Der Furor des Martin Wagner

Der ehemalige Verleger der «Basler Zeitung» schiesst mit schwerem Geschütz auf Christoph Blocher und die SVP. Dahinter steht die Kränkung, von einem Freund verraten worden zu sein.

Bitter enttäuscht: Ein apolitischer Medienverbund schwebte Martin Wagner vor, als er Anfang 2010 die «Basler Zeitung» übernahm.

Bitter enttäuscht: Ein apolitischer Medienverbund schwebte Martin Wagner vor, als er Anfang 2010 die «Basler Zeitung» übernahm. Bild: Nicola Pitaro

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Es ist ein Tabubruch: Christoph Blochers Kinder seien «Klone» des Vaters, der sein «schauriges Prinzip bis zum Exzess» auslebe, schrieb Neo-FDP-Politiker Martin Wagner im «Sonntag». Blocher sei «Gift», «demokratiefeindlich» und bestreue Menschen mit «Mist», doppelte er in einem «SonntagsBlick»-Interview nach.

Die einen werfen Wagner, der im Herbst für die Baselbieter FDP in den Nationalrat einziehen will, Wahlkampftaktik vor. Andere sagen, Wirtschaftsanwalt Wagner wolle sich rächen, weil Blocher ihn während seines Beratungsmandates für die «Basler Zeitung» (BaZ) wie einen Schulbuben behandelt habe. Doch Martin Wagners Furor rührt tiefer. Er beruht auf der Enttäuschung, dass die falschen Freunde, mit denen er sich eingelassen hatte, ihm die erste Niederlage seiner Karriere zufügten. Und dies in dem Moment, als er die Früchte der Anstrengungen seines ganzen Berufslebens ernten wollte.

Den Konservativen zu Diensten

Dieses führte er bis kürzlich im Hintergrund. Und mit Weggefährten aus der Region Basel. In den Achtziger- und Neunzigerjahren strukturierte er die Geschäftstätigkeiten seines Freunds, des Film- und Fernsehmoguls Bernhard Burgener, und organisierte dessen Übernahmen. Wagner nahm in den Leitungsgremien des Konglomerates Einsitz und Einfluss. Die beiden kontrollieren heute den Unterhaltungs- und Casinokonzern Escor, vermarkten die Champions-League-Rechte, kontrollieren die Constantin Film und den europäischen Filmverleih.

Gleichzeitig etablierte sich Wagner im Baselbieter Establishment. Zusammen mit dem FDP-Urgestein Hans Rudolf Gysin bildete er den Verwaltungsrat des Instituts für Politik, Wirtschaft und Recht. Zusätzlich amtete Wagner als Anwalt der Basler Zeitung Medien (BZM). In dieser Funktion liess er sich mit den Kreisen ein, die ihn später so bitter enttäuschten. 2002 verkaufte er für die BZM den Jean-Frey-Verlag an die Swissfirst Bank, die die Aktien an rechtsbürgerliche Zürcher Kreise und den Tessiner Financier Tito Tettamanti weitergab. 2006 zerlegte Wagner den Verlag für Tettamanti. Die «Weltwoche» erhielt Roger Köppel, Axel Springer den Rest. Wagner verdiente mit, sass in beiden Verlagen im Verwaltungsrat. Bei der «Weltwoche» gab Wagner als Verwaltungsratspräsident das politisch unverdächtige Feigenblatt für ein Heft ab, das bald einmal den Kurs der rechtskonservativen SVP-Kreise einschlug und in dem Blochers Ems-Chemie das Kreuzworträtsel sponserte. Es hatten alle was davon. Und so dachte Wagner, dass seine neuen Freunde auch etwas für ihn tun würden, so es sich rechnete. Als BaZ-Verleger Matthias Hagemann Anfang 2010 sein Unternehmen verkaufen musste, wollte Wagner nach Jahren des Mandatesammelns in der Medienbranche endlich selbst als Verleger auftreten. Mit Einfluss bei Axel Springer, Constantin Film, Escor, Radio Basilisk, der BaZ und anderen Medienunternehmen wollte er einen Multimedia-Verbund schaffen, der apolitisch und gut vermarktbar sein sollte.

Ahnungsloser Strohmann

Bloss: Für die BZM fehlte ihm das Geld. Tettamanti half aus und kurz nach dem Deal legte Wagner auf einer ganzen BaZ-Seite seine Strategie offen. Der Rest ist bekannt: Tettamanti installierte Markus Somm als Chefredaktor und Christoph Blocher als Berater – gegen Wagners Willen, Strategie und öffentliche Versprechen. Wagner trat ab oder – wie es Blocher ausgedrückt haben soll – musste abtreten, weil er mit dem Management überfordert gewesen sei.

Nun schlägt Wagner zurück und besinnt sich dabei auf seine Basler und Baselbieter Wurzeln und Freunde: Mit Weggefährte Burgener und dem Casinokonzern Escor will er Blochers rechtsbürgerlichen Investoren die zum Verkauf stehenden Radio- und TV-Sender der Tamedia (die unter anderem den TA verlegt) vor der Nase wegschnappen. Und an der Spitze der Baselbieter FDP zieht er in den Wahlkampf, indem er Blocher und seine Mitstreiter mit deren eigenen Waffen angreift: mit Medienpräsenz durch Tabubruch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2011, 22:30 Uhr

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