Streit um Psychotherapie spitzt sich zu

Die psychologischen Psychotherapeuten fordern in einer Petition mehr Kompetenzen. Das ärgert namhafte Psychiater: Sie greifen die Pläne harsch an.

Krankenkassen bezahlen Psychotherapien nicht in jedem Fall. Foto: Judith Dekker (Hollandse Hoogte)

Krankenkassen bezahlen Psychotherapien nicht in jedem Fall. Foto: Judith Dekker (Hollandse Hoogte)

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94'422 Unterschriften haben sie gesammelt – und das in nur drei Monaten. Sie, das sind Psychologinnen und Hausärzte, Angehörige von psychisch Kranken sowie Patientinnen, die sich Sorgen um den Zugang zur Psychotherapie in der Schweiz machen.

In ihrer Petition, die sie im März eingereicht haben, fordern die Unterzeichnenden vom Bundesrat mehr Kompetenzen für die psychologischen Psychotherapeuten. Heute müssen diese bei einem Psychiater angestellt sein, damit die Krankenkassen die Therapiekosten übernehmen. Die Abrechnung erfolgt über den Psychiater, der die Therapie ­verordnet und beaufsichtigt. Anstelle dieses Delegationsmodells wollen die Psychologen ein Anordnungsmodell, wie es die Physiotherapeuten kennen. Alle Mediziner, zum Beispiel Haus- oder Kinderärzte, sollen eine Therapie verordnen dürfen, und die Psychologen müssten nicht mehr angestellt sein, um Geld von der Kasse zu erhalten.

«Kostenexplosion droht»

Der Sammelerfolg alarmiert die Psychiater – so sehr, dass der seit langem schwelende Streit mit den Psychologen jetzt öffentlich ausbricht. Auslöser sind zwei Meinungsbeiträge von Erich Seifritz. Der Präsident der Vereinigung Psychiatrischer Chefärztinnen und Chefärzte warnt in der aktuellen «Ärztezeitung» und in einem NZZ-Gastkommentar mit harschen Worten davor, die Psychologen zur Grundversicherung zuzulassen. Deren Forderung sei «eine grosse Gefahr für die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung in der Schweiz», schreibt der Chefarzt der Erwachsenenpsychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. So drohe etwa eine «Kostenexplosion durch Mengenausweitung» – gemeint sind steigende Patientenzahlen, wenn mehr Ärzte Psychotherapien verordnen könnten. Zudem würde die Behandlungsqualität durch das neue System leiden, weil die Kontrolle durch den Psychiater fehle.

Die Schweiz würde so ein ­«kaputtes System» kopieren, schreibt Seifritz mit Verweis auf Deutschland. Dort kann seit zwanzig Jahren jede Person direkt einen psychologischen Psychotherapeuten aufsuchen. Nötig ist dafür nur eine Bescheinigung des Hausarztes, dass keine körperliche Erkrankung die Therapie beeinträchtigt. In der Folge seien die Wartezeiten auf einen Therapieplatz trotz mehr Psychotherapeuten angestiegen, schreibt Seifritz. Und es habe sich ein Graben aufgetan: Während sich Psychiater mehr um Schwerkranke wie etwa Schizophrene kümmerten, behandelten Psychologen vor allem Personen mit leichteren Störungen wie Burn-outs oder Lebenskrisen. Seifritz’ öffentliche Kritik sorgt in der Branche für grossen Aufruhr. Namhafte Experten widersprechen dem Chefarzt vehement: «Es leuchtet mir absolut nicht ein, warum ein System, das den Patienten grössere Wahlmöglichkeiten gibt, schlechter sein soll», sagt Jérôme Endrass, Fachpsychologe für Rechtspsychologie und Psychotherapie.

Dem Stabschef des Zürcher Amts für Justizvollzugs (JuV) kommt es vor, als wolle der Psychiater «seinen eigenen Garten schützen». Dabei müsse das Ziel die «bestmögliche Therapie für alle Patienten» sein – auch für jene, die auf die Kostenübernahme durch die Grundversicherung angewiesen seien. «Wohlhabendere Patienten können schon jetzt zu einem psychologischen Psychotherapeuten. Sie zahlen einfach selber dafür.»

Die Psychologen werden von den Haus- und Kinderärzten unterstützt.

Es sei mitnichten so, dass sich Psychiater um die Schwerkranken reissen würden, sagt Endrass. «In Wahrheit will sie niemand. In Zürich etwa ist es sehr schwierig, bei niedergelassenen Psychiatern einen Behandlungsplatz für Menschen mit Schizophrenie zu finden. Oft müssen diese in einem Ambulatorium einer Klinik behandelt werden.»

Mit Thomas Noll, Leiter der Fachstelle Forensik beim JuV und selber Psychiater, hat Endrass eine Replik verfasst, die dieser Zeitung vorliegt. Darin plädieren sie auch aus marktwirtschaftlichen Erwägungen für das neue System. «Wenn die Psychotherapeuten auf Anklang stossen, floriert die Praxis, wenn nicht, sind sie weg vom Fenster», schreiben sie. Mit dieser freien Wahl hätten manche Psychiater jedoch Mühe – weil sie vom aktuellen System profitierten. Dieses sei geprägt von einer «hierarchischen Vorstellung der Götter in Weiss».

Seifritz’ Angriff sorgt auch beim Psychologenverband FSP für Empörung. «Die Vorwürfe entbehren jeder Grundlage», sagt Sprecher Philipp Thüler. Eine ärztliche Anordnung sei auch mit dem neuen Modell nötig; das stelle sicher, dass es «keine Mengenausweitung und Kosten­explosion» gebe. Statt längerer Wartefristen würde dank vereinfachter Anordnung eine Versorgungslücke geschlossen – insbesondere auf dem Land und bei Kindern, sagt Thüler. Auch er vermutet andere Motive hinter der Kritik. «Im heutigen Modell können Psychiater bequem mitverdienen, wenn sie Psychologen für sich arbeiten lassen. Herr Seifritz hat wohl Angst davor, dass der Tarif für Psychiater mit der wachsenden Konkurrenz unter Druck geraten könnte.»

Unterstützt werden die Psychologen von den Haus- und Kinderärzten. Verbandspräsident Philippe Luchsinger betont, dass auch künftig Fachpersonen die Therapie anordnen und ausführen würden. Der einzige Unterschied sei, dass die Psychologen nicht mehr angestellt wären. Ein freier Zugang zur Psychotherapie wie in Deutschland sei in der Schweiz nicht vorgesehen.

«Grosse Emotionen»

Seifritz’ Meinung entspreche nicht derjenigen aller Psychiater, sagt Pierre Vallon, Präsident der Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Der Verband habe seine Haltung noch nicht konsolidiert. Eine Mehrheit wolle jedoch beim Delegationsmodell bleiben. «Für die Psychiater würde sich finanziell und organisatorisch viel verändern – das löst grosse Emotionen aus», sagt Vallon. Psychiater könnten jedenfalls nicht einfach durch Psychologen ersetzt werden. Diese hätten zu wenig klinische Kompetenzen, um Patienten mit schweren psychiatrischen Erkrankungen zu behandeln.

Trotz dieser Vorbehalte sind die Psychologen zuversichtlich: Auch im Parlament wächst der Druck auf den Bundesrat. Aktuell sind neun Vorstösse zum Thema hängig. In seinen Antworten hält der Bundesrat die derzeitige Regelung zwar nicht mehr für angemessen. Gleichzeitig befürchtet er aber höhere Kosten. Ob er eine neue Verordnung für die Psychotherapie erlässt, wird sich nach der Vernehmlassung zeigen, die im Juni beginnt. ­Anderenfalls prüfen die Psychologen eine Volksinitiative. Die ­Petition hat gezeigt: Die Unterschriften dürften sie rasch beisammenhaben.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.04.2019, 23:41 Uhr

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