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Streit um Tests für ältere Fahrer

Wie alt ist zu alt zum Fahren? Bundesrat und Parlament finden: Kontrollen für Lenker sind erst ab 75 Jahren nötig. Während die Ärzte dies begrüssen, warnen Rechtsmediziner.

Viele Menschen sind heute bis ins hohe Alter noch fahrtüchtig. Foto: Ennio Leanza (Keystone)
Viele Menschen sind heute bis ins hohe Alter noch fahrtüchtig. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Wie gefährlich sind ältere Autofahrer? Eine Antwort darauf hat in der Schweiz momentan niemand – entsprechende Studien fehlen. Das Verhalten der Senioren lässt aber darauf schliessen, dass nicht alle Vertrauen haben in ihre eigenen Fähigkeiten: So gaben im vergangenen Jahr rund 10'000 Lenkerinnen und Lenker zwischen 70 und 74 ihren Führerausweis freiwillig ab. Die Mehrheit von ihnen tat dies, nachdem sie mit 70 Jahren zur ersten obligatorischen Kontrolluntersuchung beim Arzt gegangen waren. Die Diskussion um die Unfallgefahr, die von älteren Fahrern ausgeht, hat ihren Ursprung in einem Entscheid des Parlaments von vergangenem Juni. Damals beschloss eine Mehrheit aus SVP, FDP und CVP, dass sich Autofahrer künftig erst mit 75 Jahren ärztlich untersuchen lassen müssen, wenn sie ihren Führerschein behalten wollen. Heute findet die erste Kontrolluntersuchung mit 70 Jahren statt; daraufhin alle zwei Jahre wieder.

Die Verkehrskommission des Nationalrats hat inzwischen einen Gesetzesentwurf erarbeitet, zu dem der Bundesrat gestern Stellung nahm. Die Regierung unterstützt im Namen der Eigenverantwortung die Heraufsetzung des Alters für die Fahrtüchtigkeitsprüfungen, schlägt aber flankierende Massnahmen vor. So will der Bundesrat die 70-Jährigen einerseits – zum Beispiel per Brief – auf die Möglichkeit hinweisen, solche Tests zu machen. Zudem sollen Senioren «ermutigt werden, den Umgang mit Assistenzsystemen zu vertiefen». Damit sind beispielsweise Spurhaltesysteme gemeint, die den Lenker darauf aufmerksam machen, wenn er aus der Spur kommt. Oder Systeme, die abbremsen, wenn man zu nahe an ein anderes Auto auffährt.

Ganz oder gar nicht

Rolf Seeger, Verkehrsmediziner an der Universität Zürich, hält davon gar nichts. «Wenn jemand nicht mehr imstande ist, die Spur zu halten, soll er nicht mehr Auto fahren, Punkt.» In anderen Situationen, etwa beim Rechtsvortritt, gebe es ja auch keinen Fahrassistenten. «Wenn der Velofahrer dann unter dem Auto liegt, ist es zu spät.» Auch die Eigenverantwortung, auf die der Bundesrat setzen will, spiele bei jenen nicht, die es am dringendsten nötig hätten: den Demenzkranken. «Sie wehren sich oft besonders heftig gegen einen Ausweisentzug, weil sie das Gefühl haben: Jetzt nimmt man mir auch das noch weg.» Laut Seeger besitzen rund 10'000 demente Personen zwischen 70 und 75 Jahren einen Führerschein. Dazu kämen jene, die an einer Sehschwäche litten, das aber selber kaum bemerkten. Er betrachte deshalb die Heraufsetzung des Alters als einen Fehler.

Allerdings ist sich die Ärzteschaft darin nicht einig. So begrüsst der Verband der Schweizer Hausärzte die vorgeschlagene Gesetzesänderung. «Wir führen heute viel zu viele sinnlose Untersuchungen durch», sagt Präsident Philippe Luchsinger, «und zwischen 70 und 75 fischen wir fast niemanden heraus, der fahruntüchig ist.» Auch sei nicht klar, wie die Zahlen des Bundesrats zur freiwilligen Abgabe des Führerausweises einzuordnen seien. «Vor fünf Jahren waren es noch die Hälfte.» Warum es jetzt so viele mehr seien, wisse niemand. Deshalb sei es nötig, erst einmal eine wissenschaftliche Studie dazu durchzuführen, welche Altersgrenze bezüglich Verkehrssicherheit optimal wäre.

Ein Kompromissvorschlag

Das Fehlen ebensolcher Daten hat beispielsweise die Verbindung Schweizer Ärzte (FMH) dazu bewogen, keine Stellungnahme abzugeben. Luchsinger befürwortet auch den Vorschlag des Bundesrats, die 70-Jährigen mit Briefen auf Kurse und Kontrollen aufmerksam zu machen. «Solche Kurse gibt es schon heute, nur wissen das die wenigsten.» Beispielsweise können Senioren eine Fahrstunde mit pensionierten Fahrlehrern absolvieren, um zu testen, wie es um ihre Fahrtüchtigkeit steht.

SP-Nationalrat Thomas Hardegger hatte sich im Parlament vergebens dafür eingesetzt, die Kontrollen bei 70 Jahren zu belassen. Nun unternimmt er in der Sommersession einen letzten Anlauf. Sein Vorschlag: Die erste Untersuchung soll mit 70 Jahren stattfinden, die nächste aber erst mit 75. Es wäre ein Kompromiss – wie gut dessen Erfolgschancen sind, wird sich zeigen.

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