)
(Bild: Sascha Steinbach) Mehr...