Das Enfant terrible der SP drängt an die Parteispitze

Cédric Wermuth ist die Nachwuchshoffnung der SP. Als Juso-Chef bringt er die Jungpartei wieder in die Schlagzeilen. Jetzt will er ins SP-Präsidium.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am liebsten fährt er Bastien Girod an den Karren: «Seine Offroader-Initiative ist bloss warme Luft, reine Effekthascherei», sagt Cédric Wermuth. Der Juso-Präsident gibt den Polit-Wrestler: Seine Attacke gegen das Aushängeschild der Jungen Grünen - das ist Schau-Schimpfen fürs Publikum. Tatsächlich nämlich zählt er Girod zumindest zu seinen Facebook-Freunden.

Und im weiteren Gespräch mit dem TA kann der 22-jährige Sohn eines Sozialpädagogen-Ehepaars aus dem Aargauer Freiamt dem Ruf nach einem Offroader-Verbot doch auch gute Seiten abgewinnen. Mit ihren Nackt-Auftritten und Autokleber-Aktionen haben die Jungen Grünen der Juso aber nun einmal den Rang als coole Linkspartei abgelaufen. Ein Kerl mit dem Selbstbewusstsein und dem Temperament eines Cédric Wermuth muss da einfach tüchtig dreinfahren.

Die Konkurrenz durch Girods Truppe ist überhaupt der Grund, warum sich die Jungsozialisten 20 Jahre nach der Abschaffung dieses Postens wieder einen Präsidenten gegeben haben.

«Politik funktioniert heute über Köpfe», weiss Wermuth, der vor seiner Wahl Anfang Juni zwei Jahre lang als Zentralsekretär der 1500 Mitglieder zählenden Juso tätig war. «Ich bin jetzt das Gesicht der Partei. Mein Job ist es, dass die Juso Schweiz nach langem Tiefschlaf wieder wahrgenommen wird und die Leute abholt.»

Bekannt in drei Monaten

Wahrgenommen wird die Jungpartei inzwischen in der Tat. Am letzten Parteitag der SP steckte sich das Juso-Gesicht einen Joint in den Mund; das Bild vom kiffenden Wermuth hat es sogar auf die Internetsite einer grossen US-Zeitung geschafft.

Vor Wochenfrist solidarisierte sich Wermuth mit den behördlich eingeschüchterten Botellón-Fans. Dazwischen hat er tatkräftig mitgeholfen, den Widerstand gegen das von SP-Chef Christian Levrat lancierte Sicherheitspapier zu organisieren, worüber der Parteitag im Oktober befinden wird. «Wir sind keineswegs dagegen, dass man über Sicherheit diskutiert», sagt Wermuth. «Doch Levrats Papier strotzt vor repressiven Elementen. Wir dürfen nicht die Bürgerlichen kopieren.»

Nichtsdestotrotz sprechen die beiden Präsidenten mit viel Sympathie voneinander. Was nicht von ungefähr kommt: Auch Levrat spickt seine Reden gern mit markigen Worten. Umso konzilianter und pragmatischer gibt er sich dann im kleinen Kreis.

Vom Gymnasium zur Revolution

An den Pragmatismus tastet sich Cédric Wermuth immer noch heran. Der Mann ist in wohlbehüteten Verhältnissen aufgewachsen, hatte lange Gymnasiastenjahre Zeit, um eine sozialrevolutionäre Weltsicht auszubilden.

Politisiert wurde er als 15-Jähriger im Kampf gegen die Neonazis in der Dorfbeiz von Boswil. Später zog er an einer 1.-Mai-Veranstaltung in Lenzburg gegen das «kranke» politische System vom Leder und war hart daran, die Revolution auszurufen. Heute sagt er: «Ich habe nach wie vor die Vision einer gerechteren Welt. Eine solche Rede würde ich trotzdem nicht mehr halten.»

Er habe dazugelernt, wisse, dass es Kompromissfähigkeit brauche, um etwas zu erreichen. Immerhin ist er neben Partei-Engagement und seinem Politologiestudium an der Uni Zürich als persönlicher Mitarbeiter des Aargauer SP-Nationalrats Urs Hoffmann tätig _ einem auch bei Bürgerlichen geachteten, ausgesprochen nüchternen Finanzpolitiker.

Auf dem Marsch in Richtung Institutionen

Noch etwas unstet wirkt Wermuths Einstellung zur Macht. So bezeichnete er unlängst in der WOZ die Berner SP-Nationalrätin und Ex-Juso Evi Allemann als «Vertreterin einer extrem gouvernementalen Partei, die in vielen Kantonen zu einem Machtverwaltungsapparat geworden ist».

Im Gespräch mit dem TA dagegen macht Wermuth aus seinen eigenen politischen Ambitionen keinen Hehl: 2009 kandidiert er für den Aargauer Grossrat und den Einwohnerrat seiner Wahlstadt Baden. Gegen ein Nationalratsmandat hätte er selbstredend auch nichts einzuwenden. «Solange es der Partei nützt, ist Ehrgeiz nichts Verwerfliches», sagt Wermuth. Und: «Ja, es gibt Leute in der Juso, die mich als Machtmenschen bezeichnen.»

Die Bedenken der Alten

Alles in allem steht die Juso allerdings klar hinter ihrem Chef. Letzten Samstag hat ihn die Delegiertenversammlung zum Kandidaten für die Nachfolge der abtretenden Silvia Schenker im fünfköpfigen SP-Vizepräsidium nominiert. Bislang ist er der einzige Kandidat, und Christian Levrat beteuert, dass er sich das Enfant terrible gut an seiner Seite vorstellen könne.

Es gibt indes auch Bedenkenträger: Der Zürcher Nationalrat Andreas Gross etwa, Juso-Präsident in den 80er-Jahren, hält es für einen «Irrtum, dass die Jungen so früh wie möglich in die Institutionen drängen. Das bremst ihre Kreativität. In die Institutionen sollte man sich erst wählen lassen, wenn man eine ausgereifte politische Identität hat».

Evi Allemann fragt sich, «ob die Juso nicht Schaden nimmt, wenn diese sich ins Präsidium einbinden lässt. Damit verlieren die Jungen ein Stück ihrer Unabhängigkeit». Ausserdem findet die Bernerin «die Personalunion von Juso-Präsident und SP-Vizepräsident ungünstig. Da besteht die Gefahr, dass die Jungpartei zur One-Man-Show wird.

Darf ein SP-Vizepräsident öffentlich kiffen?

Die Zürcher Nationalrätin und SP-Vizepräsidentin Jacqueline Fehr wiederum befürchtet, «dass ein Juso-Funktionär im SP-Vizepräsidium in einen Rollenkonflikt geraten kann». Im Präsidium sei man auf Vertraulichkeit angewiesen. «Sollte Cédric Wermuth gewählt werden, muss er sich ebenfalls an diese Vertraulichkeit halten und nicht nach jeder Besprechung eine Juso-Aktion für oder gegen etwas starten.» Könnte sich ein SP-Vize aber wenigstens mal einen öffentlichen Joint leisten? Jacqueline Fehr meint Ja. SP-Chef Levrat lässt diese Frage offen.

Trotz kritischer Töne stehen Wermuths Wahlchancen gut. Jacqueline Fehr: «Die Juso geniesst bei der Basis Sympathie. Ausserdem ist Cédric ein vielversprechendes Nachwuchstalent.» Wermuth wäre übrigens der jüngste Vize der Schweizer Parteiengeschichte - und würde damit den Jungen Grünen gleich noch eins auswischen. Den Ehrentitel der Jüngsten hält derzeit Aline Trede. Die 24-Jährige wurde im April als Vertreterin der Jugend zur Vizepräsidentin der Grünen Partei gekürt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2008, 10:36 Uhr

Blogs

History Reloaded Der missverstandene Imperialist

Von Kopf bis Fuss Lebensglück bis ins hohe Alter

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Trägt ein aufwändiges Kostüm: Ein maskierter Mann posiert bei einer Kundgebung des senegalesischen Präsidenten in Dakar für Fotografen. (21. Februar 2019)
(Bild: MICHELE CATTANI) Mehr...